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Kunst : Sarah Morris: Die Macht und ihre schillernden Fassaden

  • -Aktualisiert am

Sarah Morris, „department of energy” Bild: Gallery White Cube

Sarah Morris, amerikanische Künstlerin, fängt die oberflächliche Schönheit von Wolkenkratzern ein und hat damit weltweit Erfolg.

          „Alles, was mich anzieht, besitzt ein körperliches und verführerisches Element“, sagt Sarah Morris. Die 34-jährige Amerikanerin zählt international derzeit zu den erfolgreichsten Künstlerinnen in der Welt. Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin stellt ihr Werk aktuell vor.

          Objekte ihrer Begierde, findet sie in der Hightech-Architektur amerikanischer Großstädte. In Gemälden, Filmen und Fotos geht die Künstlerin einen innigen Dialog mit den Oberflächen postmoderner Repräsentationsgebäude ein. Die Ausstellung "Correspondence" führt diese Obsession am Beispiel Washingtons vor.

          Flirt mit den Wolkenkratzern

          In Berlin gerät man in den Bann von 16 großformatigen Gemälden. Sie zeigen für Morris typische, abstrakte Raster- und Gitterstrukturen. Sie sind nichts anderes als minimalistische Mutationen glänzender Hochhausfassaden. Für jedes Bild hat Morris eine eigene Farbkomposition gewählt. Dafür benutzt sie handelsübliche Farblacke, die schillernde Lichtreflexe hervorrufen und die Bilder zu abstrakten Spiegelkabinetten verrästeln.

          Sarah Morris, immer im Gespräch

          Wie geblendet bleibt der Blick an gleichmäßig aufgetragenen Oberflächen haften. Morris ist so von den Hochhäusern fasziniert, dass ihre Bilder wie Flirts mit den Fassaden wirken.

          Tief in der Oberfläche

          Hinter den Oberflächen gibt es nichts zu entdecken. Der Schein ist die Wahrheit. Eine Erkenntnis der Popkultur, die Morris auf den Punkt bringt.

          Im vergangenen Jahr fotografierte Morris das Model Kate Moss für die englische Vogue. Auch in ihren Gemälden treibt sie das Bildvokabular der Konsum- und Popkultur auf die Spitze. Kunst steht für sie nicht außerhalb der Gesellschaft. Jeder wichtige Designer erscheint ihr heute von künstlerischen Ansätzen beeinflusst - dem muss man sich stellen, ohne deshalb Kritik aufzugeben.

          Morris Bilder sind keine distanzierten Objektstudien. Sie stecken vielmehr mittendrin im visuellen Oberflächenspektakel, das keine objektiven Beobachterpositionen kennt.

          Designte Macht

          Wie wenig sich gerade politische Repräsentanten der allgegenwärtigen visuellen Kultur entziehen können, zeigt eindrucksvoll ein Film, den Sarah Morris "Capital" genannt hat. Er ist die eigentliche Sensation dieser Ausstellung. Aus ungewöhnlichen Perspektiven filmte Morris Regierungslimousinen und Pressemeetings, aber auch den städtischen Alltagstrubel, der sich um das Weiße Haus abspielt.

          Für dieses Filmprojekt wurde ihr sogar Zugang zu den Regierungsräumen gewährt. Man sieht etwa Bill Clinton und sein Kabinett Kaffee trinkend am Tisch sitzen: "Es war gar nicht so schwer, die Zutrittserlaubnis zu bekommen - die Administration hat das Projekt von Anbeginn unterstützt", berichtet Morris und fügt hinzu: "Der Film handelt auch davon, dass Macht tatsächlich erreichbar ist."

          Schnell wird deutlich, dass Morris ihre Vorgehensweise als Malerin hier nur mit anderen Mitteln fortsetzt: Auch mit der Kamera scannt sie aus allen erdenklichen Perspektiven den schönen Oberflächenschein. Auffallend ist, wie geschmeidig sich die gezeigten Passanten und Jogger in den städtischen Raum einfügen - fast scheint es, als wollten sie selbst Teil der glasigen Gebäudehäute werden.

          Das fliegende Auge

          Doch erzählt Morris in "Capital" keine stringente Geschichte: "Ich mag es, die Leute in eine Falle zu locken und Erwartungen zu wecken. Der Wunsch nach einer durchschaubaren Erzählung wird aber nicht erfüllt - es gibt nur eine visuelle Befriedigung", sagt Morris.

          So fliegt die Künstlerin gleichsam über ihre Sujets hinweg und an ihnen vorbei. Sie tastet sie wie ein Scanner von nah und fern ab. Weil die Position des unsichtbaren Künstlerinnenauges deshalb kaum mehr auszumachen ist, wird der Betrachter in eine irritierende Ortlosigkeit geschickt.

          Der Titel des Vortrags, den Sarah Morris an diesem Freitag in Berlin über ihre Arbeit halten wird, klingt da wie ein vielsagendes Motto: "The Best Way To Fly".

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