29.08.2004 · Der Munch-Raub hat ein weiteres Mal bewiesen, daß „Art-Napping“ eine gefragte Sparte bei den Kriminellen ist. Warum der Kunstraub zum lukrativsten Verbrechen neben Drogen- und Menschenhandel wurde.
Von Niklas MaakDie Männer, die den jungen Maler Pablo Picasso im September 1911 aufsuchten, interessierten sich nicht für seine Kunst. Sie suchten nicht den Geist der Moderne in seinem Atelier, sondern die "Mona Lisa".
Das berühmteste Gemälde des Louvre war am 21. August 1911 spurlos verschwunden, und bei den Untersuchungen des Falls war man auf einen Mann namens Gery Pieret gestoßen, der zugegeben hatte, im Magazin des Louvre Kunstwerke gestohlen zu haben - und daß sich zwei dieser Kunstwerke zu Hause bei Picasso und Guillaume Apollinaire fanden, brachte die beiden in eine ungemütliche Lage. Beide wurden verhaftet, beteuerten vor dem Richter unter Tränen ihre Unschuld und wurden schließlich wieder freigelassen; die "Mona Lisa" aber war und blieb verschwunden. Die Polizei vernahm Hehler und Kunsthändler, errichtete Straßensperren, verdächtigte, was das Zeug hielt; die Tageszeitung "Le Matin" setzte eine Belohnung von 50000 Franc für Hellseher aus, die den Standort der "Mona Lisa" bestimmen könnten.
Chance genutzt
Währenddessen lag "Mona Lisa" nur fünf Kilometer vom Louvre entfernt in der Dachmansarde eines Handwerkers. Der Mann hieß Vincenzo Perruggia, stammte aus Italien und arbeitete für die Glaserei Gobier, die den Auftrag erhalten hatte, die bedeutendsten Gemälde des Louvre hinter Glas zu bringen. Perruggia nutzte seine Chance. Mit zwei Komplizen nahm er an einem besucherfreien Tag die "Mona Lisa" vom Haken, vor den Augen anderer Arbeiter, die das nicht ungewöhnlich fanden; viele Bilder wurden in diesen Tagen zum Fotografieren gebracht.
Draußen, in der Rue des Tuileries, wartete ein Fluchtwagen, der die Diebe ins 10. Arrondissement brachte. Dort sollte Perruggias Auftraggeber Eduardo de Valfierno auftauchen - doch der kam nie. Statt dessen begann er in den Vereinigten Staaten mit seinem eigentlichen Geschäft: Nachdem in der Presse der Raub der "Mona Lisa" gemeldet worden war, wußten Kunstliebhaber in aller Welt, daß das Werk illegal angeboten werden würde. Nicht weniger als sechs Kunden glaubten, daß de Valfierno ihnen das Original verkaufen würde - doch das, was sie bekamen, waren Kopien, die er von der "Mona Lisa" hatte anfertigen lassen. Jede Kopie brachte de Valfierno 300.000 Dollar ein. Die echte "Mona Lisa" überließ der Betrüger Perruggia und setzte sich nach Nordafrika ab, wo er ein unbehelligtes Leben führte. Perruggia wurde 1913 bei dem Versuch verhaftet, das Original an einen Unterhändler der Uffizien zu verkaufen.
Kunstdiebstahl ohne Leidenschaft
Schon dieser Fall zeigt, daß es Kunsträubern selten um die Kunst selbst geht - und daran hat sich bis heute, etwa bei dem Raub zweier Versionen von Munchs "Madonna" und seines "Schreis" am 22. August dieses Jahres in Oslo, nichts geändert. "In keinem der spektakulären Kunstdiebstähle der vergangenen Jahre", schreiben Nora und Stefan Koldehoff in ihrem Grundlagenwerk "Aktenzeichen Kunst", "wurde ein Auftraggeber gefunden, der einen Kunstraub um der Kunst willen bestellte. Kunst wird nicht aus Leidenschaft gestohlen."
"Aktenzeichen Kunst", das Ende September erscheint, ist ein neues, ebenso amüsant wie spannend zu lesendes, ungewöhnlich umfassendes Buch über den Kunstraub und seine Hintergründe. In Interviews mit Fahndern, Versicherern und berühmten Kunst-Detektiven wie Charles Hill, in ihren mitreißend aufgeschriebenen Tatsachenberichten von spektakulären Kunstdiebstählen wie dem Raub der "Mona Lisa" schaffen es die Kölner Kunsthistoriker, die strukturellen Hintergründe des modernen Kunstraubs offenzulegen.
„Art-Napping“
Nicht weniger als viermal wurde zum Beispiel die Sammlung Beit im Russborough House bei Dublin überfallen; nie ging es dabei um die Kunst selbst: Einmal wollte die Untergrundorganisation IRA mit den Bildern Gefangene freipressen, einmal versuchte der Bandenchef Martin Cahill, mit den Erlösen der Bilder seinen Einstieg ins Heroingeschäft zu finanzieren. Kunstdelikte sind mittlerweile eng mit Drogen- und Menschenhandel verwoben und ein neues, lukratives Betätigungsfeld des organisierten Verbrechens.
Mit Sicherheit geht auch der Raub von Oslo nicht auf einen Auftrag des legendären "verrückten Milliardärs" zurück, der als Phantom die Phantasie des Kunstmarktes beflügelt. Alles deutet auf "Art-Napping" hin, die humanere Form des Kidnappings, bei der Teile des Kunstwerks als Beweis verschickt oder seine Zerstörung angedroht werden. Die Besitzer oder die Versicherungen sind oft bereit, an der Polizei vorbei das verlangte Lösegeld zu zahlen, das in diesen Kreisen "Belohnung für Hinweise zur Wiederbeschaffung" heißt; deswegen werden achtzig Prozent aller Kunstdiebstähle auch nie aufgeklärt.
Kunst für Drogen
Neu ist die Brutalität, mit der die Räuber vorgehen. Wo die Täter, die 1994 eine Version von Munchs "Schrei" aus der norwegischen Nationalgalerie stahlen, noch heimlich in das geschlossene Museum eindrangen, gingen die Räuber, die jetzt in Oslo eine zweite Fassung des gleichen Bildes gestohlen haben, nach dem Vorbild von Bankräubern vor: Überfall am hellichten Tag, Waffengewalt, Fluchtwagen vor der Tür. Auch anderswo treten Kunsträuber mittlerweile nicht mehr lautlos, sondern als paramilitärische Berserker auf; bei dem Überfall auf das Russborough Castle vor drei Jahren rasten die mit Sturmhauben vermummten Täter in einem Geländewagen die Freitreppe des Schlosses empor, rammten das Hauptportal und räumten das Musikzimmer mit seinen Gemälden aus.
"Kunstwerke", schreiben Nora und Stefan Koldehoff, "dienen dem organisierten Verbrechen als Zahlungsmittel oder als Instrument zur Geldwäsche. Wer groß in den europäischen Drogenhandel einsteigen will, kann das dafür notwendige Heroin in der Türkei inzwischen mit einem Porträt bezahlen ... Ein Vermeer-Bild diente als Absicherung eines Kredits, der benötigt wurde, um Anteile einer Briefkastenbank auf Antigua zu erwerben. Über diese Bank sollten dann Beutegelder aus anderen Verbrechen gesäubert werden." Tatsächlich ist Kunst als illegales Zahlungsmittel konkurrenzlos; vier Millionen britische Pfund lassen sich kaum praktischer transportieren als in Form eines zusammengerollten Picassos.
Wenig Versicherungen
Museen, noch mehr aber private Sammler, sind gegen die organisierte Kriminalität wehrlos. Viele Bilder sind überhaupt nicht versichert, weil sich die notorisch finanzklammen Museen die Versicherungsprämien nicht leisten können. Die Frustration der Kunstliebhaber über die wachsende Bedrohung ist dabei nicht neu: Schon 1962 konnte man im Katalog von Sotheby's ein wütendes Pamphlet von W. Somerset Maugham lesen, in dem der Autor begründet, warum er sich von seiner Kunstsammlung trennt: "Selbst wenn ich nur zum Abendessen fortginge, könnte ich mir nicht sicher sein, daß nicht ein Dieb die Gelegenheit nutzte ..." Für viele Jahre hätten die Bilder ihm "großes Vergnügen bereitet, nun wurden sie zur Sorge. Ich habe entschieden, sie zu verkaufen."
Auch die Munchs in Oslo waren nicht versichert; allein der Wert des unverkäuflichen "Schreis" wird auf rund 54 Millionen Euro geschätzt - um so erstaunlicher sind die mageren Sicherheitsmaßnahmen der Museen. Munchs Bilder waren nur mit Drähten an der Wand befestigt. Als Einbrecher 1992 im Schloßmuseum Weimar die Warnsirenen auslösten, hielten es die Wachleute für einen technischen Defekt der Alarmanlage und blieben in ihren Zimmern sitzen, während fünf Cranachs und drei Altmeister im Wert von 63 Millionen Mark verschwanden. Auch beim Raub von Munchs "Schrei" 1994 schliefen die Wächter; obwohl die Täter Probleme hatten, in das Gebäude einzudringen (einer der Räuber löste den Alarm aus, fiel von der Leiter und stürzte fünf Meter in die Tiefe), ging man von einem Fehlalarm aus.
Aufsicht ohne Übersicht
Bei moderner Kunst kommt ein weiteres Problem hinzu - die Wächter erkennen sie gar nicht als solche. Als Duchamps berühmtes "Bicycle Wheel" 1995 unter mysteriösen Umständen aus dem Museum of Modern Art verschwand, hatten sich die Wächter laut "New York Times" nicht gewundert, daß jemand mit einem weißen Hocker und einer Felge durch die Eingangshalle lief; Mitarbeiter berichten, man habe den Mann für einen Fahrradkurier gehalten.
Hoffnung auf Belohnung
Die traurigste Geschichte des modernen Kunstraubs ist die des Elsässers Stephane Breitwieser, der in wenigen Jahren Kunstwerke im Wert von zwanzig Millionen Euro stahl. Breitwieser wollte sich eine eigene Sammlung aufbauen mit Dingen, die ihm gefielen. Sein Vater, hieß es später im Prozeß, habe, als er die Familie für eine andere Frau verließ, auch seine Kunstsammlung mitgenommen; der Sohn, dem das Gericht eine "dysfunktionale Betonung des Ichs" bescheinigte, habe mit der Sammlung ein Kindheitstrauma heilen wollen. Breitwieser stahl in nur sechs Jahren bei 177 Gelegenheiten in ganz Europa 239 Kunstwerke, die er im Haus seiner Mutter unterbrachte; ihr erzählte er, er habe die Werke auf dem Flohmarkt gekauft.
Als Breitwieser schließlich gefaßt wurde, vernichtete die Mutter in Panik sechzig Bilder und warf alle Waffen, Uhren und Fayencen in den Rhein. Von den vernichteten Gemälden gibt es keine Spur - einige Ermittler vermuten, die Geschichte der Mutter sei nur vorgetäuscht und es gebe irgendwo ein geheimes Lager mit Millionenwerten. Sollten diese Fahnder recht haben, ist es gut möglich, daß auch im Fall Breitwieser irgend jemand einmal von einer Versicherung eine "Belohnung für Hinweise zur Wiederbeschaffung eines gestohlenen Kunstwerks" bekommt.