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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kritik am Amtseid Verfassungsgott

 ·  Moses schwieg, als Gott ihm sein „Ich bin's“ zurief. Das war angemessen. Die deutschen Kirchen haben leider nicht soviel Selbstbeherrschung. Sie kritisieren, dass sich Aygül Özkan beim Amtseid auf Gott berufen hat.

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Wer wollte es dem Gott zum Vorwurf machen, dass er sich in der alttestamentlichen Dornbuscherzählung als Jahwe, als der Ich-bin-der-ich-bin offenbart? Bisher ist kein Kirchenvertreter auf die Idee gekommen, diese feurige Selbstbeschreibung Gottes als dogmatisch unzureichend zu kritisieren. Im Gegenteil zeichnet sich gute Theologie dadurch aus, die Spuren Gottes in seinen verschiedenen Offenbarungen sichtbar zu machen, statt diese Spuren am Maßstab einer Orthodoxie zu zensieren. Moses zog die Schuhe aus und schwieg, als Gott ihm sein „Ich bin's“ zurief. Damit bewies er jenen Takt, der sich dem Unfassbaren gegenüber gehört.

Zu unspezifisch, rufen dagegen Kirchenvertreter, als Niedersachsens türkischstämmige Sozialministerin Aygül Özkan sich bei ihrer Vereidigung „auf den einen und einzigen Gott“ beruft, „der den drei monotheistischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, gemeinsam ist und den alle drei Religionen als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs verehren“. Ein Sprecher der Hannoverschen Landeskirche bemängelte das „sehr unspezifische Gottesbild“ der Ministerin und ein Sprecher des Bistums Essen erklärte, theologisch seien der Gott der Christen und der Gott des Islam „nicht gleichzusetzen“.

Die Volkskirche à la Kohl und Lehmann ist Vergangenheit

Es hat etwas zutiefst Unangemessenes, vulgo: Prolliges, wenn ein Gottesbekenntnis, das jemand aus freien Stücken zur Amtsvereidigung ablegt, zensiert wird. Belehrungen, sosehr sie in der Sache zutreffen mögen, verbieten sich bei solcher Gelegenheit von selbst: menschlich, theologisch und politisch. Politisch offenbart sich in der Zensur eines ministeriellen Amtseids das historisch gewachsene Selbstmissverständnis der Kirche als Hüterin der Verfassungswerte.

Die Funktion einer gesamtgesellschaftlichen Supervision war vielleicht einmal mit der Volkskirchenidee verbunden, die unter der bundesrepublikanischen Doppelspitze von Kanzler Kohl und Kardinal Lehmann ihre spezifische Förderung erfuhr. Doch das neue Jahrhundert hat diese Idee zu den Akten genommen, die Kirchen selbst kämpfen um die Ausweitung ihrer politisch privilegierten Stellung auf die Religion der Muslime, um das klapprig gewordene Gerüst des alten Staatskirchenrechts vor dem Einsturz zu retten. Vor Gerüstkletterern, die meinen, einer muslimischen Politikerin in die Parade fahren zu müssen, weil sie den Gott der Verfassung nicht für den Christengott reserviert, zieht es einem die Schuhe aus.

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Jahrgang 1960, Redakteur im Feuilleton.

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