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Krise in der Ukraine : Ist das wirklich der Bürgerkrieg?

  • -Aktualisiert am

Ein Checkpoint der ukrainischen Armee, in der Nähe von Slawjansk Bild: The NewYorkTimes/Redux/laif

Eine Reise durch den Osten der Ukraine. Unterwegs entsteht nicht Angst oder Empörung, sondern Verwunderung. Es regnet, und die meisten Menschen halten sich heraus aus dem Spiel.

          Wir, in der Ukraine, sind dabei, uns an die Berichte von Kampfhandlungen zu gewöhnen. In den letzten Monaten sind Waffen und Schießereien zum Teil unserer Realität geworden. Das konnte man sich noch vor einem halben Jahr schwer vorstellen. Doch die Wirklichkeit verändert sich, und unsere Einstellung zu vielen Dingen verwandelt sich auch. Es ist ein komisches Gefühl – morgens erst mal schnell die Nachrichten durchsehen in der Hoffnung, dass sie nicht zu unerfreulich sind.

          Ich will mit meinen Freunden von Charkiw nach Luhansk mit dem Auto fahren. Wir arbeiten gerade in einem alten Haus in der Nähe von Altschewsk, einer Stadt mit etwa 100000 Einwohnern, an einem internationalen Kunstprojekt. Dabei ist uns klar, dass es wohl keine unpassendere Zeit für internationale Kunstprojekte gibt. Die Leute aus dem Donbass rufen uns aber an und bitten, nicht abzusagen. Ich vermute, dass alles nicht so schlimm ist, wie es uns das Fernsehen zeigt. Es bleibt einem nur, sich persönlich davon zu überzeugen.

          Wir werden nicht schießen

          An der Stadtgrenze von Charkiw gibt es eine Straßensperre aus Sandsäcken. Ein einsamer Mann, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, inspiziert gelangweilt die aus dem Süden, vom Donbass, kommenden Autos. In den Kleinstädten, die an der Straße liegen, tragen die Polizisten kugelsichere Westen. Warmes sonniges Wetter, eine fast leere Fernstraße, vom Süden ziehen die Wolken auf, in den nächsten Tagen wird es wohl regnen. Wir kommen in den Oblast Luhansk. Dort, wo die Fernstraße sich teilt und eine Abzweigung direkt nach Donbass führt, gibt es noch eine Sperre, sie ist viel größer und gut befestigt. Etwa ein Dutzend Polizisten, bewaffnet mit abgegriffenen Kalaschnikows, kontrollieren die Papiere und Kofferräume. Sie scheinen gut gelaunt zu sein, reißen ständig Witze, das Kriegsspiel macht ihnen Spaß. Sie haben etwas an den Papieren unseres Fahrers auszusetzen, der sagt, er habe Schriftsteller im Wagen. Die Polizisten wollen ein Buch haben, sie lassen uns weiterfahren, ohne Bußgeld zu kassieren. Es ist unmöglich, etwas gegen die Korruption auszurichten.

          Unterwegs halten wir in meinem Heimatort Starobilsk, einer kleinen Stadt in der Steppe. Wir treffen lokale Majdan-Aktivisten. Sie beschweren sich über die letzten Entscheidungen der neuen Macht. Separatistische Stimmungen gebe es hier nicht, sagen sie. Allerdings hat man neulich ein Geschäft in Brand gesetzt, das einem Aktivisten gehört. Auf der Straße sieht man viele proukrainische Slogans – an den Pfosten, Bäumen, Bushaltestellen. Wir treffen meinen Bruder. Er macht uns mit seinem alten Freund Edik bekannt. Edik erzählt von seinem Sohn, der bei den Truppen des Innenministeriums dient. Seine Einheit beschützt ein Verwaltungsgebäude in Donezk. Der Sohn ruft immer wieder Edik an und fragt, was er machen soll. „Wir werden nicht auf die Menschen schießen“, sagt er, „weder auf die eine Seite noch auf die andere.“

          „Wenn mein Sohn stirbt, nehme ich ein Gewehr und schieße. Ich bin Jäger, ich habe alles.“

          Turnschuhe, Waffen

          Zum Abschied warnt mein Bruder vor einer Sperre der Separatisten an der Stadtgrenze von Luhansk. „Zu dieser Zeit sind sie aber wohl schon alle besoffen“, beruhigt er uns. Separatisten sieht man hier skeptisch. Gerechterweise muss man sagen, dass dasselbe auch für die Regierung in Kiew gilt. Gegen Abend treffen wir in Luhansk ein. Wir sehen die Sperre der Separatisten. Es ist ein Haufen von Autoreifen, auf dem eine rote Fahne weht. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Auf dem anderen Stadtende noch eine Sperre, diesmal eine polizeiliche. Das nächtliche Altschewsk ist still und ruhig. Eine Gefechtszone sieht wohl etwas anders aus.

          Am nächsten Tag werden die Gebietsverwaltung, die Staatsanwaltschaft und das Berufungsgericht in Luhansk von prorussischen Demonstranten besetzt. Die Soldaten der Nationalgarde, die das Gebäude der Gebietsverwaltung bewachen, legen die Waffen nieder. In den Nachrichten zeigt man, wie die Demonstranten die ukrainische Flagge verbrennen. In der Stadt würden bewaffnete Separatisten herumlaufen, der Fernsehsender sei ebenfalls besetzt.

          In der Nacht fängt der Regen an, er will einfach nicht aufhören. Morgens fahren wir nach Luhansk. Menschen laufen durch die verregneten Straßen, die Busse sind überfüllt, alle eilen zur Arbeit. Bewaffnete Separatisten sind nicht zu sehen. Am Gebäude der Gebietsverwaltung steht jetzt eine in aller Eile errichtete Barrikade. Einige Männer mit Maschinenpistolen betrachten misstrauisch unsere Kameras. Auf dem Gebäude weht die sogenannte „Siegesfahne“, eine Kopie jener Fahne, die auf dem Reichstag gehisst wurde. Der antifaschistische Kontext dieser Ereignisse wird ständig betont. Dabei weht im nahegelegenen Park friedlich eine ukrainische Flagge. Bewaffnete Männer gibt es weder in der Staatsanwaltschaft noch im Berufungsgericht. Dafür herrscht Aufregung vor der Geheimdienstzentrale – die Straße ist durch eine Barrikade gesperrt, überall russische und sowjetische Flaggen, viele handgemachte Plakate. Die Separatisten fühlen sich ziemlich sicher, sie erwarten wohl keine Gefahr. Sie laufen mit ihren Kalaschnikows hin und her, reden und diskutieren. Einige tragen Tarnanzüge, die anderen haben Trainingshosen, Lederjacken und Laufschuhe an. Sie erinnern an Markthändler, die aus irgendeinem Grund Maschinenpistolen in die Hand genommen haben. Im benachbarten Viertel geht das Leben ruhig weiter – keine Waffen, keine Flaggen. Etwas Ähnliches hat sich auch auf dem Majdan abgespielt – die Auseinandersetzung hat sich auf einige zentrale Straßen begrenzt, außerhalb dieses Kreises ging das gewohnte Leben weiter.

          Der Rest demonstriert vor dem Fernseher

          Am nächsten Tag erfahren wir vom besetzten Rathaus in Altschewsk. Wir fahren hin. Über dem Gebäude weht die russische Fahne. Auf den Treppen davor steht ein Dutzend Zivilisten, alle unbewaffnet. Der Regen strömt auf den leeren Platz vor dem Rathaus. Abends holt man die russische Flagge herunter, wohl einfach für alle Fälle. Die Stimmung der Einheimischen wird von Angst und Misstrauen beherrscht. Angst vor Veränderungen, vor wirtschaftlichen Problemen, vor mythischen Faschisten und Radikalen vom „Rechten Sektor“, die angeblich bald kommen werden, um alle zu töten. Misstrauen gegen die neue Regierung, gegen die Politiker insgesamt, gegen dieses Land. Und man fühlt sich beleidigt – von Kiew, das „nicht auf den Donbass hören will“, vom Kiewer Fernsehen, das alle Menschen im Donbass „Terroristen“ nennt, von Janukowitsch, der geflohen ist, von Putin, der mit dem Krieg droht (oder alternativ: nicht zu Hilfe eilt). Tatsächlich gibt es hier nicht so viele, die den Anschluss an Russland wollen. Genau genommen geht es hier um das Bedürfnis, ruhig zu leben und ein stabiles Einkommen zu haben. Niemand will irgendwelche Kataklysmen – weder die Bergarbeiter, die nicht demonstrieren, noch die Guerrilleros, die zum Supermarkt mit Kalaschnikows über der Schulter laufen.

          Die Distanzierung ist ein anderes typisches Merkmal. Das Fernsehen kann ohne Ende Bilder von „Massenprotesten“ und „Volkszorn“ zeigen, tatsächlich kommen zu „proukrainischen“ und „prorussischen“ Demonstrationen nicht mehr als ein paar tausend Menschen. Und auch das nur in den Oblast-Hauptstädten Donezk und Lugansk. In den kleineren Städten sind es nur Hunderte. Der Rest der Bevölkerung demonstriert seine bürgerliche Position vor dem Fernseher; man streitet und empört sich in der Küche.

          Staatsbildende Aktion

          Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen im Donbass ziemlich gelassen die Variante akzeptieren werden, die man ihnen vorschlägt. Aus Kiew, zum Beispiel. Oder aus Moskau. Oder aus Brüssel. Hier ist es nicht üblich, auf die Straße zu gehen und die Ereignisse zu beeinflussen. Vielleicht entwickelt sich das Ganze deswegen so traurig. Mit Ausnahme von Slowjansk und Kramatorsk, wo es richtige Kämpfe gibt, mit Ausnahme von wenigen besetzten Gebäuden in verschiedenen Städten der Region, von Straßensperren oder Slogans an den Zäunen, zeugt nichts von einer Krise. Die selbstausgerufenen „Volksrepubliken“ von Luhansk und Donezk existieren ausschließlich in der Phantasie von selbstausgerufenen „Volksbürgermeistern“ und „Volksgouverneuren“. Für manche Aktivisten der separatistischen Bewegung ist das vielleicht ein andauerndes Kriegsspiel, für andere ist es ein Versuch, eigene postsowjetische oder prorussische Sympathien zu demonstrieren, andere wollen dabei ganz banal Geld verdienen. Erstaunlicherweise können diese wenigen hundert Männer ziemlich frei und sicher ihrer „staatsbildenden Tätigkeit“ nachgehen, Waffen erbeuten, Geiseln nehmen und das Referendum vorbereiten.

          Warum auch nicht? Wenn die Region sich das gefallen lässt und die Regierung in der Hauptstadt beide Augen zudrückt, wenn es um immer neue Besetzungen von Gebäuden oder Entführungen geht. Wenn man hier einige Zeit bleibt, wenn man zusammen mit den Einheimischen im unaufhörlichen kalten Regen steht, denkt man unbewusst an irgendwelche geheimen Spielchen, die um den Donbass geführt werden, Abmachungen und Absprachen, deren Ergebnisse die unsichtbaren Strippenzieher zufriedenstellen sollen. Viel zu frei können sich die bewaffneten Separatisten bewegen. Viel zu offensichtlich sabotieren die lokalen Sicherheitskräfte die Befehle aus Kiew. Viel zu offen werden die Untätigkeit und die Ratlosigkeit der ukrainischen Regierung zur Schau gestellt. Was verbirgt sich dahinter?

          Ich will nichts behaupten. Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien. Ich glaube daran, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Und das Gesehene sorgt nicht für Angst oder Empörung, sondern für Verwunderung – warum dauert dieses Separatismus-Spiel schon den zweiten Monat an? Warum lassen sich die Einheimischen das alles gefallen? Und was wird sie alle erwarten?

          Heute früh hat der Sturm in Slowjansk angefangen. Ein Teil der zivilen Bevölkerung stellte sich als menschlicher Schutzschild den Regierungstruppen in den Weg. Der andere Teil hat sich auf die Jagd auf die bewaffneten Guerrilleros gemacht. Es ist ein richtiger Krieg. Die Ukrainer sind dabei, sich gegenseitig zu bekämpfen. Noch gibt es nur einzelne Tote. Ihre Namen kommen in den Nachrichten vor, sie werden von Separatisten und Vertretern des offiziellen Kiews genannt. Das Schlimmste kommt, wenn es so viele Tote gibt, dass ihre Namen gar nicht mehr in die Nachrichten kommen.

          Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot

          Quelle: F.A.S.

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