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Kunst-Kommentar : Für die Freiheit!

Eine große, zum Rundlichen neigende Friedenstaube, nicht fliegend, sondern sitzend. Bild: dpa

Mit einem Protestruf und roter Farbe hat ein Künstler im „Tal der Gefangenen“ seinen Beitrag zur Debatte über den Verbleib von Francos Grab geleistet. Die Spanier reagieren wie gewohnt gespalten.

          Gerade waren wir noch in der Basilika des franquistischen Weiheorts „Tal der Gefallenen“ in der Sierra de Guadarrama bei Madrid, da kommt kurz darauf ein spanischer Künstler an ebendiesen Ort und veranstaltet etwas, was man früher ein Happening genannt hätte. Enrique Tenreiro, so der Name des Mannes, schmuggelte erst einen Plastikbehälter mit roter Farbe in die Kirche. Er tat das so, dass die Detektoren im Eingangsbereich nichts Auffälliges entdeckten, was aber wohl genau die Aufgabe von Detektoren gewesen wäre.

          Der Künstler hatte einen Fotojournalisten mitgebracht, der die geplante Aktion filmen sollte, und mit diesem legte er die zweihundert Meter durch die pompöse Halle zurück. Kurz vor der 11-Uhr-Messe, deren ganz spezielle Aura dank Verdunkelung und ominös krächzender Stimme des Priors wir wenige Tage zuvor ebenfalls hatten würdigen dürfen, trat Tenreiro vor die in den Boden eingelassene Grabplatte des Diktators Franco, gleich hinter dem Altar. Hier sollten wir anmerken, dass der Diktator sehr, sehr stolz gewesen war, als er am 1. April 1940, genau ein Jahr nach dem Ende des Bürgerkriegs, den Bau des Monuments im Beisein deutscher und italienischer Diplomaten angekündigt hatte. Neunzehn Jahre Bauzeit und umgerechnet 200 Millionen britische Pfund, so der Franco-Biograph Paul Preston, sollte die Anlage am Ende kosten, dazu vierzehn Menschenleben unter Zwangsarbeitern und ungezählte Gliedmaßen.

          „Ich habe nichts gegen Franco“

          Hier also, am Grab des megalomanischen Diktators, fiel der Künstler auf die Knie, und hätte er länger so verharrt, wäre er als einer der Franco-Getreuen angesehen worden, die hier habituell des 1975 verblichenen Generalísimo gedenken. Doch nun zog Tenreiro blitzschnell das Farbbehältnis aus der Tasche, wischte mit einer Hand die frischen Blumen vom Grab und malte mitten auf die Platte eine große, zum Rundlichen neigende Friedenstaube, nicht fliegend, sondern sitzend, und darüber schrieb er hastig (während die freie Hand einen weiteren störenden Blumenstrauß beiseitefegte) die Worte: „Für die Freiheit“.

          Erst da kamen Männer, um ihn fortzuzerren, erst da bemerkte der Geistliche in der Nähe, was geschehen war. „Für die Freiheit und die Versöhnung aller Spanier“, rief Tenreiro. „Für die Freiheit!“ Als die Wachleute ihn zu zweit gepackt hatten, rief er: „Ich habe gar nichts gegen Franco!“ Da sah ein Wachmann den Filmenden und rief: „Keine Aufnahmen!“ Tenreiro wiederholte seinen Spruch, es gehe nur „um die Freiheit und die Versöhnung der Spanier“. Später, so berichtet die Zeitung, habe sich der Künstler über seinen eigenen Mut erschreckt. Er habe doch nur ein Zeichen setzen wollen, gab er zu Protokoll, seine eigene Familie sei durch den Bürgerkrieg entzweit worden!

          Ob die Aktion ein gerichtliches Nachspiel hat, muss jetzt geprüft werden. In der Waagschale liegen Kleinigkeiten wie Sachbeschädigung, Volksverhetzung und die Freiheit der Kunst. Die Online-Kommentare verraten, dass manche mit Tenreiro sympathisieren, andere mit Franco oder der Kirche oder ganz allgemein mit Werten wie Ordnung und Sauberkeit. Einem der anwesenden Priester, hieß es, soll sehr daran gelegen gewesen sein, dass niemand das Video der mutmaßlichen Grabschändung zu sehen bekäme. Darauf der Künstler: „Padre, ich verzeihe Ihnen.“ Worauf der Geistliche geantwortet habe: „Ich werde dir verzeihen müssen!“

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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