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Künstlerinnen der Avantgarde : Im Lauf durch die Kunst hindurch

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Keine Frage der Quote, sondern eine der Überzeugung: Die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen huldigt der weiblichen Seite der Avantgarde.

          Was hat der Frauenanteil in den Führungspositionen von Dax-Unternehmen mit Kunstgeschichte zu tun? Mehr, als man denkt. Richtig ist nämlich, dass Kunstgeschichte schreibt, wer viele Ausstellungen in Museen erhält. Richtig ist aber auch, dass nicht alle Ausstellungen leicht zu finanzieren sind. Während sich für die männlichen Stars der Avantgardekunst aber zuverlässig Sponsoren finden (Banken, Versicherungen, Energiekonzerne), versiegen häufig die Geldflüsse, wenn zur Abwechslung einmal Künstlerinnen der Moderne ausgestellt werden sollen. Und plötzlich zählt der Kanon der Kunstgeschichte so viele Frauen wie der Vorstand von Dax-Unternehmen.

          Auch bei der Düsseldorfer Ausstellung „Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde“ sucht man vergebens auf den Plakaten den Namen eines privaten Sponsors (einzig Steinway stellt für das musikalische Programm mietfrei zwei Flügel zur Verfügung). Das kann man bezeichnend oder bedauerlich finden. Auf der anderen Seite ist es umso erfreulicher, dass Marion Ackermann, die Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die Aufgabe des Museums ernst nimmt, eine unabhängige Kunstgeschichte zu schreiben.

          Funde im Schutt der Geschichte

          Schon in dieser Hinsicht ist die Schau ein tadelloses Stück Museumsarbeit. Zweihundertvierzig Werke hat die Kuratorin Susanne Meyer-Büser von acht Künstlerinnen versammelt: Claude Cahun, Sonia Delaunay, Germaine Dulac, Florence Henri, Hannah Höch, Katarzyna Kobro, Dora Maar und Sophie Taeuber-Arp. Das hört sich nach einem Gipfeltreffen an. Es ist aber noch viel mehr. Denn die gezeigten Künstlerinnen waren eben keine Solitäre, die in die zugigen Höhen der Avantgarde ragten; sie bildeten eine lebendige Gemeinschaft, ein Netzwerk, das sich in den zwanziger und dreißiger Jahren über ganz Europa spannte. Man kannte sich, stellte zusammen aus, korrespondierte oder fuhr zusammen in den Urlaub.

          Was zeigt also diese Ausstellung? Und mit welchem Gewinn? Da wären die fünf Skulpturen der hierzulande fast unbekannten Bildhauerin Katarzyna Kobro. Fünf - das klingt wenig. Wenn man aber bedenkt, dass sich der Schutt der Geschichte gleich in mehreren Lawinen über Kobros Werk wälzte, sind die Skulpturen eher wie die berühmten Stecknadeln, die in einem Heuhaufen gefunden werden müssen. 1898 in Moskau geboren, studierte Kobro zunächst Kunst im revolutionären Russland, das sie verließ, als die Übergriffe der Politik zunahmen.

          In Polen versuchte sie gemeinsam mit anderen Künstlern eine Sammlung moderner Kunst in Lodz aufzubauen, ein Unternehmen, für das Fernand Léger, Max Ernst oder Sonia Delaunay Werke stifteten, das aber 1939 endete, als die Nationalsozialisten einmarschierten. Kobros Werk wurde im Krieg zerstreut und zerstört; ihre Holzskulpturen verheizte sie selbst, um für ihre kranke Tochter kochen zu können. Sechs Jahre nach Kriegsende starb sie, in einer Einrichtung für unheilbar Kranke.

          Bezugsfertige Skulpturen

          Von diesem Unglück wissen die in Düsseldorf gezeigten Skulpturen nichts. Sie sind zu Ruinen einer besseren Zukunft geworden, utopische Objekte, die sich von der Decke winden, wie ein großes Ei im Raum schweben oder sich sockellos aus dem Boden bohren; sie scheinen weiter davon zu träumen, dass die Geschichte einen anderen Weg nimmt, eine Abzweigung, die Kobro noch 1936 mit der Kunst ausbauen wollte: „Heute ist es die Aufgabe der Kunst“, schrieb sie, „die Städte umzubauen, das gesamte städtische Leben neu zu organisieren.“ Deshalb sind ihre Skulpturen auch Architekturmodelle - zum Beispiel für eine Vorschule aus Glas und geschwungenen Decken. Gebaut wurde sie nie.

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