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700 Stunden im MoMA : Marina Abramović: Leben für die Vergänglichkeit

Das New Yorker Museum of Modern Art ehrt die für ihre extremen Performances berühmte Marina Abramović mit einer Retrospektive. Die Aktionskünstlerin kam persönlich zur Eröffnung und will 700 Stunden im Museum sitzen bleiben.

          Bald wird jeder New Yorker behaupten können, Marina Abramović zu kennen. Es ist ganz einfach, aber nicht unbedingt leicht. Man geht hin, setzt sich zu ihr und schweigt. Auch als ich sie das letzte Mal besuchte, sprach sie kein Wort mit mir. Sie erlaubte mir aber, dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben lebte, den privaten Teil inbegriffen. Ich sah also nicht nur, wie sie zum Waschbecken ging, um ein Glas Wasser zu trinken, sondern auch, wie sie sich duschte und auf die Toilette setzte. Ich konnte so lange bleiben, wie ich wollte. Sie hatte sogar ein Fernrohr aufgestellt, durch das ich sie beobachten durfte. Ich sollte den Eindruck gewinnen, sie gut zu kennen. Das war vor acht Jahren, in der New Yorker Sean Kelly Gallery. Jetzt sitzt sie wie eine Wachsfigur im unwirtlichen Riesenatrium des Museum of Modern Art, und ich muss mir eingestehen, dass ich Marina Abramović nie gekannt habe und nicht kenne, dass sie mir vielmehr ein großes Rätsel ist.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Am ersten Tag der bahnbrechenden Retrospektive, mit der das Museum of Modern Art sie ins Großkünstlertum zu erheben und nebenbei die flüchtige Natur der Performance einer musealen Ewigkeit anzuvertrauen sucht, stehen die Besucher Schlange, um sie kennenzulernen, eins zu eins, Auge in Auge, stumm. Ich aber schrecke vor der Einladung, der Aufforderung zur Intimität im eiskalten Scheinwerferlicht, zurück.

          Etwas Gezwungenes, Divenhaftes liegt darin, auch etwas Verschwiemeltes, mit Anklängen ans New Age, das Abramović in ihren Vorstellungen vom Energieaustausch umkreist. Die sechziger und siebziger Jahre schwingen mit, als die Mauer zwischen Kunst und Leben weiter eingerissen wurde. Immerhin, nur vorgespielt erscheint die Intimität im MoMA nicht. Das den Tumult regungslos missachtende Medium, hier Künstlerin genannt, hat um sich herum ein Netz aus gespannter Ruhe und Unantastbarkeit gewoben. Ihre Performance hat magnetische Kraft, ob sie nun etwas darstellt oder von Grund auf ist.

          In einem stinkenden Keller

          Vor mehr als sechzig Jahren im damals noch jugoslawischen Belgrad geboren, wuchs Marina Abramović in eine experimentelle, revolutionäre Zeit hinein, die einen Joseph Beuys anregte, drei Tage lang mit einem Kojoten in einer Zelle zu verbringen, oder einen Vito Acconci, unter dem Fußboden einer Galerie zu liegen und zu onanieren, derweil über ihm die Besucher flanierten. Auch Abramović wollte schocken, bis hin zum Spiel mit dem Tod. Sie lieferte sich sechs Stunden lang einem Publikum aus, das mit ihr anstellen konnte, was es wollte. Unter den zweiundsiebzig Instrumenten, die sie ihm zur Verfügung stellte, befanden sich Nägel, Streichhölzer, eine Schere, eine Säge, eine Peitsche, ein Lippenstift und eine Pistole samt einer Kugel.

          Mit Frank Uwe Laysiepen, dem deutschen Performancekünstler, der sich Ulay nannte, war sie ein skandalträchtiges Duo, in der Kunst und im angeblich wahren Leben. Sie durchquerten Europa in einem schwarz bepinselten Lieferwagen, der nun im sechsten Stock des MoMA geparkt ist. Sie lebten unter Aborigines und Buddhisten. Sie dauerküssten sich, wobei sie gleichmäßig durch die Nase atmeten. Sie knoteten ihre Haare zusammen und sprachen kein Wort miteinander. Zum Eingreifen aufgefordert wurden die Zuschauer, als Ulay einen Bogen spannte, dessen Pfeil direkt auf Abramovićs Herz zielte. Sogar das Ende ihrer Liebe nahm als Performance buchstäblich seinen Lauf. Zum Abschied liefen sie sich beide drei Monate lang auf der Chinesischen Mauer die Füße wund, sie vom Osten her, er vom Westen, und als sie sich trafen, gingen sie auseinander.

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