Home
http://www.faz.net/-gqz-726lr
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kultur der Maori Wir wollen das Beste beider Welten

 ·  Nicht Ethno-Kitsch, sondern Tradition und Postmoderne machen die Kultur der Maori heute aus - und die Wiederbelebung ihrer Sprache. Ein Besuch im urbanen Neuseeland.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (2)
© © Marco Secchi/Corbis „Officer Taumaha“ - Bronzestatue von Michael Parekowhai

Rote Leuchtschrift flackert am Hauptbahnhof von Auckland über dem Fahrkartenschalter. „Kia Ora, nau mai, haere mai“ lautet die digitale Begrüßung. Es ist „Maori Language Week“, wie jedes Jahr Ende Juli: Alle Schulen, Medien und öffentlichen Einrichtungen Neuseelands fördern gezielt die offizielle zweite Landessprache. Eine Zugstation weiter stehen die polynesischen Laute nicht nur für eine Woche im Mittelpunkt: Im Geschäftsviertel Newmarket, zwischen Sushi-Restaurants und Edelboutiquen, ist der Sitz von Maori TV, mitten im Herzen der Metropole Auckland.

Lampenschirme aus silberfarbenen Flachskörben, Stahlkunst und Holzschnitzerei gestalten den Eingang. Grundwerte der Maori-Philosophie wie „Liebe“ und „Ehrlichkeit“ hängen in postmodernen Lettern an der Wand. Das Design ist so einladend, clever und frisch wie das Programm, das seit acht Jahren aus den Studios in Newmarket gesendet wird. Neben internationalen Dokumentarfilmen laufen eigenproduzierte Sport-Talkrunden, Gameshows, Soaps als Sprachunterricht und ein „Superstar“-Wettbewerb, für den das junge Studiopublikum an manchen Freitagen bis auf die Straße hinaus ansteht. In der Schlange sind auch stets etliche pakeha, wie die Hellhäutigen europäischer Abstammung in Aotearoa, dem „Land der langen weißen Wolke“, also Neuseeland, heißen.

In der Pakeha-Welt verankert

Beide Wörter haben sich längst ins Alltagsenglisch des Vier-Millionen-Staates eingebürgert - symbolisch für die Verschmelzung beider Volksgruppen, die sich gemeinsam als „Kiwis“ fühlen und sich dennoch immer wieder aneinander reiben. In keinem anderen westlichen Land mit Urbevölkerung sind sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens so ethnisch durchdrungen wie in Neuseeland. Es gibt keine Gettos oder Reservate, keine „Randgruppe“. Die Maori machen mehr als ein Achtel der Bevölkerung aus. Sie sind in der Mitte der Gesellschaft, sichtbar und lautstark.

“Wie wir heute leben, ist wohl am ehesten mit den Lappen in Skandinavien vergleichbar“, sagt Carol Hirschfeld, die elegant in kurzem schwarzem Mantel und Stiefel gekleidet empfängt. Sie ist Programmdirektorin von Maori TV, hat deutsche Vorfahren urgroßväterlicherseits, ein gewinnendes Lächeln und ein winziges Büro. Bis vor drei Jahren war die hochgewachsene Maori-Schönheit eines der Vorzeigegesichter des kommerziellen Senders TV 3 und eher in glamouröser Abendmode in Frauenzeitschriften zu sehen als bei einem Protestmarsch der Ureinwohner. Ihre Mutter war vom Stamm Ngati Porou und starb, als Carol zehn Jahre alt war. „Ich war fest in der Pakeha-Welt verankert, so wuchs ich auf.“ Dann wechselte sie die Seiten, was anfangs „ziemlich beängstigend“ war: „Ich musste neu anfangen und zu meiner Unwissenheit stehen. Aber für diese Lektion bin ich dankbar.“ Sie meint die Gepflogenheiten und Umgangsformen, mit denen sie nicht vertraut war, in erster Linie die Sprache.

Wanderin zwischen den Welten

Die Neunundvierzigjährige ist nicht die Einzige im Sender, die täglich Vokabeln lernt: Nur ein Viertel der 673 000 Maori in Neuseeland beherrscht te reo, aber es werden stetig mehr. Auch Maori TV verdankt seine Existenz den seit einem Vierteljahrhundert laufenden staatlichen Bemühungen, die indigene Sprache wiederzubeleben. „Je mehr ich verstehe“, sagt Hirschfeld, „desto mehr sehe ich die Welt um mich herum mit anderen Augen.“ Sie macht sogar in der sendereigenen „Kapa Haka“-Gruppe mit, wo die kraftvollen Maori-Tänze mit Zungerausstrecken, Schenkelklopfen und Augenrollen geübt werden. „Aus moderner Sicht ist ein Kriegstanz natürlich überholt, aber nicht die Bedeutung, die wir daraus beziehen. Es geht um die Verbundenheit zur Vergangenheit. Es vermittelt mir eine Zugehörigkeit, ein Zuhause.“

Die Visitenkarte der eloquenten Wanderin zwischen den Welten ist zweisprachig bedruckt. Die meisten ihrer Meetings beginnen jetzt mit einem karakia, einem Maori-Gebet. Von Gästen wird Hirschfeld oft mit einem hongi, dem Stirn- und Nasenkuss, begrüßt. Und was woanders der Rundfunkrat ist, ist bei Maori TV ein „Rat der Weisen“: Distinguierte Stammesälteste sorgen dafür, dass zum Beispiel nichts explizit Sexuelles auf den Bildschirm gelangt. „Wir werfen ein anderes Licht auf Maori als die Medien, die sich nur aufs Negative konzentrieren“, sagt die Programmdirektorin. „Die wenigsten Kiwis wissen, wie viele phantastische Initiativen und Veranstaltungen es von Maori-Seite aus gibt, welche positive Energie da herrscht. Es ist ansteckend!“

Eine Emanzipation

Wenn bei Maori TV für eine Reality-Show ein Haus renoviert wird, dann ist es kein Mittelklasse-Eigenheim, sondern ein marae - das traditionelle und meist reichverzierte Versammlungshaus der jeweiligen Stämme in jeder Region, in dem Trauerfeiern, Feste, Politisches und Privates stattfinden. Die kulinarische Sendung „Kai Time“ berichtet nicht über Spitzenköche - es sei denn, es handelt sich um einen Maori -, sondern ist lieber dabei, wenn Muscheln aus dem Meer geholt werden und am Strand gegrillt wird. Zwei Drittel der Zuschauer sind pakeha. Manche Sendungen laufen in te reo, andere auf Englisch mit Untertiteln. Die Moderatoren springen locker zwischen den Idiomen hin und her, gelacht wird viel. Dagegen wirken die restlichen Fernsehstationen in Neuseeland starr und verstaubt. Maori TV, so viel wird beim Zuschauen wie beim Besuch schnell klar, ist das Aushängeschild eines Landes, in dem Ethnisches nicht Kitsch und Folklore für Touristen ist, sondern gelebte Kultur - und cool.

Auf dem Bildschirm des Senders läuft gerade ein Musikvideo des Sängers Tiki Taane. „Tangaroa“ (Meeresgott) ist komplett auf Maori gesungen - kein süßliches Volkslied, sondern kraftvoller Sprechgesang mit Schlagzeug zu tätowierter Haut. Ein anderer Song von Taane hält in den neuseeländischen Charts den Rekord als längste Nummer eins. Maori sind aber nicht nur in der Musikszene Stars, sondern längst auch auf Gebieten, die stets von europäischer Seite dominiert wurden: Kunst, Film, Theater und Literatur. Die großen neuseeländischen Filme der letzten beiden Jahrzehnte hatten allesamt Maori zum Thema, von „Das Piano“ bis zu „Whale Rider“ - eine Würdigung, die weder Inuit, Indios noch Indianer in ihrer jeweiligen Heimat je erfuhren. Das Sozialdrama „Once Were Warriors“ zeigte 1994 erstmals auf der Leinwand die desolaten Lebensumstände der urbanen Maori-Unterschicht und setzte damit eine Zäsur: Suff, häusliche Gewalt - so schlimm war es also. Für das friedliche Neuseeland war das ein Schock, für viele Maori eine Nestbeschmutzung durch den Autor Alan Duff. Achtzehn Jahre später schlägt der preisgekrönte Film „Boy“ nun ganz andere Töne an: Nicht mit Betroffenheit, sondern lakonischem Witz und viel Poesie erzählt der Regisseur Taika Waititi autobiographisch von einer Kindheit abseits der weißen Norm. Eine Emanzipation: So sind wir, und das ist gut so.

Knochenschnitzerei ist Vergangenheit

Als „riesige Bereicherung“ empfindet die Fernsehmacherin Hirschfeld ihre indigenen Wurzeln, aber nicht jede Stammestradition ergibt für sie Sinn. Zum Beispiel soll ein als heilig empfundenes Schnitzwerk im Nationalmuseum Te Papa nicht von menstruierenden Frauen besichtigt werden, weil das ein Tabu verletze. „Man muss diese Bräuche aber erst mal verstehen und anerkennen, bevor man sie hinterfragt“, sagt Hirschfeld. „Was davon Bestand hat oder nicht, verändert sich von Generation zu Generation. Es ist eine lebendige Kultur. Zum Glück.“

Die dreht sich längst nicht mehr nur um Knochenschnitzerei und Vogelfedern. Ralph Hotere, mittlerweile zweiundachtzig, war lange der am höchsten gehandelte abstrakte Maler im Lande. Jetzt erzielt der Bildhauer Michael Parekowhai Spitzenpreise. Auf der letzten Biennale stand sein knallroter Steinway-Flügel, komplett aus traditioneller Maori-Schnitzerei gefertigt - Klassik trifft Stammeskunst. Zu den größten neuseeländischen Dichtern zählte der 2008 verstorbene Hone Tuwhare, als wichtigster lebender Autor gilt der ehemalige Diplomat Witi Ihimaera, der unter anderem den verfilmten Bestseller „Whale Rider“ schrieb.

Der heilige Gral der Nation

Als Ihimaera auf der letzten Frankfurter Buchmesse zur Gitarre griff und spontan ein Lied in seiner Sprache sang, war das für manche deutschen Zuhörer eher befremdlich. Außerhalb des Pazifikraumes erschließt sich nicht sofort, dass das Ständchen des hochgebildeten Literaten nicht nur folkloristische Unterhaltung war, sondern spirituelle wie emotionale Tiefenwirkung hat. „Ein paar halbnackte Menschen im Grasrock, die die Zunge rausstrecken, sind vielleicht aus europäischer Sicht nicht Kultur“, wehrt sich Carol Hirschfeld, „aber für unser Volk, dessen Geschichte so viel jünger ist, hat es die gleiche Verbindung zur Vergangenheit wie für einen Deutschen eine Wagner-Oper. Es geht um Zugehörigkeit.“ Die Abstammung, die Genealogie, ist in der Maori-Mythologie entscheidend und durchtränkt alles. Ihr Ausdruck in Form von Riten und Liedern ist nicht nur spirituell, sondern hat einen politischen Stellenwert, den jeder Neuseeländer - egal welcher Hautfarbe - ernst nimmt.

Dass die Nationalhymne zuerst auf Maori gesungen wird, dass ein Rugby-Spiel mit einem Haka beginnt und der Besuch von einem Staatsoberhaupt mit einer Zeremonie namens powhiri, dass jede Forschung, jeder medizinische Eingriff, jeder Schulunterricht die Werte und Traditionen einer Stammeskultur berücksichtigen muss und keine Schnellstraße gebaut werden darf, wo ein taniwha (Naturgeist) sein Zuhause hat: All das ist einem vergilbten Dokument zu verdanken, das als Kopie auch überdimensional in der Eingangshalle von Maori TV hängt. Der Vertrag von Waitangi zwischen der englischen Kolonialmacht und Maori-Häuptlingen ist so etwas wie der heilige Gral der Nation. Er markierte 1840 ihre Geburtsstunde und gestand den Maori die Wächterfunktion über Land und Gewässer zu. Rund hundertdreißig Jahre lang, bis zu den Protesten und Landbesetzungen von Maori-Aktivisten in den siebziger Jahren, wurden die im Vertrag verankerten partnerschaftlichen Rechte und der Schutz der ethnischen Kulturgüter von staatlicher Seite jedoch grob ignoriert: Maori wurden enteignet, ihre Sprache und Bräuche unterdrückt, sie starben an eingeschleppten Krankheiten. Auch wenn es nicht zum Genozid wie bei den australischen Aborigines kam, weil die Maori sich zu wehren wussten, worauf die Nachkommen der Krieger bis heute stolz sind, ist das historische Unrecht so groß, dass vom Staat bisher bereits mehr als eine Milliarde Dollar an Entschädigung gezahlt wurde. Es stehen noch weitere Summen aus.

Die Sprache als Schatz

Alle Jahre wieder kocht das Thema „Wem steht was zu“ hoch. In diesen Wochen ist es das Recht auf Wasser, denn ein Energieversorger auf der Südinsel wird verkauft, und die Stämme fordern mit Verweis auf den Waitangi-Vertrag ihren Anteil. „Klagekultur“ und „Absahnen“ nennen das konservative Weiße politisch unkorrekt. Sie stören sich daran, dass man als Maori dank Quotenregelung leichter ins Medizinstudium und an finanzielle Förderung kommt. „Ausgleichende Gerechtigkeit“ nennt es dagegen ein Mann, der als Arbeiter im Schlachthof begann, heute Medienmillionär ist und sein Land nach wie vor als rassistisch empfindet, „weniger im Umgang miteinander, sondern institutionalisiert“.

Dieser Mann, Willie Jackson, sitzt beim Kaffee im wohlhabenden Aucklander Stadtteil Ponsonby und erzählt, dass sein Vater in der Schule noch Schläge bezog, wenn er die eigene Sprache gebrauchte. Sein Onkel Syd war ein berühmter Aktivist, „Neuseelands Malcom X“, der den Neffen prägte. Willie Jackson wurde Gewerkschafter, dann Politiker und hob im Parlament Maori TV mit aus der Taufe. „Unsere Sprache ist ein taonga“, sagt er, „ein Schatz, der für alle Neuseeländer kostbar ist. Er macht uns einzigartig auf der Welt.“

Gegen die eurozentrischen whiteys

Der Einundfünfzigjährige ist heute der Chef von über zwanzig Maori-Radiostationen und Vorstandsvorsitzender der „Urban Maori Authority“ mit Sitz in Manukau. Dort, im Süden Aucklands, sind die Hinterhöfe und Zustände teils noch so trostlos wie in „Once Were Warriors“, aber die hiesigen Underdogs sind heute eher Samoaner. Doch nach wie vor sind die Hälfte der Gefängnisinsassen Neuseelands Maori. „Drogen, Alkohol, Arbeitslosigkeit, Gangs - wir führen in allen negativen Statistiken“, räumt Jackson ein. „Umso mehr müssen wir gute Leute fördern und inspirieren, auch mittels Quoten. Demokratie hilft einer indigenen Minderheit leider nur selten.“ Er schickt seine Kinder auf die beste Privatschule der Stadt. Zuvor gingen sie in die rein Maori-muttersprachliche Vorschule: „Sie bekommen das Beste von beiden Welten.“

Nachmittags nimmt Willie Jackson im Studio von „Radio Live“ Höreranrufe entgegen. Zusammen mit John Tamihere, der unter der ehemaligen linken Regierung stellvertretender Minister für Maori-Angelegenheiten war und zeitweise als künftiger Premierminister gehandelt wurde, moderiert der Medienmogul die provokanteste Talkback-Sendung Neuseelands. Rundfunk hat in dem langgestreckten und dünnbesiedelten Land eine prominente Funktion. Die beiden früheren Politiker foppen und provozieren sich - Jackson als die radikale, Tamihere als gemäßigte Stimme. Ihre Sendung „Willie & JT“ versteht sich vor allem als Stachel im Pakeha-Fleisch: Sie soll den eurozentrischen whiteys vorführen, wie kolonialistisch sie noch immer sind. Zuvor hatte Jackson sechs Jahre lang eine profilierte Interview-Sendung im ersten Fernsehprogramm. „Wenn ich nicht dauernd lautstark die Maori-Seite vertreten hätte, wäre ich noch dort“, ist er sich sicher. Das nagt an ihm. „Natürlich bin ich parteiisch! Das sind pakeha umgekehrt auch, nur merken sie es nicht.“

„Die einzigen braunen Gesichter“

In seiner Sendung geht es heute um die Frage, ob man jemanden mit traditioneller Gesichtstätowierung, dem moko, einstellen soll. Jackson kontert einen Anrufer mit einem Kraftausdruck und lacht dann mit ansteckendem Glucksen in Falsetthöhe. John Tamiheres Tochter, eine junge Psychologin und eher hellhäutig, habe auch ein moko, erklärt er. Warum tragen JT und Willie keines? „Weil wir aus einer Generation stammen, in der unsere Herkunft nicht verehrt und gefeiert wurde. Für unsere Kinder ist das anders.“

Ein interessierter Anrufer will noch wissen, was der Ortsname „Punakaiki“ bedeutet, dann ist die Sendung vorbei. Jackson legt einem der Mitarbeiter das bunte Programm für den morgigen „Maori Day“ an der Universität auf den Schreibtisch. Da wird er auf dem Podium fordern, dass te reo Pflichtfach an allen Schulen werden soll: seine Sprache, seine Leidenschaft, seine Vision. Im Gehen zeigt er auf das Team, allesamt pakeha, und lacht: „JT und ich, wir sind die einzigen braunen Gesichter hier.“ Es klingt mehr nach Bedauern als nach Stolz.

Anke Richter lebt in Lyttelton, Neuseeland. Sie ist die Verfasserin des Buchs „Was scheren mich die Schafe - Unter Neuseeländern“.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Freitod-Fashion

Von Fridtjof Küchemann

Ein Model kniet vor dem Gasherd, eines steht mit einem Stein im Arm im Fluss: Für eine Modestrecke ließ das amerikanische Magazin „Vice“ den Freitod bekannter Autorinnen nachstellen. Was als Kunst gemeint sein soll, verrät die Kunst. Mehr 2