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Veröffentlicht: 04.05.2014, 08:10 Uhr

Krise in der Ukraine Ist das wirklich der Bürgerkrieg?

Eine Reise durch den Osten der Ukraine. Unterwegs entsteht nicht Angst oder Empörung, sondern Verwunderung. Es regnet, und die meisten Menschen halten sich heraus aus dem Spiel.

von Serhij Zhadan
© The NewYorkTimes/Redux/laif Ein Checkpoint der ukrainischen Armee, in der Nähe von Slawjansk

Wir, in der Ukraine, sind dabei, uns an die Berichte von Kampfhandlungen zu gewöhnen. In den letzten Monaten sind Waffen und Schießereien zum Teil unserer Realität geworden. Das konnte man sich noch vor einem halben Jahr schwer vorstellen. Doch die Wirklichkeit verändert sich, und unsere Einstellung zu vielen Dingen verwandelt sich auch. Es ist ein komisches Gefühl – morgens erst mal schnell die Nachrichten durchsehen in der Hoffnung, dass sie nicht zu unerfreulich sind.

Ich will mit meinen Freunden von Charkiw nach Luhansk mit dem Auto fahren. Wir arbeiten gerade in einem alten Haus in der Nähe von Altschewsk, einer Stadt mit etwa 100000 Einwohnern, an einem internationalen Kunstprojekt. Dabei ist uns klar, dass es wohl keine unpassendere Zeit für internationale Kunstprojekte gibt. Die Leute aus dem Donbass rufen uns aber an und bitten, nicht abzusagen. Ich vermute, dass alles nicht so schlimm ist, wie es uns das Fernsehen zeigt. Es bleibt einem nur, sich persönlich davon zu überzeugen.

Wir werden nicht schießen

An der Stadtgrenze von Charkiw gibt es eine Straßensperre aus Sandsäcken. Ein einsamer Mann, bewaffnet mit einer Maschinenpistole, inspiziert gelangweilt die aus dem Süden, vom Donbass, kommenden Autos. In den Kleinstädten, die an der Straße liegen, tragen die Polizisten kugelsichere Westen. Warmes sonniges Wetter, eine fast leere Fernstraße, vom Süden ziehen die Wolken auf, in den nächsten Tagen wird es wohl regnen. Wir kommen in den Oblast Luhansk. Dort, wo die Fernstraße sich teilt und eine Abzweigung direkt nach Donbass führt, gibt es noch eine Sperre, sie ist viel größer und gut befestigt. Etwa ein Dutzend Polizisten, bewaffnet mit abgegriffenen Kalaschnikows, kontrollieren die Papiere und Kofferräume. Sie scheinen gut gelaunt zu sein, reißen ständig Witze, das Kriegsspiel macht ihnen Spaß. Sie haben etwas an den Papieren unseres Fahrers auszusetzen, der sagt, er habe Schriftsteller im Wagen. Die Polizisten wollen ein Buch haben, sie lassen uns weiterfahren, ohne Bußgeld zu kassieren. Es ist unmöglich, etwas gegen die Korruption auszurichten.

Unterwegs halten wir in meinem Heimatort Starobilsk, einer kleinen Stadt in der Steppe. Wir treffen lokale Majdan-Aktivisten. Sie beschweren sich über die letzten Entscheidungen der neuen Macht. Separatistische Stimmungen gebe es hier nicht, sagen sie. Allerdings hat man neulich ein Geschäft in Brand gesetzt, das einem Aktivisten gehört. Auf der Straße sieht man viele proukrainische Slogans – an den Pfosten, Bäumen, Bushaltestellen. Wir treffen meinen Bruder. Er macht uns mit seinem alten Freund Edik bekannt. Edik erzählt von seinem Sohn, der bei den Truppen des Innenministeriums dient. Seine Einheit beschützt ein Verwaltungsgebäude in Donezk. Der Sohn ruft immer wieder Edik an und fragt, was er machen soll. „Wir werden nicht auf die Menschen schießen“, sagt er, „weder auf die eine Seite noch auf die andere.“

„Wenn mein Sohn stirbt, nehme ich ein Gewehr und schieße. Ich bin Jäger, ich habe alles.“

Turnschuhe, Waffen

Zum Abschied warnt mein Bruder vor einer Sperre der Separatisten an der Stadtgrenze von Luhansk. „Zu dieser Zeit sind sie aber wohl schon alle besoffen“, beruhigt er uns. Separatisten sieht man hier skeptisch. Gerechterweise muss man sagen, dass dasselbe auch für die Regierung in Kiew gilt. Gegen Abend treffen wir in Luhansk ein. Wir sehen die Sperre der Separatisten. Es ist ein Haufen von Autoreifen, auf dem eine rote Fahne weht. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Auf dem anderen Stadtende noch eine Sperre, diesmal eine polizeiliche. Das nächtliche Altschewsk ist still und ruhig. Eine Gefechtszone sieht wohl etwas anders aus.

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