22.06.2010 · Entweder es klemmte etwas, oder die Rechner waren noch nicht so weit: Das Deutsche Museum in München feiert den hundertsten Geburtstag des Erfinders Konrad Zuse. Die Vorführung des Urcomputers sollte man sich nicht entgehen lassen.
Von Ernst HorstKonrad Zuse gilt als einer der Erfinder des Computers und als Schöpfer der ersten höheren Programmiersprache.“ So hatte es die Presseabteilung des Deutschen Museums sehr vorsichtig formuliert. Mir kam das etwas ängstlich vor; ein wenig selbstbewusster könnte sich eine so herausragende Institution schon geben. Wenn die es nicht wissen, wer denn sonst? Konrad Zuse, der 1995 starb, wäre heute hundert Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass wurde die Sonderausstellung „100 Jahre Konrad Zuse – Einblicke in den Nachlass“ eröffnet. Den Nachlass hat man im Jahr 2005 bekommen, und er hat sich als ein rechtes Danaergeschenk entpuppt. Je länger man ihn studiert, desto mehr Fragen sind offen. Andererseits lebt die Wissenschaft ja von der Herausforderung. Schwierigkeiten sind dazu da, überwunden zu werden. An dieses Prinzip hat sich Zuse immer gehalten.
Die Ausstellungseröffnung war mit einem umfangreichen Rahmenprogramm verknüpft. Es dauerte viele Stunden, aber am Ende verstand ich doch, warum der zitierte Satz so unverbindlich formuliert ist. Ich fühlte mich wie Paulus. „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse.“ Ich habe nun eine konsistente Vorstellung von Zuse, aber das Bild ist unscharf. Dieses Bild versuche ich zu beschreiben. Dabei vermische ich das Festkolloquium im vornehmen Ehrensaal, die Ausstellung, den Katalog und die Dauerausstellung Informatik.
Zuse im Zweiten Weltkrieg
Gleich am Anfang möchte ich etwas abarbeiten, was die Sensationspresse natürlich besonders interessiert hat. War Zuse in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt? Er arbeitete in der Rüstungsindustrie am Bombenbau mit. Er versuchte, seine Computer als Hilfsmittel zur „systematischen Rassenforschung“ zu verkaufen. Mit dem Ausgang des Kriegs war er zeitlebens unzufrieden. Parteimitglied war er nicht, wohl aber gute Freunde und nahe Verwandte. Er verehrte den Geschichtsphilosophen Oswald Spengler. So war es. Wer will, darf die Steine auf ihn werfen, die er verdient hat, aber es gibt auch anderes zu berichten.
Zuse war ein hochbegabter Jugendlicher. Diese Begabung äußerte sich aber am meisten im Bereich der Kunst. Am Ende der Untersekunda hatte er im Freihandzeichnen ein „sehr gut“ und in Mathematik nur ein „gut“. Seine künstlerische Betätigung schlief immer wieder einmal ein und erwachte erst dann neu, wenn er nichts Dringenderes zu tun hatte. Die Zeichnungen und Gemälde waren voll von futuristischen Ideen. Als Zuse in der Mitte der sechziger Jahre seine Firma aufgeben musste, begann er ein letztes Mal zu malen, technophile Farborgien mit Titeln wie „Wachstum“ oder „Hoffnung“. Sein Pseudonym war „Kuno See“. Andreas Strobl von der Staatlichen Graphischen Sammlung München brachte den jungen Zuse mit Künstlern wie Tschichold, Kandinsky und Feininger in Verbindung, dem späten Zuse gestand er keine besondere Aktualität mehr zu.
Statik war ihm zu langweilig
Zuse studierte zunächst Maschinenbau, wechselte dann aber zur Architektur und machte 1935 den Abschluss als Bauingenieur. Beim Maschinenbau fühlte er sich zu stark reglementiert. Ich glaube, dieser Wesenszug erklärt auch seinen späteren Zugang zum Computerbau. Ein Rechner war für ihn mehr ein schwungvolles Kunstwerk wie eine Kreuzung von sieben Autobahnen auf drei Etagen als so etwas wie eine stromdurchflossene Radiostation. Er bevorzugte immer die mechanischen Lösungen gegenüber den elektronischen. Vielleicht sollte man sein Leben auch als Kampf eines Ästheten gegen die Technokraten von IBM und Konsorten sehen, der letztlich hoffnungslos war.
Im Studium mochte er die langwierigen Berechnungen aus der Statik gar nicht. Das brachte ihn auf die Idee, eine programmierbare Rechenmaschine zu bauen. Er war immer ein Träumer, aber seine Träume waren meistens realitätsnah. Er träumte nicht wie Georgi Pokrowsky aus Moskau von atomgetriebenen Eisenbahnzügen mit einer Spurweite von 4,50 Metern, sondern von einem Rechner, der Schach spielen kann. Den Schachcomputer können wir längst kaufen, die Atomeisenbahn existiert immer noch nicht.
Eine Zigarre pro Bit
Das Versuchsmodell V1, das er in seiner späteren Nomenklatur aber als Z1 bezeichnete, entstand im Wohnzimmer der Eltern und sah etwa so aus wie ein Hühnerstall. Der rein mechanische Speicher von 64 Worten (zu 22 Bit) bestand aus mit der Laubsäge zugeschnittenen Blechen, die oft klemmten. Bei Zuse klemmte immer etwas, oder es musste zumindest ab und zu mühselig justiert werden. Schon die Z1 verwendete wie heutige Computer die Zahlendarstellung im Dualsystem mit Fließkommaarithmetik. Die Z3 von 1941 war der erste Zuse-Rechner, der funktionierte. Sie wurde im Krieg zerstört, aber im Deutschen Museum steht ein Nachbau. Wer dorthin kommt, sollte sich eine der Vorführungen nicht entgehen lassen. Hier wurden statt Blechen Telefonrelais verwendet. Ich wollte es erst gar nicht glauben und habe zweimal nachgefragt: Jedes Bit braucht so viel Platz wie eine Zigarre. Die Datei, an der ich jetzt gerade schreibe, besteht übrigens momentan schon aus etwa anderthalb Millionen Bit.
War nun Konrad Zuse der (oder wenigstens ein) Erfinder des Computers? Das hat Michael R. Williams aus Calgary untersucht. Die Frage ist offenbar ziemlich sinnlos. Man muss so viel willkürlich definieren – Was ist ein Computer? Was meinen wir genau mit Erfinden? –, dass es Dutzende von Kandidaten gibt, die man genauso gut zum Erfinder des Computers erklären könnte. Vermutlich ist schon das Senkblei ein so komplexes Instrument, dass es keinen eindeutigen Erfinder hat. Der Z3 folgte die Z4. Diese wurde seit 1950 an der ETH in Zürich wahrhaftig für konkrete Rechenarbeit verwendet. Zuse gründete 1949 seine Computerfabrik, die aber kein besonderer Erfolg wurde. Im Jahr 1967 ging sie in der Siemens AG auf. Der Siebenundfünfzigjährige wurde Privatier.
Ein Kalkül ohne Apparat
Wie steht es mit der zweiten großen Leistung, der „ersten höheren Programmiersprache“? Dabei handelt es sich um den „Plankalkül“, der von 1942 an entstand und 1948 veröffentlicht wurde. Der Plankalkül war nur ein genialer Entwurf, bei dem man noch viele wesentliche Lücken und Fehler entdeckt, wenn man nur genau hinschaut. Es gab keinen Rechner, auf dem man den Plankalkül hätte verwenden können. Als die Rechner so weit waren, konnte Zuse nicht mehr konkurrieren. Die höhere Programmiersprache Fortran entstand 1954. Noch im gleichen Jahr konnte man das erste Fortran-Programm ausführen. Der Plankalkül wurde erst 1975 implementiert, allerdings nur noch aus historischem Interesse. Wenn man es so sehen will, war Zuse also seiner Zeit mehr als dreißig Jahre voraus.
Das letzte große Projekt des Erfinders war der „Helixturm“. Das ist ein Turm, den man auf Knopfdruck ausfahren und wieder absenken kann. Er besteht aus vielen einander völlig gleichen Metallelementen, die eine Maschine am Boden aus Magazinen hervorholt und vollautomatisch zusammenbaut. Zu Zuses Nachlass gehörte ein nicht mehr funktionsfähiges Modell im Maßstab 1:30. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit hat Nora Eibisch dieses Modell mit viel Liebe und Geschick restauriert. Im Web findet man ein sehr sehenswertes Video, das zeigt, wie sie den Turm hochkurbelt. Dieser Apparat ist um eine Zehnerpotenz komplexer und schöner als alles, was Sie aus „Star Wars“ kennen. Hier zeigt sich die Quintessenz der Zuseschen Eigenheiten: eine genaue räumliche Vorstellung von den komplizierten Bauteilen, die Bevorzugung von mechanischen Lösungen, die mit einem Jules Verne vergleichbare Originalität – und der Murks. Wie bei Zuse üblich, gibt es noch ein paar Bugs. Im Film sieht man aus gutem Grund nicht das Absenken des Turms. Dabei verklemmt er sich nämlich gern.
Zuse versuchte intensiv, den Helixturm zu vermarkten, aber er hatte keinen Erfolg damit. Er dachte an Windkraftwerke, die bei zu hohen Windgeschwindigkeiten am Boden geparkt werden, und an den Bau (und Rückbau) von Hochhäusern in engen Metropolen, wo die Bauarbeiter keinen Platz haben, um sich auszudehnen. Um ehrlich zu sein, ich zweifle an der kommerziellen Potenz des Helixturms. Das Modell macht doch einen sehr komplizierten Eindruck. Es wäre wohl bestenfalls ein weiterer Wankelmotor geworden.
Der Dank der Nation
Zuse war immer stolz auf seine Leistungen und sehr auf seinen Ruhm bedacht. Er hatte viele gute grundlegende Ideen. Durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit wurden die Erfindungen aber oft nicht international bekannt und dann von anderen noch einmal gemacht. Er war ein Autodidakt und Bastler. Er hatte keine solide akademische Ausbildung in Mathematik (die Informatik gab es noch nicht) und immer zu wenig Kapital. Es ist schwer abzuschätzen, inwieweit der Mythos Zuse, an dem er selbst kräftig mitgebaut hat, mit der Realität übereinstimmt. Die Autobiographie „Der Computer – Mein Lebenswerk“ von 1970 unterscheidet sich sehr von seinen diktierten Erinnerungen „Die Uhr tickt“, auf denen sie beruht.
Zwischen 1977 und 1979 erstellte die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung eine umfangreiche Auswahl von Zuses Unterlagen auf schwarzweißem, nicht immer komplett leserlichem Mikrofilm. Viele Blätter wurden dafür aus dem Zusammenhang gerissen, und viele wurden nachträglich (falsch?) datiert. Aus diesen und anderen Gründen ist der Zuse-Nachlass nicht so aussagekräftig, wie man ihn gerne hätte. Unser Zuse-Bild ist noch ungenau, es wird in den nächsten Jahren mit Sicherheit noch ein paar interessante Korrekturen erfahren.