http://www.faz.net/-gqz-7402s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.10.2012, 16:31 Uhr

Kunst macht Wahlkampf Demokratie in Rot und Blau

Die amerikanische Politik ist geographisch gespalten, in Nord und Süd, Blau und Rot. Und neuerdings richtet sich sogar die Kunst am Wahlkampf aus.

von , New York
© Jesse Untracht-Oakner Spinnefeind: In der Installation von Jonathan Horowitz dürfen sich nicht einmal die Teppichkanten berühren

Ein roter Teppich und ein blauer wurden in der Eingangshalle des New Museum in New York ausgerollt. Dazwischen hängen zwei Fernsehmonitore, die zwei unterschiedliche, wenn nicht total gegensätzliche Nachrichtenprogramme ausstrahlen. Wer sich zu Rot hingezogen fühlt, wird wunschgemäß von Fox News bedient, wer auf Blau steht, bekommt MSNBC zu sehen und zu hören.

Jordan Mejias Folgen:

Weder künstlerisch noch erkenntnistheoretisch hat Jonathan Horowitz mit dieser Installation, die er „Your Land/My Land: Election ’12“ nennt, sehr viel Neues zu bieten. Amerika, es hat sich inzwischen herumgesprochen, zerfällt in zwei Teile, in einen republikanischen oder rechtskonservativen, der aparterweise die Farbe Rot bevorzugt, und einen demokratischen oder linksliberalen, der sich mit Blau zufriedengeben muss.

Dazugestellt hat Horowitz auch noch einen Computer, dessen Monitor ebenfalls farblich und politisch zweigeteilt ist und den Präsidentschaftskandidaten Obama und Romney in Form von Twitter- und Facebook-Kommentaren auf der Spur bleibt, aktuell und penibel ausgewogen. Warum darf dann aber das Porträt Obamas repräsentativ im Raum hängen, während das von Romney darunter am Boden lehnt? Damit, so Horowitz, wird nur das Amt des Präsidenten geehrt.

Seit Jahrzehnten dasselbe Bild

Macht Romney am 6.November das Rennen, wird Obama heruntergeholt, im New Museum wie in sechs anderen Museen in Los Angeles, St.Louis, Raleigh, Houston, Salt Lake City und Savannah, wo „Your Land/My Land“ über den Wahltag hinaus Station macht und die Besucher nicht nur zum Schauen und Staunen, sondern auch zum Reden, Streiten und Versöhnen anregen soll.

Schon vor vier Jahren hat Horowitz so die Wahl ins Museum geholt, und nichts deutet darauf hin, eine Veränderung der politischen Gegebenheiten könnte der Wiederholung der Kunstaktion im Jahr 2016 im Wege stehen. Das Land, wie der experimentelle Psychologe Steven Pinker gerade den Lesern der „New York Times“ noch einmal erklärte, biete seit Jahrzehnten dasselbe Bild: Südstaaten und westliche Wüsten- und Bergstaaten stimmten für Politiker, die sich für eine aggressive Militärmacht einsetzten, für Religion im öffentlichen Leben, Laissez-faire-Wirtschaftspolitik, privaten Besitz von Waffen und gelockerte Bedingungen, sie zu benutzen, für weniger Regulierungen und Steuern sowie eine Förderung der traditionellen Familie.

Wichtiger für nordöstliche und die meisten Küstenstaaten seien dagegen gute internationale Beziehungen, Säkularismus und Wissenschaft, Reglementierung von Waffenbesitz, kulturelle und sexuelle Freiheit und eine größere Rolle des Staats bei Umweltschutz und wirtschaftlicher Gleichberechtigung.

Zwiespalt der Kolonialzeit

Die Ursache solcher ideologischen und geographischen Cluster? Pinker leitet die oft seltsamen „Zweckkoalitionen“ aus grundverschiedenen Konzepten der menschlichen Natur her. Er verweist auf konservative Denker, die bei der politischen Rechten eine „tragische Vision“ des Menschen diagnostiziert haben, also seine unüberwindbare Begrenzung in Sachen der Moral, des Wissens und der Vernunft. So sei die immer drohende Gefahr, in die Barbarei zurückzufallen, nur durch den Respekt vor sexuellen und religiösen Traditionen zu bändigen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nigerias Zwiespalt Wo die Scharia optional ist

Mit über 180 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Immer wieder kommt es zu Kämpfen zwischen Christen und Muslimen. Dabei geht es meist aber nicht um einen Konflikt zwischen Religionen. Mehr Von Thomas Scheen, Nairobi

21.05.2016, 16:13 Uhr | Politik
Einstimmung auf Olympia Michelle Obama beim Schwertkampf

Die amerikanische First Lady Michelle Obama hat auf dem Times Square in New York an einem Schwertkampf zur Einstimmung auf Olympia teilgenommen. Gemeinsam mit 85 Mitgliedern der Olympiamannschaft von Amerika startete Obama den Countdown zur Eröffnungszeremonie bei den Olympischen Spielen in Rio. Mehr

28.04.2016, 15:11 Uhr | Sport
Wahlen in Amerika Warum Trump die besseren Karten hat

Narrenfreiheit gegen politische Festlegung: Nach Jahrzehnten in der ersten Reihe der amerikanischen Politik ist Clinton gegenüber Trump im Nachteil. Warum? Mehr Von Andreas Ross, Washington

26.05.2016, 13:25 Uhr | Politik
Museum Of Modern Art Introduction to Modern Art & Ideas

Das Video zeigt eine Einführung zum Online-Kurs des Museum of modern art in New York. Mehr

28.04.2016, 14:14 Uhr | Feuilleton
Wahlkampf in Amerika Ich esse, wie du isst

Pizza, Pasta, Schwein am Stiel: Warum Ernährung im amerikanischen Wahlkampf so wichtig ist und eine Gabel schnell Wählerstimmen kosten kann. Mehr Von Bertram Eisenhauer

25.05.2016, 11:50 Uhr | Stil
Glosse

Hut ab!

Von Thomas Thiel

Vorsicht Unfallgefahr: In England soll jetzt Schluss sein mit der kollektiven Unsitte, beim Universitätsabschluss Doktorhüte in die Luft zu werfen. Und noch andere Maßnahmen zum Schutze aller tun Not. Mehr 8

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“