Ein Fußballstürmer muss dort hingehen, wo es weh tut. Dann macht er seine Arbeit gut. Bei einem Fußballreporter ist das ähnlich. Die „Berliner Zeitung“ hat dennoch ihren Mitarbeiter Matthias Wolf von der Berichterstattung über den Zweitligaklub 1. FC Union abgezogen, obwohl er tapfer war, wenn es weh tat - fünfzehn Jahre lang. Der Fußballverein und vor allem dessen Präsident Dirk Zingler hatten zuletzt mehr als deutlich gemacht, dass die Arbeit des Journalisten auch sie schmerze. Kein Wunder, hatte Wolf doch im vergangenen Jahr ans Licht gebracht, dass Zingler in den achtziger Jahren Dienst beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ geleistet hatte, das dem Staatssicherheitsdienst unterstand.
Der Artikel, welchen die „Berliner Zeitung“ am 19. Juli 2011 unter der Schlagzeile „Der schwarze Fleck“ veröffentlichte, war eine Sensation. Denn „Eisern Union“ aus Köpenick und seine Fans verstanden sich in der DDR als Opfer der Manipulationen von Stasi-Chef Mielke, als natürliche Rivalen des von Mielke mit allen Mitteln geförderten BFC Dynamo und als Sammelbecken derjenigen, die ganz entschieden keine Mitläufer waren.
Ungeheuerlich: Er trug den Dynamo-Trainingsanzug
Der Baustoffhändler Zingler, seit 2004 Präsident von Union, pflegte diese Tradition. Er ließ Sitze aus der Tribüne reißen, weil ihre Farbe dem Weinrot von Dynamo ähnelte. Er annullierte einen Vertrag, der Union zehn Millionen Euro einbringen sollte, nicht weil der Sponsor dubios war, sondern weil er von einem einstigen Hauptmann der Stasi vertreten wurde. Und der einstige Spieler Nico Patschinski beklagte, dass Union ihn rausgeworfen habe, weil er an einem Pokerturnier des BFC teilgenommen hatte.
All dies gehört zur Folklore von Union. Auch deshalb begann Wolf seine Enthüllungsgeschichte mit dem Umstand, dass Zingler einst den weinroten Trainingsanzug der Militärsportgemeinschaft Dynamo trug. Das war die Ungeheuerlichkeit: der Dynamo-Habitus. Der Trainingsanzug gehörte, wie die Uniform, zur Ausstattung der Wachsoldaten. Weiter gehende Vorwürfe erhob Wolf gar nicht. Im Gegenteil: Er zitierte aus Zinglers Personalakte und ebenso die Jahn-Behörde mit dem Hinweis, dass es keinerlei Hinweis darauf gebe, dass Zingler als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) tätig gewesen sei. Zingler kam in einem kurzen Interview mit der Erklärung zu Wort, dass er als achtzehn Jahre alter Wehrpflichtiger unter allen Umständen in Berlin bleiben wollte. „Für mich war das mein Wehrdienst, also Armee - ganz klar“, hieß es da. „Ich wusste auch vorher nicht, dass das Wachregiment dem MfS untersteht - das habe ich erst gemerkt, als ich dort meinen Dienst antrat.“
Für Zingler war damit dennoch das Maß voll. Der Präsident hatte sich schon früher schlecht behandelt gefühlt, etwa als es um die Lizenz Unions für den Profifußball und um wirtschaftliche Hintergründe ging. Damals ließ er, zum Beispiel, Wolf vom Pressesprecher die Akkreditierung entziehen. Nun machten, beim ersten Spiel nach der Enthüllung, Plakate und T-Shirts, die den durchgestrichenen Kopf eines Wolfes mit Schweineschnauze zeigten, deutlich, dass der Reporter zur persona non grata geworden war. Im Stadionheft wurde Wolf denunziert. Trainer Uwe Neuhaus erwiderte auf eine Frage Wolfs, dass dieser mit einer Antwort nicht rechnen könne. Schließlich habe er Kübel von Unrat über den Verein vergossen. Der Pressesprecher des Klubs, Christian Arbeit, sagte über die Lautsprecheranlage im vollen Stadion: „Ich glaube, dass wir uns die Dinge nicht von Leuten erklären lassen müssen, die damals gar nicht hier waren und dann irgendwann nach Berlin gekommen sind.“
Für Wolf waren die Anfeindungen schmerzhaft, aber Teil seiner Arbeit. Der hauptberufliche Fernsehjournalist, der nebenher auch für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, folgt bei seiner Fußballberichterstattung zwar seiner Leidenschaft für den Sport, legt aber gerade deshalb besonders strenge Maßstäbe an seine Arbeit an. Kaum ein Journalist der Hauptstadt ist so gut informiert über Union wie er. Das macht ihn nicht unbedingt beliebt in einem Metier, in dem Kabale und Halbwahrheiten üblich sind. Schon früher hatten vorgebliche Fußballfans ihn im Internet geschmäht, sein Bild veröffentlicht und aufgerufen, ihn zu verprügeln. In Sachen „Feliks Dzierzynski“ ließen sich Fans und Vereinsmitglieder nach heftigen Diskussionen von Zingler beschwichtigen; sie wissen, dass der Mann ihrem Klub mit seinem Geld das Überleben gesichert hat.
Aus allen Rohren feuern
Stattdessen beschimpften sie den Journalisten in Leserbriefen und Internetforen. Das „Union-Forum“ verzeichnet zum Thema „Wachregiment“ 125 000 Zugriffe. Aufgebrachte Kunden stornierten Anzeigen bei der „Berliner Zeitung“ und kündigten ihre Abonnements. Union verbat sich die Berichterstattung von Wolf nicht nur pauschal; Zingler teilte dem Chefredakteur der Zeitung im persönlichen Gespräch mit, dass Wolf nicht willkommen sei. Zinglers Empörung traf auch bei Teilen der Belegschaft der einstigen Bezirkszeitung der SED auf gewisses Verständnis. Immer wieder hatte es Diskussionen über die Stasi-Tätigkeit von Mitarbeitern gegeben. Ein „Ehrenrat“ befand 2008, dass es für fünf Redakteure keine Konsequenzen haben solle, dass sie bei „Feliks Dzierzynski“ gewesen waren; diese Tätigkeit sei nicht konspirativ gewesen, hieß es. Nun empfanden manche, dass Zingler allein deshalb am Pranger stehe. Niemand wollte sehen, dass es gar nicht a priori um Stasi oder nicht Stasi ging, sondern dass da schlicht jemand an dem Maßstab gemessen wurde, den er selbst immer wieder öffentlich angelegt hatte.
Zingler behauptete, nie ein Geheimnis aus diesem Teil seiner Vita gemacht zu haben. Union verschickte eine Pressemitteilung, laut welcher der Aufsichtsrat bei der Wahl Zinglers sieben Jahre zuvor informiert gewesen sei. Peinlich nur, dass Wolf sich auf ein Telefongespräch mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Antonio Hurtado, berief und ihn mit der Aussage zitierte, dass er ahnungslos gewesen sei. Mit der Auseinandersetzung geriet weniger Zingler in Bedrängnis, sondern rutschte vielmehr die „Berliner Zeitung“, wieder einmal, in den Abgrund zwischen Geschichte Ost und Geschichte West. Wie auf einen Reflex hin zwang der vermeintliche Angriff die Fußballfans aus der Alten Försterei in Solidarität mit dem Baustoffhändler Zingler. Union feuerte aus allen Rohren. Ob Spielbericht, ob Hintergrundgespräch: Wolf, das erfuhren er und seine Redaktion immer wieder, galt bei Union als Feind.
Im November machte das Blatt den Kotau: mit einem doppelseitigen Zingler-Interview in ihrer Wochenendbeilage. Wie zur Wiedergutmachung blieb das Thema Stasi ausgespart. Zingler präsentierte, auch im Aufmacher der Seite eins, seine Idee von der Finanzierung einer neuen Tribüne durch den Verkauf von Aktien. Die Interviewer lobten: „Sie scheinen dem Verein gutzutun.“ Antwort von Zingler: „Wenn Sie das sagen.“
Bitte von anderen Klubs berichten
Wolf, an dem Interview nicht beteiligt, blieb bei seiner kritischen Berichterstattung. Union belegte das Blatt, sobald sich die Gelegenheit bot, mit der Forderung nach Gegendarstellung und Unterlassung. Nach zwei sogenannten Korrekturmeldungen, die Union der Zeitung auf Berichte Wolfs hin abtrotzte, forcierte der Chefredakteur Uwe Vorkötter den Abzug des Reporters von Union. Wolf sollte von anderen Klubs berichten. Gegenüber dieser Zeitung wollten sich weder der Chefredakteur noch der Sport-Ressortleiter zu dem Vorgang zitieren lassen.
Heiner Bertram, ehemaliger Präsident von Union, kommentierte den Vorgang in einer E-Mail an Vorkötter so: „Wenn wir so weit sind, dass es einem Fußballpräsidenten gelingt, einen Sportjournalisten wegzumobben - dann gute Nacht zu Ihrem Blatt.“ Weiter schreibt er: „Ich habe mit Herrn Wolf zu meiner aktiven Zeit so manche Schlacht geschlagen - und wahrlich nicht immer zu meiner Begeisterung. Aber auf die Idee, mich darüber bei einem Chefredakteur zu beschweren, wäre ich niemals gekommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Gegensatz zu Herrn Zingler schon in jungen Jahren demokratisches Verständnis lernen konnte.“
Wolf lehnt das Angebot ab, für die „Berliner Zeitung“ über andere Themen zu berichten. „Ich würde die Geschichte wieder so schreiben“, sagt er. „Ich habe sie nur der falschen Zeitung angeboten.“ Er hat seine Zusammenarbeit mit dem Blatt beendet.
Dr. Uwe Vorkötter, Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, stellt zu den oben dargestellten Vorgängen fest: Grund für die Entscheidung, Herrn Wolf nicht mehr über den 1. FC Union Berlin berichten zu lassen, war nicht seine zu kritische Berichterstattung, sondern, dass er wiederholt in seinen Artikeln Behauptungen über den 1. FC Union Berlin aufgestellt hat, die falsch waren oder von ihm nicht belegt werden konnten.
Ich glaub, es hackt. Alte Bande oder wie oder was?
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 12.03.2012, 09:55 Uhr
Gefälligkeitsartikel?
Müller Jens (nachtreiter)
- 11.03.2012, 19:32 Uhr
Richtige Entscheidung
Jan Uesseler (JaniU)
- 10.03.2012, 20:09 Uhr
Ich hab die Berliner Zeitung wegen Herrn Wolf gekündigt.
Martin Scharfe (Tinius)
- 10.03.2012, 15:11 Uhr
Gab es das noch nie?
Siegfried Pukallus (Sullakup)
- 10.03.2012, 12:30 Uhr