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Veröffentlicht: 01.03.2013, 19:05 Uhr

Kubanischer Regimekritiker Ángel Santiesteban Wir sind wehrlos

Das Castro-Regime sperrt den Schriftsteller Ángel Santiesteban in das berüchtigte Gefängnis Valle Grane. Jahrelange Schikanen gegen den Regimekritiker finden in dieser Verurteilung ihren Höhepunkt.

von , Madrid

Anders als früher reisen schlechte Nachrichten in Minutenschnelle um den Erdball, auch wenn ein Unrechtsregime versucht, den Informationsaustausch zu verhindern. In diesem Fall handelt es sich um eine Unterdrückungsmaßnahme, die seit langem angekündigt war: Das Castro-Regime hat den kubanischen Schriftsteller Ángel Santiesteban zu fünf Jahren Haft verurteilt und in das Gefängnis Valle Grande außerhalb Havannas geworfen.

Valle Grande ist berüchtigt. Korrupte Militärs sollen in dem Gefängnis eine Schreckensherrschaft errichtet haben. Im Blog eines kubanischen Journalisten ist von Folter, Vergewaltigung und systematischem Nahrungsentzug die Rede. „In unserem Leben“, sagte Santiesteban vor wenigen Wochen in einem Youtube-Video, „gibt es keinerlei Rechtssicherheit, wir sind vor der Justiz dieses Staates wehrlos.“ Der Autor hat wiederholt erklärt, er sei unschuldig, bei der Gerichtsverhandlung seien keine Beweise für seine angeblichen Vergehen vorgelegt worden.

Schikanen reichen weit zurück

Die Schikanen gegen den regimekritischen Schriftsteller - Autor des Blogs „Los hijos que nadie quiso“ (Die Kinder, die niemand wollte) - reichen weit zurück. Bei einem Besuch in Havanna vor zwei Jahren erzählte uns Santiesteban, seine ehemalige Frau beschuldige ihn der Vergewaltigung und Körperverletzung (F.A.Z. vom 18. April 2011).

Auch einen Brand in ihrer Wohnung soll er gelegt haben. Ferner soll Santiesteban, so die kubanischen Behörden, einen jungen Mann mit dem Auto angefahren haben. Der Schriftsteller bezeichnet die Anwürfe als reine Erfindung, die Zeugenaussagen seien konstruiert, sein Alibi sowie Entlastungszeugen nicht in Betracht gezogen worden.

Jeden Versuch des kubanischen Staates, ihn durch Drohungen oder das Versprechen auf Vorteile gefügig zu machen, hat Santiesteban abgelehnt. Er sei „seelisch darauf vorbereitet“, bis zum Äußersten zu gehen. Schon letzten November, so berichtete er in einer E-Mail an eine Freundin, sei er mehrere Tage inhaftiert und brutal geschlagen worden, nachdem er die Eltern eines befreundeten Regimegegners zum Gefängnis begleitet habe.

Wohnung als Geschenk für Selbstzensur

Anfang Dezember wurde Santiestebans Berufung gegen das Gerichtsurteil abgelehnt. Seitdem wusste der Autor, dass man ihn jederzeit abholen könnte, um ihn ins Gefängnis zu bringen. Wie konnte es dazu kommen? Sagen wir, im verknöcherten kubanischen Sozialismus stehen Künstler vor der Wahl, in welchem Maß sie sich anpassen und ihrer Kunst die Zähne ziehen lassen wollen.

Zwar war der 1966 in Havanna geborene Schriftsteller einst ein vielgelobtes Talent der Literaturszene und erhielt Auszeichnungen, die in Kuba die Voraussetzung dafür sind, Papier zugeteilt zu bekommen und gedruckt zu werden - den Nationalpreis des Schriftstellerverbandes (Uneac) etwa und den Preis Casa de las Américas, benannt nach dem wichtigsten Kulturzentrum Havannas. Doch der 1995 prämierte erste Erzählband „Sueño de un día de verano“ (Ein Sommertagstraum) konnte nur mit drei Jahren Verzögerung erscheinen.

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Das Kulturministerium beanstandete zwei Erzählungen, die sich kritisch mit dem Angola-Krieg befassten. Nachdem Santiesteban zugestimmt hatte, sich selbst zu zensieren und die beiden problematischen Texte aus dem Band zu entfernen, schenkte man ihm eine Wohnung, in der heute seine ehemalige Frau mit dem gemeinsamen Sohn lebt. Es sollte der letzte Kompromiss des Schriftstellers mit der Staatsmacht sein.

Inzwischen darf Ángel Santiesteban in Kuba nicht mehr publizieren, seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit Autoreparaturen. Wer Bücher wie seinen Erzählband „Die Kinder, die niemand wollte“ lesen will, muss diskret bei oppositionellen Buchhändlern nachfragen. Viele Intellektuelle, so Santiesteban damals im Gespräch, empfänden wie er und akzeptierten weder den kubanischen Unrechtsstaat noch das Exil. „Ich bin glücklich“, sagte er uns seinerzeit.

„Der einzige Sinn, den ich in meinem Leben entdecken kann“

„Ich schreibe für mich selbst. Jede Nacht. Ich fülle die Seiten und habe ein paar fertige Bücher in der Schublade, Erzählungen, Romane. Das ist der einzige Sinn, den ich in meinem Leben entdecken kann. Dafür bin ich auf der Welt. Um zu schreiben.“ Sein Blog, der auf der Insel nicht gelesen werden kann, außerhalb aber umso mehr Leser findet, wurde jetzt von fremder Hand mit dem Bericht seines Haftantritts bestückt.

Gleich darunter steht ein Aufruf des Komitees „Writers in Prison“ des internationalen Pen-Clubs, dem sich zwanzig kubanische Regimegegner angeschlossen haben. Der offene Brief kritisiert die Repression gegen Santiesteban und weitere kubanische Intellektuelle. Mit einem Einlenken der Staatsmacht ist nicht zu rechnen. Mit dem Einlenken des Schriftstellers aber auch nicht. Seine Freunde erwarten, dass Ángel Santiesteban in Hungerstreik tritt.

Quelle: F.A.Z.

 

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