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Kulturpolitik DIN A Bildung

27.09.2004 ·  Man muß Christian Wulff danken für seine Ankündigung, daß Niedersachsen aus der Kultusministerkonferenz (KMK) aussteigen werde. Vielleicht muß die KMK jetzt einmal ihre Existenz und ihre absurd hohen Kosten rechtfertigen.

Von Jürgen Kaube
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Was gut ist, muß durchgesetzt werden. Also Zentralismus. Was gut ist, muß zunächst im Wettbewerb festgestellt werden. Also erst einmal Föderalismus. Aber dann bleibt es ja zufällig, wer wo wann in den Genuß des Guten kommt. Also wieder Zentralismus, der betrifft alle.

Doch wer sagt überhaupt, daß sich alle einig darüber werden können, was gut ist? Darum lieber Föderalismus, da kriegt jeder seins. Das gibt aber Abstimmungsprobleme, wenn jemand umzieht. Also Zentralismus, da sind Umzüge gleichgültig. Was aber, wenn das, was für alle abgestimmt wurde, gar nicht gut ist, dann ist es ja gleich für alle, und wenn sie noch so oft umziehen, schlecht? Zurück zum Föderalismus.

Und so weiter. Die Debatte um die Grundordnung der politischen Zuständigkeiten in Deutschland entspricht dem, was man vor zweihundert Jahren "schlechte Unendlichkeit" genannt hätte. Das eine und sein Gegenteil können gleichermaßen für nützlich oder schädlich gehalten werden, und je nach Position des politischen Personals geschieht eben das. Bei Therapeuten stehen Argumentationen dieses Typs - "Du bist gut, also schlecht" - im Verdacht, bei denen, die ihnen länger ausgesetzt werden, Schizophrenie zu erzeugen. Die Politik hilft sich mit Beschwichtigungskommissionen.

Eine solche Kommission ist die Kultusministerkonferenz (KMK). Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat jetzt angekündigt, sein Land werde an ihr unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr teilnehmen. Man muß ihm dafür danken, weil inzwischen nur noch die gezeigte Bereitschaft, einen eigenen Weg zu gehen, in der Lage ist, den Preis des Weitermachens auf dem gängigen Weg aufzudecken. Vielleicht kommt es ja jetzt dazu, daß die KMK einmal erklären muß, wie sich die Vorstellungen, durch die sie ihre Existenz und ihre absurd hohen Kosten - für Niedersachen, nur eins von sechzehn Ländern, 2,5 Millionen Euro im Jahr - rechtfertigt, zur Wirklichkeit verhalten.

Ein dickes Aber

So ist die KMK in Deutschland der deutlichste Ausdruck dafür, wie wenig ernst jener Wettbewerb genommen wird, den seit einiger Zeit auch die Bildungspolitiker in jeder ihrer Reden als wichtigen Gesichtspunkt für Lehre und Forschung unterstreichen. Denn kein Wettbewerb in Deutschland ohne dickes Aber, und zwar ein so dickes, daß es hinter allen Seiten der aufgestellten Wettbewerbsplakate als die eigentliche Macht herausschaut.

Um die Vergleichbarkeit der Schul- und Hochschulabschlüsse zu garantieren, heißt es etwa, sei eine Abstimmung unter den Bundesländern unentbehrlich. Doch die Schulabschlüsse sind gar nicht vergleichbar, wenn man damit "ähnlich" meint. Sie sind es nicht einmal zwischen den Schulen, geschweige denn zwischen den Ländern. Warum wohl drängten die Universitäten seit Jahren darauf, sich ihre Studenten mittels eigener Verfahren selbst heraussuchen zu dürfen, wenn jedes Abitur in Deutschland gleichwertig wäre? Und wie erklären sich denn Unterschiede in der Stundentafel zwischen Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, die über eine ganze Schullaufbahn in Tausenden von Stunden gezählt werden müssen, wenn die KMK eine so standardsetzende Veranstaltung ist? Oder sollte es sich bei derlei Unterschieden um jenen Wettbewerb handeln, in dessen Rahmen Nordrhein-Westfalen Unterrichtsdumping betreibt und Berlin seit Jahren mit Sonderangeboten im Bildungsabschlußverkauf lockt?

Herabsetzung des Standards

Die politische Phrase, die jeden Unterschied auf die föderale Konkurrenz ums beste Modell zurückführt, ist längst an einer Wirklichkeit zuschanden geworden, in der jedes Bundesland gedankenlos macht, was die politische Mode und die Kassenlage gebieten, um sich nachher von der KMK dafür die Verträglichkeit mit den allgemeinen Standards bescheinigen zu lassen. Man muß kein finnischer Oberschüler sein, um zu erkennen, daß dies zwingend die fortwährende Herabsetzung des Standards verlangt. Ebendies ist geschehen.

Das Argument, die Schüler brauchten eine vereinfachte Rechtschreibung - und nicht etwa mehr Übung -, weil sie in der alten zu viele Fehler machten, mußte der KMK einleuchten, weil es ihrer eigenen politischen Logik folgt. Wenn die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) jetzt im Sinne dieser Logik gegen Wulff schimpft, ohne KMK könne "ein Kind nicht mehr von Bayern nach Bremen ziehen und dort weiter zur Schule gehen", dann gibt schon das gewählte Beispiel eine Ahnung von jener Bewußtseinslage, die Wulff offenbar nicht länger hinnehmen will. Denn warum sollte eine Bremer Schule etwas ausgerechnet gegen bayerischen Zuzug haben?

Wenn man den Schulen nur die Möglichkeit ließe, neue Bewerber - oder besser noch: Nachfrager, die mit einem Bildungsgutschein ausgestattet wären - in diejenige Klassenstufe aufzunehmen, die sie nach Inansichtnahme des Kindes und Gespräch mit den Eltern für richtig halten, dann dürfte ein Wettbewerb der Schulen untereinander schon dafür sorgen, daß grobe Fehleinschätzungen unterbleiben. Schließlich haben Schulen etwas von guten Schülern - und von weniger guten auch, denn ihr Bestand hängt nicht zuletzt davon ab, daß sich überhaupt Schüler bei ihnen anmelden. Für all das braucht man keine KMK, sondern nur die allgemeine Schulpflicht und das dazu komplementäre Recht sowie die von jedem Bundesland aus Selbsterhaltungsgründen auf lokaler Ebene zu setzenden Anreize.

Das Desinteresse der KMK

Die Sorge, ein nicht ständig in Standardkommissionen für DIN A Bildung bundeseinheitlich abgestimmter Lehrstoff führe dazu, daß Fünfzehnjährige in Bremen und Bayern nicht dasselbe können, ist verlogen. Denn erstens können sie es im Durchschnitt jetzt schon nicht, worum sich die KMK jahrzehntelang einen Dreck geschert hat. Und zweitens müssen auch die innerdeutsch Mobilen - deren Lage man gerne einmal auf Grundlage der Betroffenenzahlen diskutieren würde - nicht so leicht den Fall fürchten, daß in Bayern der Kreationismus und in Bremen nur noch Bourbaki-Mathematik unterrichtet wird. Die KMK jedenfalls, das zeigt ihre Geschichte, würde auch das nicht verhindern.

Dasselbe gilt im übrigen für die Hochschulabschlüsse. Gerade erst ist beim Historikertag in Kiel die Klage laut geworden, ausgerechnet die mit viel Aplomb von den Kultusministern betriebene bundesweite Umstellung der Studiengänge auf das Erstzeugnis des Bachelors setze die Mobilität zwischen den Universitäten herab. Denn nun denkt sich im Rahmen der Fiktion, ein Bachelor sei ein Bachelor, jeder Fachbereich eigene Studiengänge und Leistungskriterien aus, die Mobilitätsbarrieren darstellen, weil es andernorts eben gar keine "angewandte Literaturwissenschaft" oder "interdisziplinäre Mediävistik" gibt.

Nach Jahren eine Lösung

Gewiß werden dafür aber bald Unterkommissionen der KMK eingerichtet werden, die nach Jahren eine abgestimmte Lösung vorlegen, deren einziger Nachteil sein könnte, daß das bundes- und europaweite Bachelormodell dann auf der lokalen Ebene schon längst als unpraktikabel außer Kraft gesetzt worden ist. Wie ernst man es unter Kultusministern auch hier mit dem Wettbewerb meint, zeigt sich an der laut werdenden Forderung, zugunsten des Bachelors bundesweit die Diplom- und Magisterstudiengänge abzuschaffen.

Gemeinsam ist Beispielen wie diesen, daß man hierzulande unter Wettbewerb etwas versteht, das nicht zu mehr Varianten führen soll, sondern zu einem Ergebnis, bei dem keine Variante die andere aussticht. Darum sind die Reaktionen auf Wulffs Entscheidung auch so gereizt: weil man den Beweis fürchtet, daß Niedersachsen auch ohne KMK Schüler und Studenten haben wird, die sich andernorts zurechtfinden.

Die KMK versteht sich als Agentur einer Deutschen Bildungsindustrienorm, die sich an die Stelle des Wettbewerbs und der Evolution von Gewohnheiten setzt. Im Grunde glaubt sie also, Wettbewerbsergebnisse vorwegnehmen zu können, indem man jeden regionalen Eigensinn sofort auf Paßfähigkeit hin überprüft. Darin liegt nicht zuletzt ein Verständnis von Bildung und Wissenschaft als einer Art Technologie, in deren Vermittlung auf jeden Fall Reibungsverluste und Anpassungslasten der einzelnen vermieden werden sollten.

Lieber lernt ein Kind überall weniger, als daß es beim Umzug der Eltern erfahren muß, bisher auf einer nicht ganz so guten Schule gewesen zu sein. Lieber wird einem Studenten vorgemacht, er werde nunmehr in ganz Europa binnen sechs Semestern zu einem Beruf geführt, als ihm die Erkenntnis zuzumuten, daß man in Prüfungen auch durchfallen kann und manche Hochschule für ihn zu hoch ist. Lieber verspricht man beides, den Wettbewerb und die Gleichheit der Schul- oder Studierverhältnisse, als den Leuten zu erklären, daß beides nicht zu haben ist. Lieber die Fassade als die Wirklichkeit. Um die Widersprüche zwischen beidem zu verstecken, braucht man dann noch eine Fassade. Das Land wird aber nicht auseinanderfallen, wenn man sie einspart.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2004, Nr. 225 / Seite 35
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