30.12.2011 · Das Kulturjahr 2011 stand im Zeichen der Fälscher, Lügner, Heuchler und Plagiatoren. Zum Glück war das nicht alles. Wir blicken auf die Höhepunkte der vergangenen zwölf Monate zurück.
Es war das pure Theaterglück: 52 groteskeste, absurdeste, komischste Szenen, sozusagen für jede Woche des Jahres eine, aber in herrlichster Ballung. Andrea Breth bündelte Kurz- und Kürzestszenen von Henri Cami, Daniil Charms und Georges Courteline im Wiener Akademietheater als lauter „Zwischenfälle“. Vom Tritt in den Hintern, für den man auch noch bezahlen muss, über den Sekundentod beim Spaghetti-Essen bis hin zum Grünkäppchen, das den bösen Wolf um den Verstand bringt. Eine Weltkomödie in Splittern und Brüchen. Lauter aberwitzige Katastrophen im Kampf um die Möglichkeiten eines besseren Lebens, dessen Glück sich in den lächerlichsten Unglücken erst offenbart. Und die großartigen Wiener Schauspieler wie Corinna Kirchhoff, Elisabeth Orth, Udo Samel, Johanna Wokalek, Hans-Michael Rehberg, Peter Simonischek und Gerrit Jansen machen aus den vielen kleinen Beispielen großer absurder Kurzdramatik eine zusammenspielende große Erzählung. Worin eine Gesellschaft im Katastrophenkomödienreigen dadurch zu sich kommt, dass sie aus allen Bahnen geworfen wird. Unterm hingerissenen Gelächter des Publikums, das seine Welt ja auch nurmehr in Splittern und Brüchen und Krisenscherben wahrnimmt. Insofern sind die „Zwischenfälle“ der Andrea Breth durchaus als Hauptsache zu begreifen. Unbegreiflich, dass die Jury des Berliner Theatertreffens so borniert wie blind an diesem großen Theaterereignis vorüberstolperte. (G.St.)
Die Menschen zeigten 2011 Gesicht. Wir sahen sie in Fluten vorbeiziehen: Mutige Aktivisten in der arabischen Welt, unerbittliche Bloggerinnen, Demonstranten und erzürnte Bürger, die ihr Recht einfordern. Der amerikanische Präsident Barack Obama und seine Außenministerin Hilary Clinton boten im Mai ihre angestrengte Mine ebenfalls zur Deutung an, als sie (angeblich) vom Weißen Haus aus bei der Ermordung Usama bin Ladens zuschauten. In diesen so unterschiedlichen Bildnissen erkennt man viel über den Stand unserer Gegenwart, über den Wunsch nach Werten und der Einhaltung von Menschenrechten. Millionen solcher Porträts schwirren in der vernetzten Gesellschaft herum. Sie schauen uns täglich an. Dieses Gesichterrauschen hat das Bode-Museum 2011 aufgegriffen und angehalten - und damit der Gegenwartskunst den Rang abgelaufen. Denn das Berliner Haus hat die gegenwärtigste Schau des Jahres geboten: die „Gesichter der Renaissance“. 250 000 Besucher strömten ins Museum und suchten in den ausgeleuchteten Porträts nach einer Wahrheit, die wundersam hineinwirkt ins Heute: unser Wunsch nach einer kraftvollen Identität als Individuum. Man taumelte in Berlin aber nicht nur hingerissen in der Epoche „Renaissance“ herum, während draußen die Welt zusammenfiel, auferstand und wieder zusammenfiel, sondern bekam ein Angebot: in Gesichtern zu lesen, was es heißt, Mensch zu sein. (swka)
In der bildmächtigsten aller musikalischen Gattungen, der Oper, ausgerechnet die Thematik des jüdischen Bilderverbots abzuhandeln, die Verkündung des reinen, sich seiner Darstellung entziehenden Gedankens in der von Grund auf unreinen Form der Oper auf die Bühne bringen zu wollen: Einer solch aberwitzigen Aufgabe konnte sich nur ein Besessener wie Arnold Schönberg stellen. Das von seiner Oper „Moses und Aron“ geforderte Regie-Kunststück aber, Bilder mit Bildern zu kritisieren, kann so virtuos wiederum wohl nur ein Bilderstürmer wie Achim Freyer vollbringen. Seine Inszenierung an der Zürcher Oper bescherte bei allem Gedankenreichtum zugleich auch noch – Schönberg wäre stolz gewesen – einen streckenweise hinreißend komischen, höchst unterhaltsamen Abend, der dank des fabelhaften Sängerensembles und der großen Orchesterleistung unter dem Dirigenten Christoph von Dohnányi auch zum musikalischen Höhepunkt der Saison geriet. Kern der Oper über die biblische Geschichte der Offenbarung am Berg Sinai und den Rückfall der Kinder Israels in den Götzenglauben während des Tanzes um das Goldene Kalb ist die nicht abschließend aufzulösende Spannung zwischen dem unaussprechlichen reinen Gottesgedanken – eine Sprechrolle: Moses – und seiner fasslichen Darstellung – heldentenoral: sein redegewandter Bruder Aron, der den Gedanken manipuliert und verfälscht, um ihn dem Volk nahezubringen. Freyer ließ die Bilder explodieren und unterlief gerade dadurch ihre Eindeutigkeit. Die Ausschweifungen der Kinder Israels in ihrem vorübergehenden Abfall vom monotheistischen Glauben potenzierte Freyer zu kaleidoskopartig explodierenden Perspektiven eines infantiles Warenweltparadies: mit einer freundlich-arglosen Stofftierparade, die an regressive Gelüste einer Kollektiv-Verblödung appellierte. Jenen riesigen Schoko-Osterhasen, der als zeitgemäß heidnischer Nachfahre des Goldenen Kalbs auf Freyers Bühne vergötzt wurde, werden wir so schnell nicht vergessen. Das war mehr als nur eine Pointe: ein Coup, eine hintergründige Attacke. (spin)
Vernünftig und höchst allegorisch, spekulativ und ironisch verspielt, die moderne Physik einläutend und dabei mit altehrwürdigen naturphilosophischen und mathematischen Motiven operierend: Das alles zugleich ist Johannes Keplers „Der Traum, oder: Mond-Astronomie“. Ein Text, der 1634 erschien, vier Jahre nach Keplers Tod – und der seit diesem Jahr tatsächlich zum ersten Mal in einer vollständigen deutschen Fassung vorliegt. Unbegreiflich fast, dass es so lange dauerte. Denn man lernt im „Traum“ nicht nur eine entscheidende Figur des Übergangs zur neuen Wissenschaft kennen. Zu entdecken ist auch ein mitreißender, mit literarischen Tonlagen vertrauter Autor, der ziemlich gewagte erzählerische Erfindungen mit einer genau arbeitenden wissenschaftlichen Imagination zu verknüpfen wusste. Fußnoten, die selbst Jean Paul Achtung abnötigten, eingeschlossen. Man hat sich daran gewöhnt, beides getrennt zu sehen oder unter etwas etwas überstürzten Versuchen der neuerlichen Zusammenführung von Fiktion und Wissenschaft zu leiden. Hier aber sieht man sie einfachimmer noch mit Witz und Ingenium verwirklicht. Vor fast vierhundert Jahren war das, und diese Lanze für Kopernikus hat doch nur an Reiz gewonnen. (hmay)
Das wichtigste Thema des Jahres hat das Fernsehen zunächst einmal verschlafen: den Umschwung in Ägypten, den Bruchpunkt der „Arabellion“, der sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo manifestierte. Erst mit Verzögerung und im zweiten Anlauf schienen gerade die sich als Informationsführer dünkenden öffentlich-rechtlichen Sender die Tragweite des Geschehens nachzuvollziehen. Als der inzwischen abgesetzte Staatspräsident Husni Mubarak sich am Abend des 1. Februar erklärte, ging das ZDF zu weiteren Nachrichten des Tages über, als in Kairo die Auseinandersetzungen eskalierten, lief im Ersten eine Seifenoper, im Zweiten wurde gekocht: deutscher Biedermeier, splendid isolation. Eine solche Fehlleistung sah man selten. Inzwischen aber ist die „Arabellion“ zum Prüfstein jedweder journalistischen Kommentierung geworden. Aus dem „arabischen Frühling“ ist tiefster Winter geworden, ein Schulterschluss zwischen den bei den Wahlen siegreichen Islamisten und der alten militärischen Nomenklatura deutet sich an, das Regime schlägt gegen die Demokraten, gegen die Aufrührer auf der Straße und im Internet und gegen deren Helfer in aller Welt mit der Gewalt und autoritären Maßnahmen zurück, vor denen es Anfang des Jahres noch zurückschreckte. Ob wir auch diese Entwicklung verpassen? (miha.)
Viele, wenn nicht die meisten der Dogmen des modernen Bauens sind nach den Verheerungen, die sie im zwanzigsten Jahrhundert anrichteten, außer Kraft. Eines nicht: noch immer meinen hiesige Architekten, sie müssten jeden Tag die (Bau-)Welt neu erfinden. Und so gilt weiterhin vielen unter ihnen das Entwerfen traditionsverbundener Architektur als Todsünde. Mit dem Ergebnis, dass selbst so mustergültige Bauprojekte wie Hamburgs HafenCity oder die künftige Berliner Mitte so gut wie hier auch in Sydney oder Abu Dhabi, in Schanghai oder London stehen könnten. Das ist nicht per Se verdammenswert, wirkt sich aber auf Dauer als Verdammnis aus, zumindest jedoch als Verhängnis, das die Globalisierung über uns verhängt: In einer Zeit, die durch die atemberaubende Beschleunigung aller technologischen und sozialen Prozesse buchstäblich kein Innehalten mehr kennt, ist eine Architektur, die Halt gibt, lebensnotwendig. Halt aber findet das Gros zumindest der Europäer in Bauwerken, die Kontinuität ausstrahlen und vermitteln. Aus dieser Perspektive ist der Versuch Frankfurts, die riesige Abrissbrache des ehemaligen Technischen Rathauses im Herzen der untergegangen Altstadt nun auf historischen Parzellen mit geschichtsbewussten Gebäuden zu bebauen, ein mutiger Schritt – nur wer seine Vergangenheit bewahrt, kann gefasst der Zukunft entgegengehen. (bat.)
In diesem Jahr haben Wissenschaftler bestätigt, was Romanleser schon lange wissen: Sich in fremde Welten und Menschen hineinzuversetzen, stärkt den Charakter. Lesen fördert Eigenschaften wie Empathie, Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft und erleichtert den Umgang mit anderen. Das bestätigte 2011 besonders ein Buch: „Der alte König in seinem Exil“ von Arno Geiger. Wiewohl kein Werk der Fiktion, macht es seine Sprache, sein Gehalt und seine Wirkung zu großer Literatur. Die Erkenntnis, dass der Vater von der einsamen Insel, auf die ihn die Alzheimererkrankung gespült hat, nicht mehr herunter kann, macht den Sohn zum Brückenbauer: Da der Vater mit der Realität der anderen immer weniger anfangen kann, ist der einzige Weg der Verständigung, sich auf die seine einzulassen. Die Ausweglosigkeit der Demenz wird nie geleugnet, doch nicht die Klage darüber führt Geiger die Feder. Sein Buch bietet eine Essenz von Erkenntnissen und Gedanken über das, was am Ende der Lektüren zählt. Und es bestätigt die Vermutung des Lesers, dass jene, die solche subtilen Werke der Einfühlung zu schreiben imstande sind, selbst bemerkenswerte Zeitgenossen sein müssen. (fvl)
Nur wenige Elementarteilchen sind so harmlos wie die Neutrinos. Ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, durchdringen uns pro Sekunde Abermilliarden von ihnen. Und doch sind es diese ungeladenen Geisterteilchen gewesen, die in diesem Jahr für die größte Furore gesorgt haben. Denn die Neutrinos stehen im Verdacht, das kosmische Tempolimit zu verletzen. Denn gemäß Einsteins Relativitätstheorie darf sich nichts schneller fortbewegen als das Licht im Vakuum. Erst recht nicht Teilchen, die wie die Neutrinos eine Masse haben. Zur Erinnerung: Ende September behauptete eine Forschergruppe, künstlich erzeugte Neutrinos seien sechzig Nanosekunden eher am Ziel angekommen als ein Lichtstrahl. Vier Wochen später hat man die Messungen wiederholt, und wieder waren die Neutrinos schneller. Seitdem herrscht Ratlosigkeit unter den Physikern, die hoffen, dass bald ein anderes Experiment den Befund bestätigt oder - noch besser - widerlegt. Denn sonst wäre unklar, warum sich die Relativitätstheorie so gut überprüfen lässt. Auf jeden Fall werden wir im Alltag von den Neutrinos weiterhin nichts verspüren, selbst wenn sie schneller sind als Licht. (mli)
Dieser Film hätte nicht gedreht werden dürfen. Deshalb heißt er: „Dies ist kein Film“. Jafar Panahi, gegen den die iranischen Behörden eine sechsjährige Haftstrafe
Ja, es war ein Jahr der Fälscher, der vorsätzlichen Täuschungen und der listigen Vorspiegelungen. Wolfgang Beltracchi, 1951 geboren als Wolfgang Fischer in Höxter, hat sich mit seinen Komplizen in diese Phalanx eingefügt, auch er ein Fälscher von Graden - auf dem Feld der modernen Kunst. Der Prozess vor dem Kölner Landgericht im Herbst geriet zum publikumsträchtigen Höhepunkt; denn Beltracchi ist auch ein Selbstdarsteller von Gnaden. So raffiniert wie er hat noch keiner vor ihm den Auktionshandel zum Narren gehalten, samt den Galeristen und den selbstherrlichen Experten. Er hat dieses ganze Gewerbe bloßgestellt, von der stilkritischen Begutachtung bis zur leichtfertigen Vermarktung, indem er gründlich vorging, nicht nur auf den Vorder-, sondern auch auf den Rückseiten der Werke, mit bemerkenswertem Kenntnisreichtum. Augenzwinkernde Anerkennung ist aber unangebracht. Das Gute an seinem Tun liegt einzig darin, dass sich die arrogante Kunstwelt nun ein wenig unter Beobachtung gestellt sieht. Die dümmste Pointe lieferte zum Jahresende der Kunstverein in Freiburg, wo Beltracchi zuletzt einige Jahre wohnte. Man plante dort eine Ausstellung seiner Elaborate, und der Vorsitzende Ernst-Ludwig Ganter, selbst Rechtsanwalt und übrigens Chef der ortsansässigen Bierbrauerei, wollte dabei sensibel sein: „Wir wollen die Kunstszene und den seriösen Markt nicht verprellen“, zitierte ihn die „Badische Zeitung“ vor drei Tagen. Gestern folgte hektisch das Dementi des Vereins, aber ein Satz Ganters verdient doch, festgehalten zu werden: „Es ist tatsächlich auch Kunst, nur eben anders herum.“ Kann man’s noch glauben? (rmg)
AI WEIWEI & Renaissace-Gesichter & P.O.RUNGE & Gottesteilchen
Werner Hahn (wernerhahn)
- 31.12.2011, 13:13 Uhr