08.03.2011 · Nach den Exzessen des Karnevals wird der Ärger mit den Suchtexperten wieder groß sein. Dabei ist der Alkoholrausch eines der wertvollsten Kulturgüter, die wir haben. Ein Einwurf gegen das Genuss- und für das Wirkungstrinken.
Von Peter RichterKlingt wie ein Märchen, ist aber keins: Es war einmal ein König, der mit seinem Nachbarkönig ein paar ernsthafte Streitigkeiten hatte. Beide waren ehrgeizig und etwa gleich stark. Vielleicht war der andere sogar noch ein bißchen stärker, das war schwer zu sagen. Wenn es aber schwer zu sagen ist, ob man im Zweifel gegen den anderen gewinnen kann - was tut man dann? Man geht gemeinsam einen trinken.
Die Erkenntnis, daß nach ein paar Gläsern Wein die Welt schon ganz anders aussieht, daß nach ein paar Flaschen davon die Differenzen plötzlich gar nicht mehr so groß erscheinen - und daß man über alles reden kann, wenn das Reden für Außenstehende erst einmal angefangen hat, wie Lallen zu klingen: Diese Erkenntnis hat zur Gründung der einzigen Geheimgesellschaft geführt, die jemals einen sinnvollen Zweck hatte, oder wenigstens gute Laune.
Ihr Name war: Die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit.
Arbeiten hieß für die Gesellschaft: Trinken
Es war August der Starke, König in Polen und Kurfürst von Sachsen, der diese Gesellschaft gründete. Und sie erfüllte tatsächlich alle Kriterien, die man von Geheimbünden aus Abenteuerromanen kennt: verschwiegene Treffpunkte, Tarnnamen und ein striktes Geheimhaltungsgelübde. Das Gremium tagte bei Graf Wackerbarth, der verdonnert worden war, die Kellerräume seines Kurländer Palais in Dresden dazu zur Verfügung zu stellen. Als rituelles Zentrum ließ August seinen Hofarchitekten einen runden Tisch anfertigen, der die Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit automatisch in eine Traditionslinie stellte, die von der mythischen Tafelrunde des König Artus bis zu den „Runden Tischen“ während der sogenannten friedlichen Revolution in Ostdeutschland reicht. Die Idee dahinter ist simpel genug: Wo eine Runde wirklich kreisförmig tafelt, kennt die Sitzordnung keine Hierarchien mehr; wenigstens formal sind hier alle gleich.
August persönlich hatte die Satzung und die Mitgliederliste verfaßt. Hoher sächsischer und preußischer Adel, auch Damen waren dabei. Geredet werden sollte über alles, und zwar zwanglos und ohne einander ins Wort zu fallen. Am 13. März 1728 wurde Preußenkönig Friedrich Wilhelm I., der sogenannte Soldatenkönig, offizielles Mitglied. Und es heißt, daß die Beziehungen zwischen den beiden hart konkurrierenden Mächten Preußen und Sachsen tatsächlich spürbar friedlicher geworden seien, solange die Gesellschaft ihren Statuten gemäß arbeitete, also: trank.
Die Lächerlichkeit der Besoffenen
Das, dachte ich im ersten Moment, ist das Einleuchtendste, Klügste und Anrührendste, was ich jemals über irgend etwas gehört habe. Es war auf dem Staatsweingut Schloß Wackerbarth in Radebeul, wo sie auch einen Nachbau des Runden Tisches im Keller haben.
Eine Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit! Alkohol als Mittel der Diplomatie!! Trinken für den Frieden!!!
Ich war wie berauscht von dem Gedanken.
Und dann kam, noch mit der gleichen Post gewissermaßen, auch schon die Ernüchterung.
Denn selten ist ein Konzept dermaßen nicht aufgegangen. Schon wenige Jahre später, im Siebenjährigen Krieg, haben die Preußen ihre sächsischen Saufbrüder trotzdem brutal über den Haufen gerannt. Und davon mal ganz abgesehen: Was ist mit all den zerstörten Lebern, was mit den zerstörten Leben? Was ist das Gelächter der Trunkenen gegen die Lächerlichkeit der Besoffenen? Und woher kommt, wenn das Trinken den Frieden stiften soll, dann die ganze Gewalttätigkeit? Die Typen, die im Suff Menschen totschlagen. Und die sich am nächsten Morgen nicht einmal mehr daran erinnern können . . .
Wer nur mal nippt, trinkt nicht
Die Wahrheit ist: Ganz so schwerwiegend waren meine Gedanken im ersten Moment noch nicht. Es war vielmehr einfach so, daß wir, wie gesagt, auf einem Weingut saßen. Und die Erkenntnis, daß es tatsächlich einmal eine staatliche Gesellschaft zur Bekämpfung der Nüchternheit gegeben hat, die wäre eigentlich ein ganz guter Grund zum Anstoßen gewesen.
Aber ich war der, der nachher noch fahren mußte.
Und was dabei das Trinken betrifft - da sind unsere Polizisten bis heute leider von preußischer Unnachsichtigkeit, sogar die in Sachsen.
Das war - gerade, wenn man durch ein Glas Wein darauf schaute - ein Problem von philosophischen Ausmaßen: Trinken verbietet sich für den, der fährt. Aber Nichttrinken ist nicht nur auch keine Lösung - Nichttrinken entzieht gleich der Fahrt als solcher die Grundlage. Wozu ist ein Weingut denn da? Und nur so viel zu trinken, daß es keine Wirkung tut: Das ist von allen Varianten die mit Abstand erbärmlichste. Wer nur mal nippt, trinkt nicht. Wer nur nippt, verschwendet Rohstoffe. Denn, nein: Es geht eben nicht nur um den Geschmack. Wenn es nur um den Geschmack ginge, könnte man den Wein nach dem Gegurgel auch wieder ausspucken wie der Winzer bei der Probe.
Irgendwer drückt einem immer ein Glas in die Hand
Seinen Gästen würde der Winzer das aber übelnehmen, und zwar völlig zu Recht. Der tiefere Sinn des Weins ist nicht, daß er schmeckt, sondern daß er wirkt. Sein Stifter war Dionysos, ein grausamer Genuß-Gott, und nicht irgendein Feinschmecker mit gekräuselten Lippen. Der Geschmack ist nur eine Zugabe, wenn auch eine erfreuliche. Wer aber sagt, daß es ihm ausschließlich auf den Geschmack ankäme, auf den Alkohol hingegen könne er verzichten: Der ist entweder ein Lügner, oder er hat auch vom Geschmack keine Ahnung, denn der Geschmack ist verwoben in die Drehzahl. Das, was man das maßvolle Trinken nennt, ist deshalb immer nur ein Flirt mit dem Rausch. Irgendwann muß man sich auch mal trauen, einen Schritt weiter zu gehen.
Es wird hier also ganz sicher nicht für das eine Gläschen Rotwein plädiert, das gut sein soll für das Herz. Es geht hier nicht um das eine Gläschen, das schon nichts schaden wird. Es geht, wenn überhaupt, um das eine Glas zuviel. Das, welches gut für die Stimmung ist.
Oft liest man den verdrucksten Satz, der Autor selbst „genieße“ „gelegentlich“ „durchaus“ auch einmal „ein Glas guten Rotweins“. . . Dieser Autor hier hält das für großen Blödsinn. Wenn der Rotwein wirklich gut ist, trinkt er nämlich mindestens noch ein zweites Glas. Oder er trinkt von vornherein gar keins. Viel häufiger genießt er übrigens ein schönes Glas schlechten Weißweins. Das bringen das Leben und der Beruf so mit sich. Irgendwer drückt einem immer ein Glas in die Hand. Und in der Regel ist der Weißwein eben schlecht. Meistens zu sauer. Immer zu warm. Und mit Wasser geizen sie gern, vielleicht aus Angst, daß sonst keine Stimmung aufkommt.
Ich bin ein schwangerer Moslem auf Entzug
Deshalb sind übrigens Bierflaschen so wichtig. Da hat man was in der Hand und ansonsten seine Ruhe. Es kommt kein Kellner und schenkt dauernd nach. Wer will, kann einen ganzen Abend damit bestreiten. Und sie liegt auch leer noch elegant in der Hand. Die Bierflasche ist sozusagen die Clutchbag des Herrn. Und daß so ein Bier nicht unbedingt dem Trinken dient, sondern unter Umständen auch der Abwehr von anderen Getränken, von Trinkzwängen, mit denen zu tun bekommt, wer in dieser Gesellschaft bestehen will: Das ist auch so etwas, was zur großen, wundersamen Dialektik des Trinkens gehört.
Denn wer trinkt, hat in unserer Gesellschaft ein Problem. Wer nicht trinkt, aber auch. Wer trinkt, gilt als sozialer Störfall. Wer nicht trinkt, erst recht. Wer nichts trinkt, macht sich verdächtig. Eine Frau, die nichts trinkt? Bestimmt „in anderen Umständen“. Ein Mann, der nichts nimmt? Sicher religiöse Gründe. Oder noch schlimmer. (Trockener Alkoholiker!) Es ist in unserer Gesellschaft praktisch nicht vorgesehen, einen Drink abzulehnen. Außer man sagt: „Ich bin ein schwangerer Moslem auf Entzug.“
Aber wer sagt so etwas schon?
Nüchternheit ist eine Erfindung der Moderne
Denn wer trinkt, trinkt nie nur so für sich, er stellt sich in soziale Zusammenhänge und in bestimmte Traditionen. Jahrtausendelang war das Trinken ein Segen, es war lebensrettend, es war Medizin und Lebensmittel. Alkoholisches war noch das Gesündeste, was man trinken konnte. Jedenfalls gesünder als Wasser. Es sind noch nicht viel mehr als zweihundert Jahre, daß in Europa der Genuß von Wasser als unbedenklich gilt. „Water weakens a person“ wissen Engländer, wenn sie im Pub stehen, bis heute. Alkohol desinfizierte, Alkohol konservierte. Und, tja, Alkohol machte irgendwann betrunken. Man muß sich, so deuten es manche Historiker an, das Abendland bis ins 18. Jahrhundert als durchgängig und flächendeckend angeschickert vorstellen.
Vom Kind bis zum Greis und von den Bauern bis zu den Baronen. Von denen, die sich damit die körperliche Arbeit erträglich machten, bis zu denen, die wenig anderes zu tun hatten. Kopfklarheit als Lebensform, so ist zu lesen, das bringt erst ein Dasein zwischen Rechnungsbüchern mit sich, das kommt erst mit dem Bürgertum. Nüchternheit in dem Sinne, wie sie unsere Verkehrsbehörden heute verlangen, ist eine Erfindung der Moderne. Davor gab es ganz offenbar, wenn überhaupt, nur einen Unterschied: den zwischen angetrunken und sturzbetrunken.
Heute stehen wir an einem Wendepunkt
Jahrhundertelang war das Trinken nämlich auch ein Zwang. Es konnte nicht abgelehnt werden, wenn es ans Zutrinken ging, wie das rituelle Leeren der Becher damals hieß. Geschäfte wurden so besiegelt, Lehnsverhältnisse, alles. Es gab im sechzehnten Jahrhundert einmal einen Nürnberger Patrizier, der sich von Papst Paul III. von diesem Trinkzwang befreien ließ. Daß man heute noch von ihm weiß, zeigt nur, daß er die berühmte Ausnahme darstellt, durch die jede Regel erst bestätigt wird.
Dauernd trinken zu müssen wäre heute eine Horrorvorstellung. Gar nichts mehr trinken zu dürfen allerdings auch. Und es könnte sein, daß wir heute an einem Wendepunkt stehen. Daß das eine Extrem gerade ins andere umschlägt.
Noch mag es unvorstellbar klingen, daß das Trinken eines Tages aus unserem Alltag verschwinden könnte. Aber das galt auch einmal für den Hut oder das Pferd: noch vor weniger als einem Jahrhundert im Leben nicht wegdenkbar - heute im Alltag der meisten Menschen nichts als eine vage Erinnerung, ein Gegenstand der Nostalgie, bestenfalls ein teures Hobby. Wie die Zigarre und das Pfeifchen. Und bald die Zigarette.
Ich trinke nicht, ich genieße
Schon heute zeichnet sich ab, daß es auf dem Gebiet des Trinkens zu einer ähnlich restriktiven Gesundheitspolitik kommen könnte wie zuletzt beim Rauchen. Es gibt Tendenzen, die heute noch belächelt werden und morgen vielleicht schon mehrheitsfähig sein können. Könnte also sein, daß wir es hier mit einem Kulturgut zu tun haben, das schon bald auf dem Weg ins Museum ist. Könnte sein, daß da eine ganze Welt zu verschwinden droht. Es muß nicht, aber es könnte. Etliches spricht dafür.
Es lohnt sich auf jeden Fall, noch einmal genau hinzuschauen, was da alles auf dem Spiel steht, wenn dem Rauschtrinken der Kampf angesagt wird. Und es lohnt sich womöglich gerade für diejenigen, die mit ihrem guten Glas Rotwein in der Hand dabei noch assistieren, weil sie sich für kultivierter halten als die fröhlich lärmenden Karnevalszecher: Gerade für solche „Ich trinke nicht, ich genieße“-Trinker könnte es sich womöglich am meisten lohnen, den Ast einmal zur Gänze zu betrachten, auf dem sie sitzen, während sie sägen.