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Kunst und Revolte : Ruinöse Vision

Die Studenten ließen wissen, ihre Aktionen richteten sich gegen Großrazzien in der Frankfurter Drogenszene. Bild: Daniel Pilar

Frankfurter Kunststudenten haben ein ausgemustertes Polizeiauto in Brand gesetzt und fordern, das Bahnhofsviertel in die Hände der Junkies zu übergeben. Wer mit Kunst etwas voranbringen will, sollte es anders angehen. Ein Kommentar.

          Eine studentische Künstlergruppe in Frankfurt hat im Rahmen der Jahresschau ihrer Kunsthochschule ein ausgemustertes Polizeiauto, ein „Bullenauto“, wie sie es formuliert, „geschändet“ und abgefackelt. Den ausgebrannten Wagen stellte sie danach im Frankfurter Bahnhofsviertel ab, wo sich Passanten über ihn hermachten, bis ihn die Polizei abschleppte. Diese Aktionen, die in Videofilmen festgehalten wurden, richteten sich, so lässt die Gruppe wissen, gegen polizeiliche Großrazzien in der Drogenszene am Hauptbahnhof. Diese dienten nur dazu, Drogensüchtige aus dem Blick der Öffentlichkeit zu drängen. Man selbst sei erst zufrieden, wenn das Viertel fest im Griff von Junkies sei, die mit abgesägten Schrotflinten durch die Straßen patroullierten, während der Rauch ausbrennender Einsatzwagen sich mit dem Licht der Abendsonne mische.

          Diese Zukunft wollen die Kunststudenten in Form jener „visionären Ruine“ des zerstörten Polizeiautos vorwegnehmen. Ob die damit verbundene Zufriedenheit sich wirklich einstellen würde, ist eine offene Frage. Die Antwort hängt vermutlich davon ab, in welche Richtungen die Schrotflinten dann zielen würden, ob die Patrouillen der „völlig vercrackten Zombiehorden“ hübsch auf das Bahnhofsumfeld beschränkt blieben – die Kunsthochschule liegt auf der anderen Seite des Mains – und was dann sonst noch alles brennte. Selbstzufrieden aber sind die Künstler schon einmal, wenn sie einen solchen Streich für das allerdings erläuterungsbedürftige Dokument einer Verbindung von Kunst und Revolte halten.

          „Vercrackte Zombiehorden“

          Das ist nichts Neues. Auf Flugblättern der Berliner Kommune I wurde vor fünfzig Jahren, etwa unter dem Titel „Warum brennst Du, Konsument?“, darüber nachgedacht, wie man europäischen Stadtbewohnern ein „knisterndes Vietnamgefühl“ verschaffen könne: indem man nämlich Kaufhäuser anzünde. Vor Gericht legte damals ein Dutzend Geisteswissenschaftler unter Anrufung des Surrealismus, von Hieronymus Bosch und Kierkegaard dar, dass Phantasien einer Vernichtung der bürgerlichen Welt nur als poetische Fiktion zu werten seien. Keinesfalls liege eine Aufforderung zur Brandstiftung vor. Wer es dennoch so sehe, lese falsch.

          Die Justiz folgte dem und hielt sich an die satirischen, gegen Autoritäten und nicht gegen Kaufhäuser gerichteten Sätze der Flugblätter. Nicht so vier ihrer Leser, die am 3. April 1968 zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand steckten, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Es war der Ursprung der RAF aus dem Geist eines Happenings, das sich als blutig erweisen sollte. Noch jeder Versuch der ästhetischen Avantgarden, „von der Kunst aus eine neue Lebenspraxis zu organisieren“ (Peter Bürger), ist gescheitert: weil er zu Propaganda-Kitsch oder zu Gewalttaten führte.

          Wer etwas voranbringen will, wird es darum weder mit visionären Ruinen noch mit ruinösen Visionen erreichen. Sondern es eben entweder mit Drogenpolitik versuchen müssen, mit echter Politik also, der mit den Mehrheiten; oder mit Kunst, die es sich schwer macht und mehr im Sinn hat als das Kopfnicken der einen und das Kopfschütteln der anderen.

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