22.05.2002 · Luc Tuymans wird auf der Documenta11 einer der wenigen, um so brisanteren Maler sein.
Von Ludwig SeyfarthLange Zeit ging es in der Malerei vor allem darum, sich selbst zu reflektieren sowie das Verhältnis zu anderen Medien wie Fotografie und Film grundsätzlich auszuloten. Dieser selbstkritische Zug prägt auch das Werk des 1958 geborenen belgischen Künstlers Luc Tuymans. Er ist inzwischen einer der weltweit bekanntesten Maler seiner Generation. Seine dezidierte Beschäftigung mit historischen und politischen Inhalten findet jedoch nicht überall Beifall.
Legt der Standort Berlin das Thema Holocaust und die Folgen automatisch nahe?
Die Ausstellung „Signal“ von Luc Tuymans 2001 im Hamburger Bahnhof kreiste assoziativ um die kollektive Erinnerung des Nationalsozialismus, die jede mitteleuropäische Biografie auch Jahrzehnte später noch prägt. Hat die Malerei hier noch etwas ganz Eigenes zu sagen, Dinge, die etwa in der Diskussion um das Holocaust-Denkmal nicht zur Sprache kamen?
Fast zum Skandal wurde Tuymans Schau „Mwama Kitono“ („Schöner weißer Mann“), ebenfalls im vergangenen Jahr im Belgischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Tuymans widmete sich einem dunklen Fleck in der jüngeren Geschichte seines Landes. Patrice Lumumba, erster Präsident des 1960 von Belgien unabhängig gewordenen Kongo, wurde am 17. August 1961 ermordet. Die genauen Umstände wurden nie aufgeklärt, die Verwicklungen der ehemaligen Kolonialmacht in die Tat wurden sofort vertuscht. Tuymans´ Bilder klären nicht auf, sind aber ein Versuch, Umgang mit Geschichte malerisch präzise zu kommentieren. Historische Fotos pinselt er nicht bestätigend ab, sondern reduziert die Vorlagen auf Andeutungen und Valeurs, zu einem ästhetischen Kommentar über verblassende Erinnerung und bewusste Vertuschung. Ästhetisch überzeugt das. Ob es gelungene politische Kunst ist, sei dahingestellt.
Der belgische König wollte nicht kommen
Zumindest hat Tuymans bewiesen, dass auch Malerei noch provozieren kann, wenn sie sich auf ein heißes Eisen einlässt. Der belgische König sagte seine Teilnahme an der Eröffnung in Venedig ab. Die Meinungen der Kritiker gingen auseinander und reichten von subtil, filmisch wirkenden Szenen, bis zu der Einschätzung, Tuymans sei nicht mehr als ein Illustrator.
Tuymans „negative“ Historienmalerei rührt zumindest an überkommene philosophische Vorstellungen, nämlich daran, dass Bilder, im Gegensatz zur Sprache, nicht verneinen können. Darin liegt ein erkenntnistheoretischer Zug, der in der belgischen Malerei spätestens seit René Magritte Tradition hat. Die Einladung nach Kassel dürfte Tuymans jedoch vor allem der Wahl eines postkolonialistischen Themas verdanken. Denn damit trifft er ein erklärtes Hauptanliegen dieser Documenta11.