http://www.faz.net/-gqz-8v0qh

Künstliche Intelligenz : Die Regierung der gescannten Hirne

Nur wenige „Ems“ werden sich humanoide Körper zulegen, wie die Androiden aus der Serie „Westworld“ Bild: Sky

Eine Studie aus Oxford entwirft die Soziologie einer Ära, in der Roboter mit gescannten Gehirnen die Weltwirtschaft bestimmen. Kann es sein, dass das Reden über Künstliche Intelligenz die Menschen den Abstraktionen der Maschinen unterwirft, längst bevor diese die Herrschaft übernehmen?

          Menschen? Menschen wird es wohl auch noch geben, wenn erst einmal „Brain emulations“ (abgekürzt „Em“), also die gescannten Software-Versionen der tausend funktionstüchtigsten menschlichen Gehirne, auf Computer heruntergeladen werden können, so dass sie dort ein Eigenleben führen und die globale Ökonomie übernehmen. Da Menschen viel zu langsam sind, um an den Wirtschafts- und Kommunikationsprozessen ihrer digital beschleunigten Computer-Klone teilzunehmen, kommen sie als Produktivkräfte dann freilich nicht mehr in Betracht. Im besten Fall fristen sie, wenn sie sich rechtzeitig Anteile an dem durch die „Em“ erbrachten Wirtschaftswachstum gesichert haben, ein ruhiges Leben als Rentner an ihren angestammten Orten. Von außen könnte man, wenn man auf sie schaut, gar nicht erkennen, dass sich irgend etwas geändert hätte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dies alles steht nicht in einem Science-Fiction-Roman, sondern in einer sozialwissenschaftlichen Monographie, in der ein in Oxford lehrender Ökonom ganz ernsthaft und mit zahllosen Fußnoten erkundet, wie es in der Gesellschaft der „Brain emulations“ zugehen wird (Robin Hanson, „The Age of Em“. Work, Love and Life when Robots Rule the Earth, Oxford University Press). Dass es die dafür notwendige Technik irgendwann in den nächsten hundert Jahren geben wird, setzt der Verfasser Robin Hanson einfach voraus. Um so sorgfältiger aber geht er dann bei der Erörterung der Einzelheiten zu Werke, etwa bei der Frage, ob die Menschen-Rentner in der neuen Ära womöglich enteignet oder liquidiert werden. Vermutlich nicht, lautet die Antwort – sofern freilich die bisherigen juristischen, finanziellen und politischen Institutionen bestehen bleiben; und sofern die „Em“ weiterhin direkte soziale Bindungen zu menschlichen Personen unterhalten, die aus dem ökonomisch produktiven Leben ausgeschieden sind. Das sind die beiden Rahmenbedingungen, die der Ökonom bei den verfügbaren empirischen Wissenschaften (Politologie, Psychologie, Soziologie) als Begründung dafür vorgefunden hat, weshalb nicht auch heute schon Rentner systematisch umgebracht werden.

          Schönheit in Containern

          Ähnlich ungerührt und umsichtig ist die Auskunft, die Hanson über jene Menschen gibt, die keine Aktien besitzen und auch nicht Geld durch Dienstleistungen an anderen Menschen verdienen können: „Ohne Vermögen, Fähigkeiten zum Diebstahl, private Wohltätigkeit oder Sozialtransfers der Regierung werden sie wahrscheinlich verhungern, so wie Menschen das in der Geschichte immer schon getan haben.“

          Doch die Pointe dieses eigenartigen Panoramas ist, dass die Menschen entsprechend ihrer realökonomischen Rolle in ihm nur am Rande vorkommen. Im Zentrum steht, wie die „Em“ sich untereinander verhalten, wie es um Leben, Sterben, Ökonomie, Sex und Kultur dieser halbkünstlichen Intelligenzen bestellt sein wird. Ist ein „Em“ erst einmal installiert, kann er unbegrenzt kopiert werden; so sorgt nicht nur seine Schnelligkeit, sondern auch seine Zahl dafür, dass sich das Wirtschaftsvolumen in immer kürzeren Abständen verdoppelt. Milliarden, vielleicht Trillionen von „Em“ leben zusammengeballt in überhitzten Städten, die aus Hardware-Containern und Kühlsystemen zusammengesetzt sind; die ersten dieser Siedlungen werden wahrscheinlich rund um Big-Data-Zentren entstehen, wie sie heute von Konzernen wie Google oder Amazon gebaut werden. So unansehnlich diese Konglomerationen dem menschlichen Auge erscheinen werden, so spektakulär schön sind die virtuellen Welten, in denen die „Em“ ihre Tage verbringen; nur vergleichsweise wenige von ihnen haben einen Roboter-Körper, mit dem sie zum Beispiel in der Dienstleistungsbranche tätig sein können. Diese Ära wird nach menschlichem Zeitmaß nur etwa ein oder zwei Jahre lang dauern, worauf dann „etwas noch Seltsameres“ folgen wird. Den „Em“ selbst aber wird diese Zeit aufgrund ihrer höheren Schnelligkeit wie Tausende Jahre vorkommen.

          Weitere Themen

          China setzt auf Gesichtserkennung Video-Seite öffnen

          Totale Kontrolle : China setzt auf Gesichtserkennung

          In China müssen die Menschen damit leben, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit permanent gefilmt, gescannt und ausgewertet wird. Gesichtserkennung hat inzwischen alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfasst.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.