Das Jahr 1510 in Rom war spannungsgeladen. Achtzehn Jahre zuvor hatte der Genuese Christoph Columbus eine neue Welt entdeckt und so die Grundlage des spanischen Weltreichs gelegt. Sieben Jahre später sollte die Christenheit durch die Unbeugsamkeit eines deutschen Bettelmönchs auseinanderbrechen. Auf dem Papstthron saß 1510 ein Italiener, Julius II., il Terribile, der Schreckliche, wie die Römer raunten. Kardinal war der junge Giuliano della Rovere dazumal durch seinen Onkel Papst Sixtus IV. geworden. Mit politischem Geschick, Intrigen und gestreuten Gerüchten hatte er dazu beigetragen, den Ruf seines Erzfeindes, des Spanierpapstes Alexander VI. Borgia, zu ruinieren.
Gewiss, dieser Papst hatte im Stil eines weltlichen Fürsten gelebt, nicht anders als die italienischen Renaissancepäpste auch, doch er hatte weltpolitisches Format. Während sein italienischer Vorgänger Innozenz VIII. es als Höhepunkt seines Pontifikats ansah, seinen Sohn mit der Tochter Lorenzos des Prächtigen von Florenz zu vermählen und der zu Papst Julius II. gewordene della Rovere in den Krieg ritt, um dem Kirchenstaat Besitzungen hinzuzufügen, gelang es AlexanderVI. im Vertrag von Tordesillas, die Großmächte Spanien und Portugal zu einer Teilung der Welt in Interessensphären zu bewegen. Damit hat er der Menschheit Tausende von Kriegstoten erspart.
Frommes Kunsthandwerk oder große Kunst?
Der monströse Ruf Alexanders VI. ist nicht zuletzt das Werk der nationalitalienischen Propaganda, die den Spanier nach allen Regeln der Infamie verunglimpfte. Mit Hexen habe er sexuell verkehrt, ließ zum Beispiel sein Sekretär Burchard von Straßburg verlauten. Dass Innozenz VIII., Julius II. selbst und weitere italienische Päpste Kinder hatten, weiß die Geschichte, doch verschweigt es die Fama. Die Desinformationskampagne des Kardinals della Rovere und seiner italienischen Freunde, die alle Unarten der Renaissance auf den Spanierpapst projizierten, hat bis heute Erfolg.
So wäre Julius II. als verschlagener Intrigant, mittelmäßiger Politiker und erfolgloser Kirchenreformator in den Fußnoten der Geschichte verschwunden, wäre nicht sein Streben nach Nachruhm gewesen. Während Papst Alexander VI. sich nicht um sein Grab kümmerte und seine Gebeine mit denen seines Onkels, Papst Calixt III., fast dreihundert Jahre lang in einem Sakristeischrank vermoderten, strebte der Roverepapst bald nach seiner Wahl nach einem Prunkgrab. Der Renaissancemensch wusste, dass nicht frommes Kunsthandwerk ewigen Ruhm verleihen konnte, sondern nur große Kunst.
Die kam damals nicht aus Rom, die gab es in Florenz, in Umbrien, in Mailand. So beauftragte er Donato Bramante aus Mailand, ihm das größte Gotteshaus der Welt zu planen. Das Pantheon solle er auf die gigantische Basilika des Konstantin wuchten, so wollte es der Papst, und für die Finanzierung mussten Ablässe her, verhängnisvolle, wie sich später herausstellen sollte. Den jungen, schon berühmten Michelangelo Buonarotti aus Florenz betraute er mit dem Entwurf seines Grabs, das mit 48 titanischen Gestalten die Apsis des neuen Petersdoms füllen sollte.
Provokation eines Frommen
Bald zeigte sich, dass dem Ehrgeiz des Papstes das vulkanische Temperament des jungen Künstlers nicht nachstand. Michelangelo hatte die riesigen Marmorblöcke in Carrara ausgesucht, schon stapelten sie sich vor St.Peter, als der Papst plötzlich den Plan verwarf und dem Künstler stattdessen befahl, die Decke der Kapelle auszumalen, die sein Onkel Sixtus IV. errichtet hatte. Prompt reiste Michelangelo wütend aus Rom ab. Nichts wollte er hören von neuen Plänen.
Der Papst setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn aus Florenz nach Rom zurückzubringen. Nichts half. Schließlich trafen sie sich in Bologna. Was da passierte, ist bis heute in den Annalen des vatikanischen Protokolls ohnegleichen: Aufrecht trat der dreißigjährige Künstler dem alten Papst entgegen. Händeringend versuchte ein Bischof zu vermitteln. Doch der Papst brüllte den guten Mann an und ließ ihn hinauswerfen. Julius II. blieb unbeirrbar.
Immerhin erreichte Michelangelo, dass er das Programm der sixtinischen Decke frei bestimmen durfte. Ursprünglich hatte er die Apostel malen sollen, die Ursprünge der Kirche, Hüter der apostolischen Sukzession. Doch was er, der Tieffromme, stattdessen schuf, war eine einzige Provokation. Er pries nicht die Kirche, wie sein Auftraggeber gewünscht hatte, sondern er mahnte sie, mahnte den machtbewussten Papst, die ungeistlichen Kardinäle, all diejenigen, die Tag für Tag in dieser Kapelle Messe feierten, dass Christus das Zentrum von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei.
Vom göttlichen Leben der Decke
Denn nicht die Schöpfungsgeschichte malte Michelangelo, wie die Reiseführer meinen, sondern den Anfang des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort...Und durch das Wort ist alles geworden.“ Durch den Logos, Christus, ist alles geworden. Sein Kommen ahnen die jüdischen Propheten und die heidnischen Sybillen, deren Bilder Michelangelo anbringt, gewaltige Gestalten, in denen sich alle Ahnungen und Sehnsüchte der Menschheit verdichten.
Ihr Denken geht nicht ins Leere, denn zwischen ihnen spielt sich die Schöpfung ab und in deren Mitte die Erschaffung des Menschen. Während der aktive Finger Gottes da dem ersten Menschen die Lebenskraft gibt, ruht seine andere Hand auf einem kleinen Kind, in dem manche den Jesusknaben aus der Brügger Madonna wiedererkennen wollen. Durch ihn, durch Christus, ist alles geworden, und die Kirche kommt an dieser Decke gar nicht vor. Sie kann nur mühsam unten mit ihren heiligen Päpsten die Seitenmauern schützen, über denen sich das jeder Mauer spottende göttliche Leben der Decke abspielt.
Die sixtinische Decke ist vielleicht die unerhörteste Laienpredigt aller Zeiten, ein lauter Ruf im Zentrum der Christenheit, zum Wesentlichen zurückzukehren in einem dramatischen historischen Augenblick, in dem der große abendländische Riss vielleicht noch hätte verhindert werden können.
„Unsittliches Bad von Nackten“
Als der grüblerische Künstler 1510 oben an der Decke dem Papst mit gewaltigen Pinselstrichen seine Meinung malte, öffnete sich möglicherweise unten leise eine Tür: Damals und bis heute haben die Augustinereremiten die Aufsicht über die Sixtinische Kapelle. Und wir wissen, dass gerade in diesem Jahr ein junger, frommer und hochgescheiter Augustinereremit aus Erfurt zu Fuß in Rom angekommen war und im Kloster der Augustinereremiten bei Santa Maria del Popolo wohnte. Martin Luther hieß er, und es war gar nicht zu vermeiden, dass er auch in die seinem Orden anvertraute Kapelle kam.
Was muss das für ein weltgeschichtlicher Moment gewesen sein, als die beiden Männer sich da begegneten. Michelangelo, der sich zeit seines Lebens mit großem Idealismus für eine Reform der Kirche einsetzte und in der Sixtina mit der Kraft der Kunst der Kirche die Leviten las; Luther, der wenige Jahre später mit der Kraft des Wortes seine Thesen wie Hammerschläge der Kirche entgegenschleuderte. Was, wenn sie sich beide als Brüder im Geiste erkannt hätten? Was, wenn Michelangelo Luther hätte klarmachen können, dass all die sinnliche Diesseitsfreude der Renaissance nicht nur sündhafte Liederlichkeit der „babylonischen Hure“ sei, nicht bloß Ablenkung und Abfall zum Heidentum?
Auch ein anderer Deutscher, Papst Hadrian VI., konnte zehn Jahre später in der sixtinischen Decke nur ein unsittliches „Bad von Nackten“ sehen. Was wäre geschehen, wenn Michelangelo dem sechsundzwanzigjährigen feurigen Mönch hätte verständlich machen können, dass in Italien spätestens seit Franz von Assisi das Diesseits, die Schöpfung und ihre Schönheit als eine gute Gabe Gottes gesehen und in der Kunst gepriesen wurde?
Martin Luther und Michelangelo
Wie man später Johann Sebastian Bach als den fünften Evangelisten verehrt hat, so malten, skulptierten und bauten viele italienische Renaissancekünstler die Frohe Botschaft mit der Kraft ihres Genies. Der fromme Michelangelo war einer der tiefgründigsten. Er hatte mit seiner Kunst schon einmal eine Brücke gebaut ins grüblerische Deutschland: Seine erste Pietà, die heute im Petersdom steht, zeigt zwar nach deutscher Art nur die Mutter und den toten Sohn, doch auf anmutige und zugleich anrührende Weise lädt der linke Arm Mariens die Betrachter zur Teilnahme ein und erweitert so das deutsche Andachtsbild zum in Italien üblichen Gruppenbild.
Hätten sie beide miteinander geredet, der italienische Künstler und der deutsche Mönch, hätten sie sich gar verstanden, dann hätte der junge Luther von seinem geistesverwandten Zeitgenossen, der auch an seiner Kirche litt und die Spannungen zwischen Anspruch und Wirklichkeit drastisch ins Licht stellt, vielleicht lernen können, wie man Kontraste aushält und mit der Kraft großer Kunst übersteigen kann.
Doch dieses Gespräch fand nicht statt: Als die kleine Tür in der Sixtinischen Kapelle sich leise wieder schloss, war eine weltgeschichtliche Chance verpasst, das folgenreichste kulturelle Missverständnis nahm seinen Lauf. Am Vorabend von Allerheiligen, also am 31.Oktober im Jahre des Herrn 1512, wurde die sixtinische Decke feierlich enthüllt, Luther war da längst wieder in Deutschland zurück. Auf den Tag genau fünf Jahre später, am 31.Oktober 1517, entfachte er in Wittenberg die Reformation.
Hätte Lütz ihn doch nur verstanden!
Benjamin Kilchör (Kiben)
- 02.11.2012, 10:00 Uhr
Luthers Leibfeindlichkeit - Lützens Projektion
Thomas Gandow (gandow)
- 01.11.2012, 20:37 Uhr
Reformatorische Glosse
Henk Wilbert (H.Wilbert)
- 31.10.2012, 18:30 Uhr
Michelangelo und Luther
Faustino Gallina (Veneziano)
- 31.10.2012, 17:45 Uhr
Sie gehen mit dem della Rovere zu hart ins Gericht
Roland Magiera (Roland_M)
- 31.10.2012, 15:07 Uhr