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Krise des Buchhandels : Der Amazon-Studenten-Dienst erwartet euch

  • -Aktualisiert am

Nun ist gegen Experimente nichts zu sagen, aber sie sollten gut austariert sein und nicht in die Empfehlung einmünden, nach den zu IT-Fanatikern mutierten Bibliothekaren müssten nun auch die Buchhändler ihre Zeit vornehmlich dem Studium von „Chip“ und „c’t“ und nicht mehr der Lektüre der einschlägigen Feuilletons und dem Lesen der Primärtexte widmen. Prüfet alles kritisch, das Gute (to kalon, das Schöne, steht hier im griechischen Text) haltet fest, war die Paulinische Losung im ersten Thessalonicherbrief. Sie zuallererst verdient festgehalten zu werden.

Masse statt Klasse

Eine Buchhandlung, die es nicht mehr schafft, materielle Güter, genannt Bücher, in kritischer Masse in den Laden zu schaffen, ist moribund. Sie kann keine Stammkundschaft aufbauen. Wenn sie Glück hat und die Buchpreisbindung nicht weiter unterspült wird, wird sie gerade noch imstande sein, das Sortiment einer Bahnhofsbuchhandlung anzubieten. Und das heißt Masse statt Klasse. Wenn ich weiß, dass ich das Buch, das ich suche (oder vielleicht auch nicht suche, sondern einfach finde), in der Buchhandlung nicht antreffe, gehe ich dort nicht mehr hin. Der potentielle Kunde wird geradezu in die Hände der internationalen Internetvertriebe getrieben. Wirkliche Buchläden benötigen daher wirkliche Gegenstände, um im Wettbewerb bestehen zu können (das ist ihr Alleinstellungsmerkmal gegenüber all den schönen Bildchen auf einer Website).

Ganz unabhängig vom Problem der Softwarepiraterie arbeitet das Propagieren des E-Books nur den Quasimonopolen von Amazon und Apple zu. Auch die, die in diesem vermeintlich so zukunftsschwangeren Sektor investiert haben, werden diese Lektion noch lernen. Ebenso die Verlage, die mit Amazon so gut verdienen (man hört fast nur Lob in der Branche). Sie werden die Kehrseite dieser lukrativen Geschäfte dann kennenlernen, wenn kein nennenswerter lokaler Buchhandel mehr existiert. Denn dann kann, wie in Amerika schön zu sehen, der Monopoldistributor direkt in das Verlagsprogramm hineinregieren. Eine Horrorvision.

Bildungsanstalten im Kleinen

Wer heute eine Buchhandlung betreiben will, muss aus Überzeugung wissen, dass das Wort gerade nicht virtuell, sondern im Gegenteil Fleisch werden will. Er muss antizyklisch investieren und vielleicht auch weniger auf Betriebsberater hören (die Buchbranche funktioniert nicht nach deren Standardmodellen). Und er darf sich auch nicht verrückt machen lassen. „Kindle - der Bestseller“, das ist zuerst einmal ein Slogan leicht durchschaubarer Propaganda. Amazons eigene Website taugt hierfür nicht als the evidence.

Wer umgekehrt Buchhandlungen als Teil seiner privaten Ökosphäre und seiner persönlichen Lebensqualität schützen will, muss wachsam sein. Mag der Ort auch noch so klein sein, in der Lüneburger Heide, der Uckermark, der Südpfalz, der Niederlausitz, dem Allgäu - wo eine Buchhandlung ist, existiert auch, belesenes und motiviertes Personal vorausgesetzt, eine Bildungsanstalt im Kleinen. Über deren Zukunft entscheidet heute jeder mit: der Kunde vor Ort; der Bibliotheksdirektor, der es sich vielleicht doch versagt, seine Katalogdaten um jeden Preis aufzupeppen; die Verlage; nicht zuletzt der Börsenverein. Eine Infrastruktur auf Grund falscher Analysen zu zerstören ist ganz leicht. Sie in Zeiten der Krise zu erhalten schon komplizierter. Am schwierigsten aber, sie - nachdem man begriffen hat, was sie einst tatsächlich bedeutete und welche Rolle das alles plättende, buchstäblich überall Plattformen erzeugende IT-Kapital bei ihrer Destruktion spielte - wiederaufzubauen. Dies Dritte bleibe uns erspart.

Roland Reuß lehrt Germanistik und Editionswissenschaft an der Universität Heidelberg.

Quelle: F.A.Z.

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