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Kulturgeschichte : Von der Beute zum Bekenntnis: das Palituch

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Protest mit wehendem Tuch Bild: AP

Historischer Faltenwurf: Als sich die Studenten damals die bequemen Tücher von ihrem PLO-Besuch nach Hause mitnahmen, ahnten sie wohl nicht, daß sie damit hierzulande einen rasanten Tuchabsatz in Gang setzen würden.

          In der arabischen Welt scheint tagsüber die Sonne. Sie scheint pausenlos, und das würde die Menschen, die dort eben nicht im Schatten sitzen und lesen können, sondern auf den Feldern arbeiten müssen, um den Verstand bringen, wenn sie sich nicht zu schützen wüßten. Gesund lebt, wer sich ein Tuch auf sein Haupt legt. Das Palästinensertuch heißt Kefiya. Hierzulande, wo es sich Ende der siebziger Jahre niederließ, und zwar antizyklisch: eben nicht wegen des guten Wetters, sondern wegen der allgemeinen politischen Sauschlechtwetterlage, wird es einmal schlicht Palituch genannt werden.

          Bis zum Ende des Osmanischen Reiches trug auch die arabische Welt den türkischen Fez fest auf dem Kopf. Der Fez kam in die Bundesrepublik nicht als politisches Symbol, sondern nur als touristische Beute. Deutsche Jugendliche in Stuttgart, die einen Fez auf dem Kopf tragen, sagen damit nicht aus, was sie im Kopf tragen. Der Fez sieht mit seiner Troddel sehr hübsch aus, und der deutsche Buchhandel, in dessen stolzen Reihen die kleinen alternativen Buchläden der siebziger Jahre nicht oder kaum überlebt haben, hat sich um den Fez verdient gemacht. Der englische Reiseschriftsteller Jeremy Seal hat über die Geschichte des Fez ein lesenswertes Buch geschrieben, das 1998 auch auf deutsch erschienen ist.

          Sogar der Faltenwurf ein Statement

          Der Fez wurde den Arabern - und zwar gleichzeitig mit den dort gerne getragenen westlichen Hüten der Moderne - mit flacher Hand vom Kopf gefegt und durch Tücher ersetzt. Der Großmufti von Jerusalem rief in den dreißiger Jahren alle Mann zum Tuch, das zum Symbol des Kampfes gegen den Westen und Israel wurde. Die Farbe und das Muster der Tücher unterscheiden sich nach den Stämmen. Die Saudis zum Beispiel tragen kompromißlos weiße Tücher, während die Palästinenser damals das Schwarzweißmuster bekamen.

          Anti-Castor-Demo bei Quickborn 1997: Wasserwerfer, Kernkraftgegner und ein Tuch

          Heute kann man in Deutschland für rund fünfzehn Euro unter dem Etikett Palästinensertuch schöne neue Tücher mit Fransen in verschiedenen Farben kaufen. Zur Erinnerung: Sie sind rund ein Meter mal ein Meter groß. Als Tischdecke herrlich einfach zu gebrauchen, um dann drum herum mit guten Freunden eine Tasse guten Tee zu trinken. Arafat hat sein Tuch gerne wie ein Dreieck gefaltet und getragen, damit dieser Faltenwurf so aussah wie das historische Palästina. Es gab eine Zeit, da war eben alles radikal politisch.

          Was man von der PLO lernen konnte

          Das Palästinensertuch kam, folgen wir den Hinweisen von Forschern, die sich mit der Geschichte der 68er-Bewegung befaßt haben, in die dafür völlig unvorbereitete Bundesrepublik Deutschland, als sich Mitglieder des Palästina-Komitees - eines Sprosses des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes - nach Palästina aufmachten, um sich vor Ort die PLO und deren Kampfmethoden anzuschauen und davon zu lernen. Die gleiche Situation: Die Sonne schien, die Häupter brauchten Schutz. Die Tücher lagen für die Gesandten griffbereit.

          Die Gesandten nahmen aus dem Aufenthalt vieles mit, was in der Bundesrepublik angewandt werden sollte, und im Zuge dieses Wissenstransfers entschlossen sie sich, es lag ja nahe, die bequemen Tücher bei der Abreise einfach aufzubehalten und daheim den staunenden Genossen vorzuführen. Sie wußten wahrscheinlich nicht, daß sie damit einen rasanten bundesrepublikanischen Tuchabsatz in Gang setzen würden.

          Die Größe des Tuchs machte sich bezahlt

          Auf Fotografien aus jenen Tagen der warmen Solidarität - damals schrieb zwar Karl Markus Michel, der als Redakteur zum engsten Kreis des sehr erfolgreichen "Kursbuches" gehörte, sein kluges Buch "Sprachlose Intelligenz", aber er schrieb es eben leider gleichsam in den Wind der tausend Palitücher - sieht man junge Menschen in den sehr gerne getragenen und also ausgebeulten tarnfarbengrünen Parkas, den kleinkarierten Bekennerstoff um den Hals geschlungen. Nebenbei: Man muß, im Grunde genommen, zwischen den schwarzweißen Tüchern der Linken, die vor allem von der guten Sorte Demokratie mehr wollten, und den rotweißen Tüchern der Anarchisten, die keinen Staat wollen, unterscheiden, was aber auf den historischen Schwarzweißfotografien ganz schlecht geht.

          Das Palituch hatte symbolischen Wert. Es war ein sicherer Wegweiser, während ringsum alles ins Rutschen geriet. Der Philosoph Karl Jaspers hatte seinen Bestseller veröffentlicht "Wohin treibt die Bundesrepublik?" Erhard Eppler, Mitglied des Bundestages, hatte seine Gegenfrage veröffentlicht: "Wohin treibt Karl Jaspers?" Das Palituch hielt stand, gab dem Kopf gleichsam Façon. Es hatte aber auch unter den bedrückenden Umständen von Polizeieinsätzen einen ganz handfesten Wert: Es diente bei Demonstrationen zur sogenannten Vermummung. In jenen Stunden des Ringens mit der Staatsgewalt zahlte sich die Größe des Tuches aus.

          Ab ins Haus der Geschichte

          Das Tuch tragen hieß bald einfach nur noch, nicht auf der Seite der Betuchten zu stehen, sondern dort, wo die Menschen zu Hause sind. Es hielt warm und tauchte deswegen auch unter den sitzenden und laufenden Massen der Friedensbewegung auf und in Aktionen, die auch auf den zweiten Blick sehr fern von Palästina liegen: zum Beispiel bei den Protesten gegen die Startbahn West oder bei den Kämpfen um besetzte leerstehende Häuser. Dieser weiche Wandel mit weichem Tuch ging nicht ohne theoretisches Innenfutter ab. Daniel Cohn-Bendit dachte sehr ernsthaft und wortreich über soziale Alternativen zur Revolution ohne Proletariat nach und fand daraufhin die Alternative als bunte Begriffsdecke einer bunten Bewegung.

          Da das Tuch einen kleinen Ausschnitt der Mentalitätsgeschichte der deutschen Jugend abdeckt, wanderte es in den neunziger Jahren in das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Wir fragten den Schriftsteller Peter Rühmkorf: Er kann sich an die ganze Geschichte mit dem Palituch heute nur noch schlecht erinnern.

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