30.01.2009 · Mitten in der Rezession herrscht im Kulturbetrieb demonstrative Gelassenheit. Selbst Spekulationen bleiben unter Verschluss, als wären sie Geheimsache. Doch so viel scheint sicher: Viele gestern noch sprudelnde Geldquellen werden bald nur noch tröpfeln.
Von Hubert SpiegelWährend in der Finanzwelt die Milliardenverluste verkündet werden, als sei ein Wettbewerb um das größte Schuldenloch ausgebrochen, während Banken verstaatlicht, Konjunkturpakete geschnürt und Investitionen in allen möglichen Branchen gefordert und versprochen werden, ist es um die Kultur seltsam still. So still, als sei sie von der Finanzkrise gar nicht betroffen. Kein Theaterintendant jammert lauter als sonst, kein Museumsdirektor schreit auf, kein Kulturpolitiker beschwört warnend die Abgründe, die sich in den Etats seiner Institutionen demnächst auftun könnten. Müsste nicht allein schon die schlichte Logik der üblichen Verteilungskämpfe gebieten, dass auch die Kulturlobby sich jetzt bemerkbar macht? Gilt nicht mehr denn je: Wer jetzt die Hand nicht offenhält, der kann sie gleich geschlossen lassen?
Und doch herrscht Ruhe im Kulturbereich. Die Etats des laufenden Jahres sind gesichert, und vorauseilendes Jammern erscheint weder opportun noch erfolgversprechend. Auch möchte sich niemand dem Vorwurf der Panikmache aussetzen. Und schließlich, so ist überall zu hören, könne ja noch kein Mensch wissen, welche Auswirkungen die Finanzkrise für den Kulturbereich haben werde. Das stimmt, aber offenbar wagt auch niemand, es sich auszumalen. Selbst Spekulationen bleiben unter Verschluss, als wären sie Geheimsache. Herrscht also genau jene Art von Stille, die auf den Sturm verweist?
Dröhnendes Schweigen
Im bayerischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst demonstriert man Gelassenheit, und auch Hessen zeigt sich entspannt: Streichungen seien zurzeit nicht geplant, der bayerische Doppelhaushalt 2009/2010 weist sogar einen Zuwachs von 6,7 Prozent für die Kultur aus. Thomas Girst, Sprecher der BMW-Kulturkommunikation und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kultursponsoring beim Bund Deutscher Industrie, weist darauf hin, dass viele Projekte langfristig angelegt sind und viele Sponsorenverträge Laufzeiten von mehreren Jahren haben. Ähnliches hört man aus den großen Stiftungen: Normalität wird suggeriert und Gelassenheit demonstriert. Und über das, was nach dem Jahr 2009 geschehen könnte, wird so dröhnend geschwiegen, dass es einem in den Ohren saust.
Dabei muss man kein Pessimist sein, um sich vorzustellen, wie stark die Kürzungen der nächsten Jahre ausfallen könnten. Dann müsste man zwangsläufig die Frage noch einmal ganz neu stellen, auf welchen Säulen die Kulturfinanzierung hierzulande ruhen beziehungsweise wanken soll. Für Rolf Bolwin, den Direktor des Deutschen Bühnenvereins, besteht kein Zweifel daran, dass eine überwiegend private Finanzierung von Kunst und Kultur, wie sie in Amerika betrieben wird, bei uns nicht funktionieren kann. Aus Hessens Kunstministerium ist das Gegenteil zu hören: „Privates Engagement in der Kultur ist heute unerlässlich.“ Aber welches Szenario wird sich abzeichnen, wenn abzusehen ist, in welchem Ausmaß auch Kulturinstitutionen, Stiftungen und private Mäzene Verluste auf dem Finanzmarkt erlitten haben? Bislang sind nur einige wenige Beispiele bekannt: Die Universität Harvard verlor in Monaten acht Milliarden Dollar, die deutsche Stiftung Industrieförderung hat ihr Kapital mit Aktien weitgehend vernichtet. Einige italienische Bankenstiftungen und etliche Stiftungen in Großbritannien sollen ebenfalls in Schwierigkeiten stecken. Englische Stiftungen, sagt Wilhelm Krull, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, hätten nicht selten sechzig bis siebzig Prozent ihres Vermögens in Aktien oder Private Equity Fonds investiert und damit früher hohe Rendite erzielt. Jetzt denke man dort natürlich anders über diese Art der Geldanlage.
Bei Stiftungen drohen Kürzungen
„Stiftungen zeichnen sich durch eine Vielfalt der Zwecke, aber auch durch eine Vielfalt der Vermögensanlage aus. Darüber hinaus gilt immer die strategische Frage: Was hat Vorrang, Kapitalerhaltung oder Förderung? Jetzt werden sich die Gewichte natürlich gewaltig zugunsten der Kapitalerhaltung verschieben.“ Bei kleineren und mittleren Stiftungen, fürchtet Krull, könne bei steigender Inflation selbst die reale Vermögenserhaltung „fast schon zur unlösbaren Aufgabe“ werden. Kürzungen der Fördermittel seien da unausweichlich.
Sein eigenes Haus, die Volkswagen Stiftung, der Krull als Generalsekretär vorsteht, werde wohl Verluste in Höhe von etwa fünfzig Millionen Euro abschreiben müssen. Das ist viel Geld, aber die Summe relativiert sich angesichts eines Stiftungskapitals von 2,4 Milliarden Euro. Die laufende Förderung, die mehr als 120 Millionen Euro umfasst, ist davon nicht betroffen, aber im nächsten Jahr, so Krull, rechne er mit einer Kürzung der Fördermittel um acht bis zehn Prozent. Bei anderen Stiftungen hält der Chef des Stiftungsverbandes Kürzungen in Höhe von zwanzig oder dreißig Prozent für denkbar: „2010 und 2011 dürfte es für manche Kulturinstitution sehr eng werden“, so Krull: „Und man wird sicher auch sehr viel vorsichtiger sein loszulegen, wenn etwa die letzten zehn- oder zwanzigtausend Euro für ein Projekt noch fehlen. Bisher war man in der Regel zuversichtlich, dass die Lücke noch irgendwie geschlossen werden könne. Diese Zuversicht wird es wohl nicht mehr geben. Im Gegenteil: Man muss fast schon dafür werben, jetzt mutig zu sein und nicht in Übervorsicht zu verfallen.“
Muss die öffentliche Hand energischer gegensteuern?
Problematisch könnte es vor allem werden, wenn es um größere Ankäufe oder Bauvorhaben geht: „Da wird man sicherlich manches Vorhaben aufgeben oder zumindest für einige Jahre zurückstellen müssen; es sei denn, es gibt die Möglichkeit, dass der Bund sich im Rahmen der Konjunkturprogramme an solchen Maßnahmen beteiligt.“ Jetzt komme es darauf an, „Vorwärtsstrategien zu entwickeln, damit sich im Kulturbereich nicht ein Zusammenbruch wiederholt, wie wir ihn auf den Kapitalmärkten erleben: Es darf keinen Schwarzen Freitag der Kultur geben.“
Viele gestern noch sprudelnde Geldquellen werden vielleicht bald nur noch tröpfeln. Niemand weiß, wie Sponsoren, Freundeskreise von Opernhäusern und Kunstmuseen sowie private Mäzene sich in einer Krise verhalten werden, deren Ausmaß immer noch nicht erkennbar ist. Müsste, wenn vieles wegzubrechen droht, nicht die öffentliche Hand energisch gegensteuern? „Natürlich wäre das antizyklische Agieren jetzt genau das richtige, aber Kulturpolitiker haben es sehr schwer, in Krisensituationen zusätzliche Mittel loszueisen. Das können Wirtschafts- und Verkehrspolitiker besser.“
Vorteile staatlicher Förderung
Eine Behauptung, die Bernd Neumann nicht auf sich sitzenlassen möchte. Der Kulturstaatsminister rüstet sich für die anstehenden Haushaltsberatungen, in denen er seine Mittel weiter aufstocken möchte. Um neun Prozent, sagt Neumann gegenüber dieser Zeitung, sei der Etat seit Beginn seiner Amtszeit gestiegen. Nun will er „weiter für einen steigenden Etat kämpfen. Ich bin überzeugt, dass man sich gerade jetzt antizyklisch verhalten muss. Es wäre sicherlich das falsche Signal, mit einem sinkenden Kulturetat die Situation zu verschärfen.“ Gleichwohl fürchtet Neumann nicht, dass sich demnächst große Lücken in den Kulturhaushalten der Länder und Kommunen auftun könnten: „Der Bund hilft den Ländern und Kommunen schon jetzt, wo dies verfassungsrechtlich möglich ist. Dieser Beitrag darf jedoch nicht die grundsätzlichen Verantwortlichkeiten bei der Förderung von Kunst und Kultur aushebeln. In allererster Linie sind die Länder und Kommunen in der Pflicht, ihre Kultureinrichtungen gut auszustatten. Ich gehe davon aus, dass auch in Krisenzeiten Länder und Kommunen sich dieser Verpflichtung bewusst sind.“
Gerade in einer Zeit wie dieser, glaubt der Politiker, sei es „ein großer Vorteil, dass Gelder für die Kultur überwiegend von staatlicher Seite kommen“. In Amerika finanziert die öffentliche Hand lediglich etwa zehn Prozent aller finanziellen Aufwendungen im Kulturbereich. In Deutschland ist es umgekehrt: Hier stammen weniger als zehn Prozent der Mittel aus nichtöffentlichen Quellen. Aber diese fünf bis zehn Prozent sind weitaus wichtiger, als diese Zahl vermuten lässt. Denn ohne diese ergänzenden Mittel könnten viele Kulturinstitute gerade ihre Fixkosten decken und würden in reiner Bestandswahrung erstarren: Kaum ein Museum ist in der Lage, ohne zusätzliche Mittel von Sponsoren und Freundeskreisen Wechselausstellungen zu bestreiten.
Vom Exportweltmeister zum Krisenbewältigungschampion
Max Hollein, der in Frankfurt das traditionsreiche, auf Bürgerengagement gegründete Städelmuseum leitet, gilt als besonders erfolgreich im diplomatisch anspruchsvollen Geschäft des Fundraising. Auch die bankrotte Investmentbank Lehman Brothers zählte zu den Sponsoren des Städel. „Wäre Lehman eines von drei Unternehmen, die uns fördern, hätten wir ein echtes Problem gehabt. Aber Lehman war nur eines unter etwa fünfzig Unternehmen, die uns unterstützen. Deshalb konnten wir die Situation gut auffangen.“ Hollein sieht für sein Haus zurzeit keine konkreten Folgen der Krise, aber eines steht für ihn schon heute außer Frage: „Der Wettbewerb der Institutionen um Sponsoren und Fördermittel wird sich deutlich verschärfen.“
Dabei rät Hollein dazu, nicht zu stark auf die Wirtschaft zu setzen: „Es ist nicht alles immer nur von den großen Unternehmen abhängig. Das Museum of Modern Art wurde mitten in der größten Krise gegründet, und auch jetzt sollen die privaten Spenden in den Vereinigten Staaten der Krise zum Trotz bislang kaum gesunken sein. Was ich damit sagen will: Vieles hängt von dem Stellenwert ab, den eine Gesellschaft der Kultur zuschreibt.“ Aber noch scheint Deutschland nicht recht zu wissen, wie es sich zur größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten verhalten soll. Vom Exportweltmeister zum Krisenbewältigungschampion ist es ein weiter Weg.