09.04.2007 · Die globale Erderwärmung beschäftigt auch die Kunst. In Hamburg ist derzeit eine Ausstellung mit dem Motto „Burning Ice“ zu sehen. Die Initiatoren wollen das Thema Klimawandel aus der angeblichen Isolation der Wissenschaft in die Kultur holen.
Von Ulla FölsingKlimawandel als Motiv in der Kunst ist nicht neu: Die vielen vergnügten Winterszenen der holländischen Malerei des siebzehnten Jahrhunderts, von Meteorologen inzwischen als Reservoir für retrospektive Wetteraussagen genutzt, waren der Reflex auf den Temperaturrückgang in der Kleinen Eiszeit. Neuerdings treibt die globale Erderwärmung manche Künstler um. Darauf reagiert die Ausstellung „Cape Farewell“, die unter dem Motto „Burning Ice“ auf Kampnagel in Hamburg zu sehen ist. Der „British Council“ hat sie nach Stationen in London, Oxford und Liverpool hierhergeholt und sich das Ganze zweihunderttausend Pfund kosten lassen.
Im harschen Ambiente der vormaligen Fabrikhalle k3 in Barmbek behandeln zwanzig Fotoserien sowie Skulpturen, digitale Kompositionen, Videos, Filme und Klangarrangements das Thema der Eisschmelze an den Polarkappen. Die Arbeiten vorwiegend britischer Künstler entstanden seit 2004 unter dem Eindruck dreier Arktis-Expeditionen mit Wissenschaftlern und Umweltschützern.
„Dann vergessen wir die Informationen nicht mehr“
An Bord des Zweimastschoners „Noorderlicht“ war die buntgemischte Gesellschaft auf Routen gereist, die erst schiffbar sind, seit das Eis am Nordpol infolge der Erderwärmung immer weiter zurückgeht. Initiiert hat das unkonventionelle Projekt der bekannte britische Fotograf David Buckland, dessen Werke sich im Metropolitan Museum und im Centre Pompidou finden. Der Siebenundfünfzigjährige versammelt seit 1997 in seinem Verein „Cape Farewell“ gleichgesinnte Künstler mit dem Ziel, weltweit das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen und das Thema aus der Isolation der Wissenschaften in die Kulturszene zu holen. Sein Credo bündeln die fotografisch geprägten Arbeiten „Waterwall“ - die Projektion einer Schwangeren, die über Eis geht, soll „an unsere Verantwortung gegenüber ungeborenen Generationen“ erinnern.
Auf das Erlebnis der dramatischen Auswirkungen des Klimawandels in der arktischen Kälte hat jeder Künstler auf seine Weise, aber immer elementar menschlich reagiert. David Buckland: „Sobald wir nicht nur Kurven und Diagramme sehen, sondern beim Betrachten unsere Emotionen beteiligt sind, vergessen wir die Informationen nicht mehr.“
Besucherempfang mit emotionalem Bombardement
Folgerichtig empfängt die Schau den Besucher mit einem emotionalen Bombardement in Gestalt von Bucklands zwölf Iris-Prints auf Glas. Als „Eis-Texte“ bieten sie in Leuchtschrift Sentenzen wie „You stay while you go“, „Sadness melts“ oder „Burning Ice“ -- passend zum Getöse schmelzender Eisberge seines Kurzfilms „The End of Ice“. Es folgt die sechs Meter lange Skulptur „Stranded“ von Heather Ackroyd und Dan Harvey; ein bleiches Zwergwalskelett schimmert kostbar und diamantengleich unter einer Kruste von Alaunkristallen.
An der Wand gegenüber hängen Fotos von Rachel Whitereads riesigen Eiswürfel-Architekturen für die Turbinenhalle der Tate Modern. Auf der anderen Seite ein Bild von Antony Gormleys lebensgroßer transparenter Eisskulptur „Marker“, 2005 gegossen nach einem Abdruck seines eigenen Körpers im Schnee, zusammen mit der Dokumentation anderer von ihm geschaffener Eis-Installationen. In einer abgedunkelten Nische präsentiert sich Siobhan Davies in einem Video als einsam kämpfende Tänzerin im Gewirr bedrohlicher Stangen. Die Choreographin mit eigener Tanzkompagnie ist die Lebensgefährtin David Bucklands und gilt als Pina Bausch Großbritanniens.
Komisch-obszöne Zeichnung vom Bärenbauch
Publikumshit der Knut-verliebten Gegenwart dürfte das wanddeckende Multiple aus aquarellierten Hochglanzdrucken von Gary Humes bonbonfarbenem Cartoon „Hermaphrodite Polar Bear“ werden. Die komisch-obszöne Zeichnung von Bärenbauch und Tatzen prangert die angeblich durch Umweltverschmutzung verursachten hormonellen Störungen und genetischen Defekte arktischer Eisbären an.
Humes Bären-Appell rührt ohne Zweifel auch hartgesottene Klima-Ignoranten. Was Kunst als Vehikel zur Bewusstseinsschärfung in Sachen Klimawandel kann und soll, hätte am Abend nach der Ausstellungseröffnung in der Hamburger Bucerius Law School Thema eines öffentlichen Dreiergesprächs sein müssen. Doch der Potsdamer Klimaforscher John Schellnhuber, der britische Erfolgsautor und Booker-Preisträger Ian McEwan sowie David Buckland kamen nicht über das Beklagen der Vielschichtigkeit sämtlicher Probleme des Klimawandels hinaus.
Damit noch Platz für Kunst und Kultur bleibt
„Wer heute in den Klimawandel investiert, bekommt frühestens in achtzig Jahren etwas zurück“, so Schellnhuber in seiner Funktion als Klimaschutzbeauftragter der Bundesregierung, bestätigt von McEwan. Er, der anders als sein amerikanischer Kollege Michael Crichton als literarisches Sprachrohr gegen die Folgen der Erderwärmung exponiert ist, erklärte resigniert: „It is hard to do favours to people you never meet.“
Nur ganz am Ende zeigte sich das Trio unverzagt. Als nämlich die Frage auftauchte, warum man sich mühe, unter dem Drohzeichen des Klimawandels die Zivilisation quasi neu zu erfinden, lautete die einhellige Antwort: damit auf diesem Planeten noch Platz für Kunst und Kultur bleibt.