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Kulturpessimisten Die Neophilister

Kulturpessimisten haben zwar nicht recht, aber dafür mehr vom Leben. Klar, dass die Fürsprecher des Fortschritts und insbesondere die Euphoriker des Internet da ganz schmale Lippen kriegen.

© REUTERS Vergrößern „Realtime” mag ja sein, aber das Versprechen für bessere Zeiten muss man darin nicht gleich sehen

Jede Neuerung hat ihre Befürworter und Skeptiker. Diese Tatsache ist zwar nichts Neues und daher selbst nur selten Gegenstand von Zweifel oder Verteidigung, sie führt aber immer wieder zu schönen Texten. Neulich erst wieder: In der Novemberausgabe des "Merkurs" gab es von der Schriftstellerin Kathrin Passig eine sehr, sehr lustige Internetkolumne über "Standardsituationen der Technologiekritik". Sie beschrieb da die offenbar gesetzmäßig wiederkehrenden Argumente gegen Innovationen von "Braucht doch kein Mensch" über "Führt zur Verdummung" bis zu den hingegrummelten Begründungen, warum man sich jetzt, trotz schwerster Bedenken, auch so ein, hüstel, iPhone angeschafft habe.

"Wenn es zum Zeitpunkt der Entstehung des Lebens schon Kulturkritiker gegeben hätte", so Passig, "hätten sie missmutig in ihre Magazine geschrieben: ,Leben - what is it good for? Es ging doch bisher auch so.'" Und gegen Ende schreibt sie: "Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare."

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Und das in Karl-Heinz Bohrers grimmiger Zeitschrift für alteuropäisches Denken! Das war wie die Predigt einer protestantischen Pastorin zwischen lauter orthodoxen Mönchen. Einer Pastorin mit Sinn für gute Pointen, muss man ja sagen, auch wenn die besten davon vielleicht unbewusst entstanden sind und zum Teil außerhalb des Textes liegen, nämlich im Umfeld seines Erscheinens, in dem Umstand, dass sich ausgerechnet der "Merkur" überhaupt eine Internetkolumne gönnt, in der dann auch noch die schmissigere Variante eines Aufsatzes zu lesen ist, den ein paar Wochen später der Internetpublizist Sascha Lobo für den "Spiegel" schreiben durfte - noch so ein Zentralorgan der von Passig monierten Mauligkeit. Beide beklagen im Kern eigentlich nichts anderes als einen Mangel an kindlicher Begeisterung (und erinnern damit immer ein bisschen an einen Topos der sowjetischen Literatur: den Parteisekretär auf dem Dorfe, verzweifelnd über Bauern, die den Traktor zur Kenntnis nehmen, ohne ihr Pferd dem Abdecker herzugeben).

© FAZ.NET Vergrößern Richterspruch: Ich habe Twitter!

Mal davon abgesehen, dass sich das halsstarrige, absurde Sträuben gegen das Unausweichliche, das Passig da katalogisiert, natürlich auch als ein Balzverhalten lesen lässt, wie es im zwischenmenschlichen Bereich oft den langanhaltendsten und stabilsten Beziehungen vorausgeht, abgesehen von einem möglicherweise etwas unterausgeprägten Sensorium für die dialektischen Kniffe des Lebens also, oder, ganz allgemein, für das, was man Ironie oder gar Selbstironie nennt, haben sie natürlich vollkommen recht: Das Bild, das der Kulturpessimist abgibt, ist schon ein spektakulär groteskes: ein verschrobener Mensch, der morgens sorgenvoll sein Haupt über dieses "Internet" wiegt und nachmittags 118 Euro für einen handgeschmiedeten Spaten bei Manufactum hinlegen geht, denn dort gibt es sie noch, die guten Dinge, ansonsten geht alles grundsätzlich abwärts, wie auf einer Treppe von M. C. Escher. Man hat Kerlchen mit spitzem Bäuchlein unterm Pullunder vor Augen, geistige Cordhosen, die gern wie Thomas Mann schrieben, zunächst einmal aber nur dessen Figuren ähneln, viel jünger, als man meinen würde, jedenfalls oft nicht älter als Leute wie Lobo und Passig, die ihrerseits ja nun auch nicht mehr ganz so jugendlich sind, wie sie sich gerieren.

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