06.09.2010 · Was hinter den Kulissen des Versailler Schlosses so passiert, schildert jetzt Christophe Tardieu in „Le Surintendant de Versailles“. Unter anderem geht es um Gruppensexpartys, ein furzendes Pferd und eine Katze, die als Geisel genommen wurde.
Von Jürg AltweggDer Kulturkampf um Versailles – und die zeitgenössische Kunst – geht in die nächste Runde. In wenigen Tagen wird dort eine Ausstellung eröffnet, die noch mehr Widerstand provoziert als Jeff Koons Gastspiel in den Gärten und Gemächern des Sonnenkönigs vor zwei Jahren. Sie ist dem Japaner Takashi Murakamu gewidmet. Das Kollektiv „Keine Mangas“ bekämpft ihn und die Beschmutzung durch die Moderne schlechthin.
In „Versailles mon amour“ geht es um Murakamus sexuelle Darstellungen wie die des ejakulierenden „Lonesome Cowboy“. „Es sind die bekannten Obsessionen der Rechtsextremen“, giftet Jean-Jacques Aillagon zurück. Er war Kulturminister und Konservator und hatte, wie seine Kritiker argumentieren, in Versailles die Schleusen im Solde seines Arbeitgebers, des Sammlers und Mäzens Pinault, geöffnet. Wie der Kulturkampf geführt wird und was sonst noch so alles in den Kulissen des Schlosses passiert, schildert Christophe Tardieu jetzt in „Le Surintendant de Versailles“.
Kunsthistoriker durch Manager ersetzen
Der Spitzenbeamte kennt keine Skrupel. Tardieu denunziert einen Gegner des Anti-Piraten-Gesetzes Hadopi, der beim Fernsehen entlassen wurde. Etwas vorsichtiger geht er mit einem Kabinettschef um, der im Schloss Gruppensexpartys organisierte. Nach dem Brand eines Autos wurde ein illegaler Parkplatz entdeckt, den die Angestellten betrieben. Die Sitzung wegen des Mülls der Dienstwohnungen dauerte neun Stunden. Französische Handwerker griffen die Italiener an, welche die Spiegelgalerie restaurierten. Ein amerikanischer Tourist beschwerte sich, weil seine Verlobte in der Kutsche seinen Heiratsantrag ausschlug und das furzende Pferd als Grund nannte.
Im Streit um eine Ausstellung wurde die Katze des Künstlers als Geisel genommen. Gegen die als „schwarze Messe“ gefürchtete Modeschau von Christian Lacroix in der Kapelle protestierten Fundamentalisten mit Unterstützung des Bischofs. Dem es wiederum mehr um die sechzig Euros ging, die er einem Angestellten nach jedem katholischen Messdienst bezahlen muss. Tardieu möchte die Kunsthistoriker durch Manager ersetzen. Sein Buch ist ein Plädoyer für die Modernisierung und provoziert auch jene Verteidiger des klassischen Versailles, die weder Monarchisten noch Rechtsextremisten sind. Die Kommerzialisierung durch Kunstbetrieb und Massentourismus, stöhnt die „Tribune des Arts“ in ihrer geharnischten Rezension, macht Versailles zu einem Disneyland.