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Frankreich in der Krise : Wo bleibt die Menschlichkeit?

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Nasser Mann: Hollande am 25. August Bild: AFP

François Hollande hatte sich der totalen Politik verschrieben. Seine ehemalige Lebensgefährtin präsentiert ihm in Form eines Buchs dafür die Rechnung. Das menschliche Versagen des Präsidenten nützt den Rechten.

          Ein Mann muss in einem dunklen Anzug zur Arbeit. Doch es beginnt zu regnen. Erst einige Tropfen, die sich zum Schauer auswachsen, schließlich gießt es hemmungslos. Aber es gibt keinen Schirm, kein Zeltdach, bloß ein Pult und ein Manuskript. Der Mann muss im Regen, in vollem Guss, eine Rede halten, und er hält sie. Das Wasser rinnt seine Brillengläser herab, es fließt ihm in den Mund, von seiner so sorgsam komponierten Rede hört man nur noch ein Blubbern.

          So erging es François Hollande am 25.August auf der Insel Sein, eine der vielen Gedenkveranstaltungen des Sommers. Sempé hätte kein ergreifenderes Bild für einen Mann auf verlorenem Posten zeichnen können. Es war eine unvergessliche Szene, der Verzicht auf jeglichen Regenschutz wirkte wie eine hemmungslose öffentliche Selbstbestrafung. Kann man sich die Kanzlerin so vorstellen? Und spätestens mit diesem nassen Moment war es auch vorbei mit der zentralen Hoffnung, dem wichtigsten Versprechen Hollandes, nämlich ein „normaler“ Präsident sein zu wollen. Wenn es sich ein überzeugter Anarchist zur Aufgabe gemacht hätte, die Sozialistische Partei, das Amt des Präsidenten, die politischen Institutionen und auch noch die persönliche Integrität aller an der Ära Hollande beteiligten Personen restlos zu ruinieren, er hätte sich keinen größeren Erfolg erträumen können.

          Am Ende eines Märchens

          Und es wird immer schlimmer. In diesen Tagen lesen Hunderttausende von Französinnen und Franzosen „Merci pour ce moment“, das Buch von Hollandes ehemaliger Lebensgefährtin Valérie Trierweiler. Sie verleihen es, erzählen sich davon, gerade entfaltet es seine Wirkung. Sie wird verheerend sein. Es wäre ein Fehler, das schnell, aber ergreifend geschriebene Buch zu unterschätzen. Stilistisch changiert es zwischen klassischen Memoiren, Tagebucheinträgen und pathetischer Bekenntnis- und Selbsthilfeliteratur.

          Dem Wesen nach aber ist „Merci pour ce Moment“ ein Märchen. Eine hübsche junge Frau aus einer großen, aber bitterarmen Familie bringt es zu einem schönen Beruf, einem netten Mann und drei gesunden Söhnen. Dann aber verliebt sie sich, „wie sie sich noch nie verliebt hatte“, und lässt alles hinter sich: erst den Mann, dann das kleine Haus in der Provinz mit dem geliebten Garten und am Ende sogar den Beruf, und das alles nur, um ihrem Traummann zu folgen. Den beiden gelingt, was keiner für möglich gehalten hatte: Sie werden ein Paar, ziehen zusammen und später sogar in den Elyséepalast um.

          Wo das Märchen enden müsste, beginnt Trierweilers Geschichte erst: Ihr Traumprinz lässt sie unter entwürdigenden Umständen wieder hinauswerfen aus dem Palast. Sie schildert ein albtraumhafte Szene voller Kälte und Verachtung. Nachdem er ihr die Affäre mit der Schauspielerin gebeichtet hatte, schlägt sie eine öffentliche Beichte und Entschuldigung vor, „wie bei den Clintons“. Doch er will davon nichts wissen, sondern sie sofort loswerden. Man verfrachtet die verzweifelte, einsame Frau, die doch alles aufgegeben hatte, in eine psychiatrische Klinik.

          Anhaltende Reproduktion der französischen Eliten

          Trifft Valérie Trierweilers Schilderung zu, dann ist das ein Fall für Staatsanwaltschaft und ärztliche Standesorganisationen. Einige Tage nach ihrer Einlieferung findet in Tulle, Hollandes einstigem Wahlkreis, eine Preisverleihung für gute Zwecke statt. Noch nie hat sie diesen Termin verpasst. Trotz oder gerade wegen der Trennung möchte sie auch in diesem Jahr nach Tulle reisen, notfalls mit ihrem eigenen Auto. Doch sie wird nicht fahren, sondern das Datum verschlafen, den ganzen Tag. Auf Anweisung des Präsidenten, schreibt Trierweiler, wurden ihre Beruhigungsmittel an jenem Tag so hoch dosiert, dass sie nicht in der Lage war, ihr Bett zu verlassen. Das wäre, wenn es sich beweisen ließe, eine schwere Straftat.

          Ihre Geschichte gleicht einem Märchen ohne Happy End. Jetzt rächt sie sich: Valerie Trierweiler

          Es ist nicht die einzige Passage, die man mit Bestürzung liest. Deutlich werden zwei Dinge: Hollande wurde seine Partnerin los, als sie ihm zur politischen Last wurde, denn in den Umfragen erhielt sie immer sehr schlechte Werte. Und er kennt keine Verbindlichkeiten außerhalb der Politik. Sein Leben ist, wie es Dirk Kurbjuweit einmal in Bezug auf Angela Merkel formuliert hatte, „totale Politik“. Doch im Unterschied zu Merkel umgibt Hollande ein selbstbezogener und einigermaßen inkompetenter Beraterkreis, bewegt er sich in einer hoffnungslos abgekoppelten, betriebsblinden Partei, die ohne den Einspruch einer New Yorker Hotelangestellten sogar den wenig empfehlenswerten Dominique Strauss-Kahn zum Präsidenten der Republik gemacht hätte.

          Doch es ist nicht der Abrechnungscharakter, der das Buch gefährlich macht, obwohl die Geschichte von Trierweilers Abfertigung selten widerlich ist. Der ehemalige Präsident Mitterrand hat es immerhin fertiggebracht, sein kompliziertes Privatleben so zu führen, dass die Würde und die berufliche Existenz seiner Frauen nicht tangiert waren. Trierweiler bestätigt stattdessen als Kronzeugin, was viele Landsleute vermuten: dass die Eliten kalt und selbstbezogen agieren und dass die einzigen wirklichen Menschen unter den kleinen Leuten zu finden sind, den Köchen, Dienstboten und Gärtnern der Paläste. Ihre Geschichte ist der beste Beleg dafür, dass der Aufstieg in die Eliten des Landes nicht mal mehr durch Familien oder Liebesbande gelingen kann. Trierweilers Buch ist der Beleg für die Validität der Studien von Pierre Bourdieu über die Reproduktion der französischen Eliten.

          Der Adel verspottet die „Zahnlosen“

          Als wäre all dies nicht genug, offenbart sich darin aber auch noch eine bedenkliche Labilität des normalen Präsidenten, an dessen Zurechnungsfähigkeit man nach der Lektüre zweifeln möchte. Denn nach dieser Darstellung, deren Autorin und Verlag sich gegen Klagen gewappnet haben müssen, schickt er Trierweiler ohne Unterlass Kurznachrichten, welche die auf so widerliche Art Entsorgte zur Rückkehr bewegen sollen. Die politische Orientierungslosigkeit des Präsidenten wurde in den vergangenen zehn Tagen deutlich – nun aber wird klar, dass der Mann in wirklich jeder Hinsicht den Faden verloren hat.

          Trierweilers Buch bricht in Frankreich derzeit alle Verkaufsrekorde.

          Auch die bürgerliche Opposition bleibt einstweilen ohne Handlungsoption: Was soll es bringen, dem durchnässten Mann noch einen Eimer über den Kopf auszukippen? Man kann „Merci pour ce Moment“ nicht lesen, ohne an die von Robert Darnton untersuchten philosophischen Romane des späten achtzehnten Jahrhunderts zu denken. In ihnen führte besonders ein Aspekt zur Delegitimierung der Herrschaft, nämlich die Beschreibung, wie sich die regierenden Adeligen insgeheim über ihr Volk lustig machten. Genau das unterstellt Trierweiler auch dem Präsidenten, und genau dieses Zitat aus dem Buch, dass er die Armen insgeheim die „Zahnlosen“ nennt, verbreitete sich besonders schnell. Hollande wird es nicht mehr loswerden

          Die Rechte profitiert

          Jeder Tag bringt der von Sorgen und Arbeitslosigkeit geplagten französischen Bevölkerung neue Belege dafür, dass jene, die ihre Interessen verfolgen sollten, mit anderen Dingen und vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Während die Familien eine schwierige Rentrée mit weiter gestiegenen Preisen meistern müssen und sich anstrengen, damit ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen, deren Nutzen ungewiss ist, erscheinen die ehemaligen Minister Arnaud Montebourg und Aurélie Filippetti, Hoffnungsträger der Linken, als neues Liebespaar in San Francisco in den Illustrierten – in jeder Hinsicht weit weg.

          Symbolisch und politisch nutzt jede Zeile des Bestsellers einer Frau, die die französische Politik, das Parteiensystem und die ganze Gesellschaft verändern möchte, einer Frau, die ihren Weg gegen viele Männer macht und sich nicht abhängig gemacht hat: Marine Le Pen. Hätte sie sich einen Bestseller wünschen können, in denen für alle deutlich wird, wie verkommen die da oben sind, wäre „Merci pour ce Moment“ dabei herausgekommen. In glänzender Stimmung absolvierte die Partei der Umfragen-Königin ihre Sommerakademie, auf Anwesenheit kritischer Journalisten wurde kein Wert gelegt. Dennoch fand der „Canard Enchainé“ heraus, dass dort die apokryphe rechte Theorie vom Bevölkerungsaustausch ein Thema war, nach der die französische Urbevölkerung durch Migranten ersetzt werden solle, wogegen man sich als guter Franzose natürlich wehren müsse. Mit solchen Gerüchten lassen sich Bürgerkriege anzetteln.

          Der Front National hätte solch eine radikal symbolische Delegitimierung der Regierenden allein nie hinbekommen. Gleichwohl wird er sie nutzen.

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