14.08.2002 · Elfriede und die Jungs aus dem Quartier halten Thomas Hirschhorns „Bataille Monument“ auf der Documenta 11 lebendig. Wie, erzählt der Künstler im FAZ.NET-Gespräch.
Der in Paris lebende Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn wählte für seine Installation „Bataille Monument“ einen Standort außerhalb des Documenta11-Parcours' in einem normalen Wohnquartier Kassels. Zusammen mit den Bewohnern schuf er ein temporäres Denkmal für den französischen Schriftsteller Georges Bataille - eine multimediale Bibliothek, die während der 100 Ausstellungstage von Hirschhorn mit freiwilligen Helfern betreut wird. FAZ.NET sprach mit dem Künstler am Telefon über Kosten und Erfolg dieses interaktiven Projektes.
Herr Hirschhorn, wo erreichen wir Sie gerade, in der Schweiz?
Nein, in Kassel.
Wie geht es Ihrer Arbeit auf der Documenta?
Es geht ihr gut. Jeden Tag Besucher, jeden Tag Probleme, jeden Tag Auseinandersetzung.
Wie war das denn am Anfang, gab es Probleme mit den Veranstaltern? Einer Ihrer afrikanischen Kollegen hat sich bitterlich beklagt, dass die Künstler von der Documenta-Leitung nicht genug beachtet und gefeiert worden sind. Ging Ihnen das auch so?
Ich wurde nicht schlecht behandelt. Ich weiß aber, dass die Frage des Budgets bei großen Kunstprojekten mit vielen Künstlern immer eine Frage ist, die nie klar gelöst wird. Das liegt daran, dass die Arbeiten sehr unterschiedlich sind und nicht von Anfang an klar ist, wie viel was kostet. Ich beklage mich nicht. Es hat sich niemand mit mir an den Tisch gesetzt hier in Kassel, um die Budget-Frage zu besprechen. Das ist so, und weil ich das weiß, kämpfe ich für mein Budget. Leider ist das notwendig. Wenn man das nicht macht, kann es sein, dass man sich schlecht behandelt fühlt.
Stand denn offiziell Geld für die Ausführung der Kunstwerke zur Verfügung?
Ja. Bei meinem Projekt gibt die Documenta einen Teil der Kosten von insgesamt ungefähr 300.000 Euro dazu. Das ist nur ein Teil, und er wird jeden Tag kleiner, weil mein Projekt sehr teuer ist und sich Tag für Tag verteuert. Ich habe sehr hohe Kosten. Zum Beispiel musste gerade wieder eines von zwei Autos für den Fahrdienst von der Binding-Brauerei hier raus in die Vorstadt in die Garage. Fotokopien, Videos - das muss ich alles selbst bezahlen und organisieren. Der Anteil der Documenta an dem Budget wird nicht erhöht, obwohl die Gesamtkosten jeden Tag steigen.
Sie haben in Ihrer Bataille-Installation Videogeräte und Bücher aufgebaut. Wie groß ist der Schwund bis dato?
Zwei Videorecorder und eine Videokamera sind gestohlen worden, sonst hält es sich in Grenzen. Die Jungs vom Quartier, mit denen ich zusammenarbeite, achten aber auch gut darauf.
Ihre Arbeit hat mit Literatur zu tun. Sind Sie ein versteckter Literaturwissenschaftler?
Nein, überhaupt nicht. Ich lese wie viele andere - wenig. Ich mache für George Bataille ein Monument, weil ich ein Fan seines Werks bin. Dazu muss ich weder Spezialist noch Wissenschaftler sein. Der Fan muss sich nicht rechtfertigen.
Wie nehmen die Menschen die Arbeit auf?
Da ist Elfriede, aus dem Quartier, die hat sich inzwischen alle Bücher des Marquis de Sade ausgeliehen und gelesen. Oder neulich wurde einer der jungen Helfer hier aus dem Quartier von einem Passanten gefragt: „Und das soll Kunst sein?“ Da antwortete er: „Ja wir haben das zusammen gemacht.“
Sie bestehen auf dem Temporären Ihres Werkes, das ja als neue Art des Denkmals in den öffentlichen Raum eingreift, um zu erinnern. Könnten Sie sich auch vorstellen, längerfristige, interaktive Denkmale zu schaffen?
Für mich geht es darum, eine neue Möglichkeit des Monuments vorzuschlagen und gleichzeitig die bestehende Form des Monuments zu kritisieren. Teil dieser Kritik ist der Anspruch des Ewigen. Da wir aus der jüngeren Geschichte wissen, das Monumente, auch wenn sie aus Stahl und Beton gemacht sind, nach wenigen Jahren abgebaut werden können. Daher soll es bei meinen Arbeiten ganz bewusst um temporäre Lösungen gehen. Es geht um Erinnerung, um die Würdigung einer Idee, eines Projektes, eines Menschen.
Die Enthierarchisierung, die Sie durchführen, führt die dazu, dass Sie Menschen erreichen, die sich sonst weniger mit kulturellen Themen beschäftigen?
Es geht nicht darum, dass das Werk funktioniert. Es geht nicht um Nützlichkeit. Meine Arbeit ist eine Behauptung. Ich will die Menschen, die hier im Quartier wohnen, nicht ausschließen. Ich will nicht ausschließen, dass sie Zugang haben zum Werk von Georges Bataille. Ich übernehme die Verantwortung für diese Behauptung. Deshalb ist meine Arbeit ein Kunstwerk und nicht ein soziales Projekt.