Der kalte Zorn packt einen, wenn man zusehen muss, wie diese Stadt sich kulturell herunterhungert. Die neueste Fastenregel lautet, das geplante Frankfurter Romantik-Museum sei ebenso entbehrlich wie das Volkstheater. Das steht zwar nicht wörtlich im aktuellen Katalog der schwarz-grünen Sparkommission des Magistrats, ist aber de facto so. Denn die Gelder für das Museumsprojekt am Großen Hirschgraben und die für ein Volkstheater im Neubau des „Paradieshofs“ in Alt-Sachsenhausen - zusammen etwa sechs Millionen Euro - sind gestrichen.
Damit verflüchtigen sich zwei Institutionen, die Frankfurts Identität und seinen Ruf als Ausnahmestadt, in der Kommerz und Kultur einvernehmlich koexistieren, gefestigt hätten. Eine kopflos und leichtfertig verschenkte Chance: Keine andere Stadt in Deutschland hat einen derartig reichen Schatz an Kunstwerken und Manuskripten der Romantik, dieses „urdeutschen“ Phänomens, aufzuweisen. Jetzt endlich hätte man ihn aus den Magazinen des Freien Deutschen Hochstifts heben können. Und wo wäre die kuriose Mischung aus Enge und Weltläufigkeit, Wurschtigkeit und Würde, Toleranz und Ignoranz, kurzum: Frankfurts sprichwörtliche Doppelnatur so lebendig wie im hiesigen, nach seiner Gründerin Liesel Christ benannten Volkstheater? Der Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Michael Quast, dessen „Fliegende Volksbühne“ dem Volkstheater Liesel Christ, das in diesem Jahr schließen wird, nachfolgen sollte, hätte mit neuen Impulsen im neuen Haus neue Publikumskreise hinzugewonnen.
Eine soziale und bauliche Wende
Wer Volkstheater für Amüsement unter Niveau hält, verkennt es. An Volkstheatern wie denen in Köln, Hamburg oder eben Frankfurt schaut sich die spezifische städtische Mentalität ins Gesicht, übt Selbstironie, findet Bestätigung und Kritik. Engstirnigkeit, wie sie schon Goethe, dessen „Faust“ im Volkstheater wurzelt, als Grundzug seiner Vaterstadt anprangerte, will nun diese Wurzeln kappen. Das wäre ein doppeltes Desaster. Denn neben dem Verzicht - ein Jahr, nachdem in Hamburg das Ohnsorg-Theater ein neues zentrales Domizil beziehen konnte - auf die erfolgreiche, aber spielstättenlose „Fliegende Volksbühne“ Michael Quasts bedeutet die Streichung auch das Aus für einen städtebaulich immens wichtigen Neubau.
Der neue Paradieshof, in dem das neue Volkstheater hätte residieren sollen, ist ein Entwurf des angesehenen, kürzlich mit dem „DAM-Preis für Architektur in Deutschland 2012“ ausgezeichneten und mit Frankfurt durch etliche Bauten verbundenen Architekten Max Dudler. Für seinen Paradieshof gilt, was die Jury des DAM-Preises an den bisherigen Bauten Dudlers lobte: Respekt vor der baulichen Umgebung bei gleichzeitiger selbstbewusster Markanz.
Beides war bitter nötig für den geplanten Standort. Denn der befindet sich mitten im historischen Kern Sachsenhausens, des am südlichen Mainufer gelegenen Stadtteils, der ursprünglich eine Ansiedlung von Fischern und Gärtnern gewesen ist. Einige Gassen sind dem Bombenhagel von 1944 entgangen und bildeten jenes pittoreske Apfelwein-Idyll, dem vor Jahren die populäre Fernsehsendung „Zum Blauen Bock“ erst Ruhm und dann den Abstieg zum billigen, von Fusel- und Frittengestank durchzogenen Disco- und Kneipenviertel eintrug.
Strahlkraft, Integration und Zugehörigkeit
Seit Jahren bemüht sich die Stadt, Wohnbevölkerung zurückzuholen und kulturelle Einrichtungen zu etablieren, um das marode Quartier wieder auf die Beine zu bringen. Die Sanierung einiger besonders wertvoller Fachwerkhäuser, nachverdichtender Wohnungsbau und die Eröffnung des „Hindemith Kabinetts“ samt Musiksaal im letzten gotischen Wachtturm Sachsenhausens, den der Komponist von 1923 bis 1927 bewohnte, waren die ersten Schritte. Der Neubau Max Dudlers, gelegen an einem zentralen kleinen Platz, hätte die endgültige bauliche, soziale und kulturelle Wende bringen können: Mit einem breitgelagerten Spitzgiebeldach und Fassaden aus gequadertem Schiefer wäre die örtliche Bautradition (in der Nachbarschaft ragt die Ruine des letzten mittelalterlichen Wohnturms der Stadt auf) wiederbelebt worden; die knappen, kraftvollen und eleganten Umrisse wiederum hätten das Theater samt Café und einem maßvollen Anbau mit vier Wohnungen als eigenwillige zeitgenössische Lösung erkennen lassen.
Wie viel Strahlkraft hätte von dem Neubau ausgehen und ringsum für maßstabsgerechte und traditionsbewusste statt der üblichen Allerweltsarchitektur sorgen können. Wie viel Integration wäre von Quasts Bühne gestiftet worden, die das alte Mundarttheater mit neuen Formen durchdringt. Und wie viel Zugehörigkeit hätte dank Bau und Bühne in dieser Rotationsstadt entstehen können, deren Gesicht jährlich glänzender und täglich austauschbarer wird. Das alles schlägt man aus, um knapp sechs Millionen Euro zu sparen.
Ei des Kolumbus
Am 25. Mai wird Frankfurts bisheriges Volkstheater mit „Ein Käfig voller Narren“ seine letzte Vorstellung geben. Schauplatz: der ehemalige Cantatesaal, der 1963 neben dem rekonstruierten Goethehaus entstand. Danach werden einige Ensemblemitglieder als „Volkstheater Hessen“ wieder durch die Rhein-Main-Region tingeln, wie es vor 1971 die Gründerin Liesel Christ, immer wieder um eine feste Bleibe bettelnd, hat tun müssen. Und im Sommer 2013 werden am Großen Hirschgraben die Abrissbagger anrücken, um den Cantatesaal samt der umliegenden Bebauung abzureißen.
So war es zumindest bisher geplant. Ein Vorhaben, das viel über Frankfurts Ad-hoc-Denken sagt. Den Ausschlag nämlich gab der Entschluss des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, aus dem Vorderhaus des Canatesaals auszuziehen. Daraufhin beschloss die Stadt, dort nach Abbruch der Altbauten „hochwertige“ Wohnbebauung sowie ein Romantik-Museum zu errichten. Eine schöne Vorstellung, getrübt nur von der Aussicht, dass dadurch das Volkstheater obdachlos werden würde. Prompt kam als Ei des Kolumbus die Idee auf, die Bühne nach Sachsenhausen zu verlagern.
Murks statt Weben
Jetzt, besser: vorerst gilt nur noch, dass das Buchhändlerhaus der Abrissbirne geweiht ist. Eine schlichte, aber keine schlechte Architektur: Ihre Proportionen, Fenster- und Gaubenreihen setzen die Anmutung des Goethehauses fort. Und der kapriziöse Nierentischschwung der Foyertreppe im anschließenden Cantatesaal hätte sogar - was die zuständige Behörde versäumt hat - Denkmalschutz verdient. Bis zum Sparbeschluss wog die Vorfreude auf das Romantik-Museum den angekündigten Verlust von Buchhändlerhaus und Cantatesaal auf. Zudem hieß es, die geplanten Wohntrakte - Belebung des toten Viertels - würden vorsichtig mit dem rückwärtigen, entzückenden kleinen Garten des Goethehauses verwoben.
Jetzt zeichnet sich Murks statt Weben ab: Einige Stadtverordnete nämlich plädieren - zwei Schritt vor, einer zurück - nun für die Schonung des Cantatesaals zugunsten der Fliegenden Volksbühne. Was wiederum der ABG Holding, die dort neu bauen will, den Schweiß auf die Stirn treibt: „Wer bezahlt den Aufwand, wenn wir um das Theater herumbauen sollen?“ fragt Geschäftsführer Frank Junker; ein Argument, das in Frankfurt die Durchschlagskraft der Zehn Gebote hat.
So ist man denn wieder da, wo einst ein Oberbürgermeister die Sprengung der kriegsversehrten Alten Oper forderte, das legendäre Theater am Turm geschlossen und das weltberühmte Forsythe-Ballett vertrieben wurde.
Kommerz vor Kultur
Zehn Schritte vom Großen Hirschgraben entfernt tanzen gerade die Baukräne des „Riverside Financial District“. In seiner Mitte wollte man vor drei Jahren den dringend notwendigen Erweiterungsbau des Museums der Weltkulturen errichten; ein Plan, der (auch) aus Spargründen wieder fallengelassen wurde. Nun wachsen an der „Riverside“ vier Hochhäuser, zwei Bürokolosse, sieben massive Wohnblöcke mit Luxusetagen auf; edle Materialien, kombiniert zu Allerweltseleganz.
Kommerz geht vor Kultur: Die privaten Bausummen, die das neue Quartier verschlingt, betragen das Zehn- und Zwanzigfache dessen, was die Stadt, der das Land Hessen und die Deutsche Bank zwei Drittel der Baukosten des Museums abnehmen wollten, am Hirschgraben und am Paradieshof hätte aufbringen müssen. Stattdessen hat man blind gespart, eine Bühne vernichtet, ein Museum verhindert, auf zwei großartige Bauten verzichtet - und die Weichen dafür gestellt, dass am Großen Hirschgraben mit Luxuswohnungen ein Abklatsch des Riverside Financial District entstehen wird. „Nichts architektonisch Erhebendes war in Frankfurt zu sehen: die Bauten und Straßen, selbst die neuen, breiter und schöner angelegten, hatten alle nur dem Zufall und der Willkür ihren Ursprung zu danken.“ So schrieb Goethe 1808. Man kann ihn nicht oft genug zitieren.
Warum?
Michael Seip (Mike63)
- 04.03.2013, 18:27 Uhr
Konsequent
Tom Clark (hessebub2)
- 04.03.2013, 17:17 Uhr
Wenn nichts da ist, ist nichts da
Herbert Hirschfeld (GaiusX)
- 04.03.2013, 17:07 Uhr
Falsche Prioritaeten:
Frank Pauls (faweho)
- 04.03.2013, 17:06 Uhr