http://www.faz.net/-gqz-76hxl

Krise des Buchhandels : Der Amazon-Studenten-Dienst erwartet euch

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne Ironie ist, dass die älteste deutsche Universitätsbibliothek, die Heidelberger, ihren Online-Katalog mit Amazon-Bildchen von Buchumschlägen schmückt, die die Studenten, ohne dass sie eigens darauf hingewiesen würden, bei Klick direkt auf die Seite des Luxemburger Steuerumgehungskonzerns lenken, wo sie neuerdings vom „Amazon Student“-Dienst „abgeholt“ werden. Der verspricht „kostenlose Lieferung am nächsten Tag, kein Mindestbestellwert“, und - damit die „main-target“-Gruppe künftiger „Entscheider“ gleich in das Spiel mit der Buchpreisbindung eingebunden wird - „20% erhöhten Ankaufwert für gebrauchte Bücher und Games bei Amazon Trade-In“. Die „Kataloganreicherung“ der altehrwürdigen Bildungseinrichtung passt wie der Schlüssel ins Schloss der amerikanischen Geschäftspolitik.

Alle machen das so

Ein Heidelberger Denkbild: Die Bibliothek stößt buchstäblich und denkwürdig an den einzig noch verbliebenen Buchladen am Universitätsplatz. Eine staatliche Einrichtung, finanziert durch Steuereinnahmen, die unmittelbar das Gewerbe- und Umsatzsteueraufkommen (und eben auch die Lebensqualität) vor Ort und mittelbar die Steuereinnahmen der Republik drückt. Das dürfte, schaut man sich den aktuellen Kurs aller großen Bibliotheken an, allerdings kein auf die vielbeschworene Metropolregion Rhein-Neckar begrenzter Irrsinn sein. Alle machen das so - und nachdem die Epidemie flächendeckend ist, richtet Amazon seinen „Student-Dienst“ ein. Beim peinlichen Bedürfnis der IT-Bibliotheken, sexy erscheinen zu wollen, ist ganz offensichtlich die Sensibilität für größere wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge auf der Strecke geblieben.

Angesichts solcher Probleme im Bucheinzelhandel ist dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins zur letzten Buchmesse nichts Besseres eingefallen, als den Buchhändlern zu empfehlen, sich mit dem Thema E-Book „zu beschäftigen“ (als ob sie sich das aussuchen könnten). Putzige Umbenennungen folgten auf dem Fuße („libri.de heißt nun E-Book.de“) - und Ratlosigkeit, denn so recht wird man niemandem begreiflich machen können, warum man für Hilfestellungen beim Herunterladen einer Datei noch einen konkreten, materiellen Raum (mit darin vorkommenden Menschen, konkreten Kosten, Mieten und Löhnen) braucht. „Erklär mir Computer“ war der Refrain, der alle Äußerungen des Börsenvereinsgeschäftsführers begleitete. Gemessen an den erwartbaren Umsätzen und den realen Problemen vor Ort, beschäftigen sich die Online-Seiten des „Börsenblatts“ in den vergangenen fünf Jahren auffallend oft und überproportional mit Digitalia. Dieser Befund und die betäubenden, jede Buchmesse begleitenden Fanfaren für das angeblich immer wieder und aufs Neue seinen Durchbruch feiernde E-Book lassen den Eindruck aufkommen, hier werde auf dem Rücken eines erklecklichen Teils der Verbandsmitglieder eine Politik verfolgt, die helfen soll, die Investitionen derjenigen populär zu machen und zu amortisieren, die es sich leisten konnten und wollten, in diesem Bereich aktiv zu werden.

Weitere Themen

Studenten als Lehrer Video-Seite öffnen

Kampf gegen Analphabetismus : Studenten als Lehrer

Viele Menschen in Somalia können nicht lesen und schreiben. Eine Folge von Hungersnöten, Kriegen und Anschlägen . Eine Gruppe Studenten unterrichtet jetzt Flüchtlingskinder in Camps. Eine Aktion, die Hoffnung macht.

Topmeldungen

Missbrauch in Pennsylvania : Erkennungsmerkmal Kruzifix an Goldkette

Ein Priester führte in den Achtzigern einen Missbrauchsring in Pennsylvania. Tatorte der Vergewaltigungen: Pfarrhäuser, Sakristeien, Priesterwohnungen. Der heutige Washingtoner Erzbischof Wuerl sprach beim Begräbnis des Priesters – voller Lob.

Maas besucht Auschwitz : „Wir brauchen diesen Ort“

Bundesaußenminister Heiko Maas zeigte sich von seinem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz bewegt. Einen verpflichtenden Schulbesuch lehnt er jedoch ab. Im Anschluss traf noch den polnischen Außenminister.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.