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Krise des Buchhandels : Der Amazon-Studenten-Dienst erwartet euch

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Nicht ohne Ironie ist, dass die älteste deutsche Universitätsbibliothek, die Heidelberger, ihren Online-Katalog mit Amazon-Bildchen von Buchumschlägen schmückt, die die Studenten, ohne dass sie eigens darauf hingewiesen würden, bei Klick direkt auf die Seite des Luxemburger Steuerumgehungskonzerns lenken, wo sie neuerdings vom „Amazon Student“-Dienst „abgeholt“ werden. Der verspricht „kostenlose Lieferung am nächsten Tag, kein Mindestbestellwert“, und - damit die „main-target“-Gruppe künftiger „Entscheider“ gleich in das Spiel mit der Buchpreisbindung eingebunden wird - „20% erhöhten Ankaufwert für gebrauchte Bücher und Games bei Amazon Trade-In“. Die „Kataloganreicherung“ der altehrwürdigen Bildungseinrichtung passt wie der Schlüssel ins Schloss der amerikanischen Geschäftspolitik.

Alle machen das so

Ein Heidelberger Denkbild: Die Bibliothek stößt buchstäblich und denkwürdig an den einzig noch verbliebenen Buchladen am Universitätsplatz. Eine staatliche Einrichtung, finanziert durch Steuereinnahmen, die unmittelbar das Gewerbe- und Umsatzsteueraufkommen (und eben auch die Lebensqualität) vor Ort und mittelbar die Steuereinnahmen der Republik drückt. Das dürfte, schaut man sich den aktuellen Kurs aller großen Bibliotheken an, allerdings kein auf die vielbeschworene Metropolregion Rhein-Neckar begrenzter Irrsinn sein. Alle machen das so - und nachdem die Epidemie flächendeckend ist, richtet Amazon seinen „Student-Dienst“ ein. Beim peinlichen Bedürfnis der IT-Bibliotheken, sexy erscheinen zu wollen, ist ganz offensichtlich die Sensibilität für größere wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge auf der Strecke geblieben.

Angesichts solcher Probleme im Bucheinzelhandel ist dem Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins zur letzten Buchmesse nichts Besseres eingefallen, als den Buchhändlern zu empfehlen, sich mit dem Thema E-Book „zu beschäftigen“ (als ob sie sich das aussuchen könnten). Putzige Umbenennungen folgten auf dem Fuße („libri.de heißt nun E-Book.de“) - und Ratlosigkeit, denn so recht wird man niemandem begreiflich machen können, warum man für Hilfestellungen beim Herunterladen einer Datei noch einen konkreten, materiellen Raum (mit darin vorkommenden Menschen, konkreten Kosten, Mieten und Löhnen) braucht. „Erklär mir Computer“ war der Refrain, der alle Äußerungen des Börsenvereinsgeschäftsführers begleitete. Gemessen an den erwartbaren Umsätzen und den realen Problemen vor Ort, beschäftigen sich die Online-Seiten des „Börsenblatts“ in den vergangenen fünf Jahren auffallend oft und überproportional mit Digitalia. Dieser Befund und die betäubenden, jede Buchmesse begleitenden Fanfaren für das angeblich immer wieder und aufs Neue seinen Durchbruch feiernde E-Book lassen den Eindruck aufkommen, hier werde auf dem Rücken eines erklecklichen Teils der Verbandsmitglieder eine Politik verfolgt, die helfen soll, die Investitionen derjenigen populär zu machen und zu amortisieren, die es sich leisten konnten und wollten, in diesem Bereich aktiv zu werden.

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