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Kriminalität in Russland : Sascha, erledige das mit der Deutschen

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Die Behörden im sibirischen Irkutsk folgen ihrer eigenen Automatik Bild: dpa

Ein Hotel in Irkutsk. Dem Gast wird die Börse gestohlen, Kreditkarten, Pass, alles weg. Er sucht Hilfe bei der sibirischen Polizei. Und betritt eine Schattenwelt. Unsere Korrespondentin Kerstin Holm schildert ihre eigenen Erfahrungen mit der russischen Behörde.

          Wildnisbewohner fürchten Stärke und beugen sich der Klugheit. Das Hotel im Zentrum der sibirischen Kulturhauptstadt Irkutsk wird um die Mittagszeit mit neuen Gästen beliefert, die die Maschine aus Moskau in einer durchflogenen Nacht fünf Zeitzonen weiter nach Osten verfrachtet hat. Bevor sie dieses Gipfelwerk des russischen Europäisierungsprojekts in Asien in Augenschein nimmt, gönnt sich die Gruppe ein Stündchen Schlaf, der augenblicklich eintritt. Als der Wecker klingelt, fehlt einer Reisenden die Geldbörse samt Kreditkarte, Führerschein, Presseausweis. Die Etagendame will keinen Passanten auf dem Flur gesehen haben. Der Blockieranruf bei der Kreditkartenfirma ermittelt aber schon Belastungsversuche mit vierstelligen Eurobeträgen bei einem Irkutsker Juwelier.

          Der Hotelsicherheitschef, den die Düpierte aufsucht, ist ein silberhaariger Herr mit höflichen Manieren. Ob sie zu der schwedischen Delegation gehöre, fragt er mitfühlend. Denen hätten Taschendiebe soeben in der Lobby-Bar ein dickes Geldbündel entwendet, unter den Augen der Überwachungskamera. Der Flur der renovierten Zimmerfluchten sei jedoch kamerafrei, gibt der Wachmannschaftskapitän zu. Ob er ihr mit etwas Geld aushelfen dürfe, fragt der Oberaufseher dieser Hauptraststätte begüterter Wanderer. Zum Abschied hält der freundliche Mann noch eine aufmunternde Ansprache über die Schönheiten der Inseln im Baikalsee.

          Im Rachen der Polizeistation

          Doch bevor sie zum Naturwunder Baikal aufbricht, muss die Besucherin sich eine Polizeibescheinigung beschaffen - ohne die werden die Personaldokumente nicht neu ausgestellt. Vor drei Jahren war ihr auf einem Präsidentenempfang, den das eleganteste Hotel von Sankt Petersburg unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen abhielt, der Pass entwendet worden. Für den Fall war eine menschenleere Polizeistation zuständig, wo ein einsamer Beamter das Papier in dreißig Minuten fertig schrieb. Die Sibirienpilgerin begibt sich, in Erwartung einer Formalität, von einem ritterlichen Reisegruppenmitglied begleitet, am frühen Abend in Richtung Milizstation.

          Verglichen mit Petersburg und seinen Passantenströmen, ist auf den Straßen von Irkutsk trotz Sommerwetter auffällig wenig los. Nur bei der Polizei an der Kirowstraße herrscht Hochbetrieb. Man betritt die Wache durch ein Empfangskomitee rauchender Milizionäre. Im Erdgeschoss sitzt, hinter einem dicken Glasfenster, der Diensthabende, dessen wache, leicht mongolische Gesichtszüge auf burjatische Vorfahren schließen lassen. Der Beamte hört sich die Geschichte der Ausländerin aufmerksam an. Den blonden jungen Mann, der, schmerzverkrümmt sein Knie haltend, von einem Blauuniformierten zur Tür herein und in den Keller getrieben wird, übersieht er. „Sie müssen eine Erklärung schreiben“, sagt er und schiebt ein Formular unter der Glasscheibe durch. Der Polizeikeller spuckt jetzt eine Kolonne Schwarzuniformierter aus, die, mit Schlagstöcken bewehrt, patrouillieren gehen. Ein burjatischer Buddha im Plastikhelm trägt ihnen Handschellen nach. Die Ausländerin wiederholt schriftlich ihren Bericht mitsamt der obligatorischen Versicherung, sie wisse, dass Falschanzeigen strafbar sind.

          Sofort zum Dienst!

          Der Schichtleiter schickt die Reisenden zu seinem Einsatzbevollmächtigten zum Verhör. Durch dessen Tür im ersten Stock dringt lautes Stimmengewirr. Als die Fremden klopfen, wird es still. Doch die Tür bleibt verriegelt.

          Nach einer Weile stehen die Deutschen wieder vorm Empfangsfenster. Dort ist dem Polizeikeller ein blasses Mädchen in Seidenhemd und Goldballerinas entstiegen. Mit Gioconda-Lächeln mustert sie die Besucher. Der Diensttuende greift zum Haustelefon. „Sascha“, redet er seinen Kollegen im freundlichen Diminutiv an. „Erledige das mit der deutschen Staatsbürgerin.“ Als er hinzufügt, die Ausländerin spreche gut Russisch, klingt das fast wie eine Drohung. Doch der Einsatzbevollmächtigte hält sich verborgen. Die Deutschen suchen abermals beim Burjaten Rat. Der drückt auf die Sprechanlage. Die Durchsage „Wokin! Sofort zum Dienst!“ lässt die Wände erbeben. Die Elfe aus dem Keller strebt zum Ausgang und kehrt dem Dienstfenster ihre Rückentätowierung zu. „Du musst aber noch aussagen!“, tönt aus dem Untergeschoss eine rauhe Beamtenstimme. Sie lacht nur: „Schreib doch deine Aussage selbst!“

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