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Krimi im ZDF : Wir sollten die Ratlosigkeit nicht überspielen

  • -Aktualisiert am

Der Vater (Heino Ferch) versteinert, die Mutter (Silke Bodenbender) steht weiterhin hinter ihrem Jungen Bild: Stefan Erhard

Ein Teenager, drei Tote, eine Familie unter Schock - und die Frage nach der Schuld: In Niki Steins Krimi-Drama „Vater Mutter Mörder“ gibt es keine mildernden Umstände.

          Es muss zu jeder Tat auch eine Erzählung geben, ein Muster des Sinnzusammenhangs. Der Amoklauf, der Serien- und Massenmord aber hintergehen unseren Wunsch nach Kohärenz, der Gewaltexzess lässt sich nicht auf Begriffe bringen. Ursache und Wirkung sind schwache, haltlose Kategorien in Anbetracht maßloser Brutalität. Ein Junge erschießt die Eltern seiner Freundin, dann seinen besten Freund. Sein anschließender Selbstmordversuch scheitert. Er erwacht im Krankenhaus aus dem Koma, am Bett stehen Vater und Mutter, überwältigt von einer Erkenntnis, die zugleich eine Frage ist: Das ist unser Sohn. Ist das unser Sohn?

          Niki Steins Kriminaldrama ist ambitioniert, weil es sich nicht an Täterphysiognomien abarbeitet, sondern den sozialen, das heißt vor allem den familiären Kontext untersucht. Dass Lukas (Merlin Rose) ein verstörter Teenager ist, der seiner Freundin imponieren wollte, ist schon im ersten Akt geklärt. Zur Debatte steht die Schuldfrage, bezogen auf die Eltern. „Was haben wir falsch gemacht?“, fragt Tom Wesnik (Heino Ferch) seine Frau immer wieder.

          Kein Affekt, keine Störung

          „Wir hätten ihn nicht Videospiele spielen lassen sollen, hätten Filme und Comics verbieten müssen.“ Natürlich ist das naiv: Gewaltphantasien sind keine Symptome, sondern Mittel, um Ängste abzubauen. Dies erklärt der Psychiater, den Wesnik aufsucht, ein Gutachten soll die Unzurechnungsfähigkeit des Jungen erklären. Die Mutter (Silke Bodenbender) beschimpft daraufhin ihren Ehemann: „Du willst entschuldet werden! Dafür bist du bereit, deinen Sohn für verrückt erklären zu lassen!“

          Es war aber nun mal kein Affektdelikt, es lag keine tiefgehende Bewusstseinsstörung vor, die psychiatrische Entlastungslogik ist ausgesetzt. Worin also liegt die Schuld der Eltern? Wesnik, der Fotojournalist, ist ein abwesender Vater, permanent auf Reisen, für den Sohn gibt es Schnappschüsse aus der Sahara oder von Kap Hoorn. Bezeichnend, dass man die Horrorbilder des Sohnes unter Fotografien des Vaters entdeckt.

          Von Plumpheit und Tiefenschärfe

          Sie grundieren die Weltläufigkeit des Erwachsenen mit der paranoiden Enge der jugendlichen Imagination. Ein fatales Zusammenspiel von Idealisierung und Aggression also, das wäre eine ungefähre Diagnose dieser Beziehung. Aber einen kalkulierten Dreifachmord erklärt das immer noch nicht. Außerdem gibt es ja noch die Mutter, die ihren Sohn heimlich zum Therapeuten schickte, weil er Ängste hatte, und nach außen heile Welt spielte. Und das Kaff, in dem die Familie eigentlich nur geduldet wird; obere Mittelschichtler stehen in dieser ländlichen Gegend eben allemal und von vornherein unter Dekadenzverdacht.

          Schuldfähig werden, das müssen in dieser Geschichte alle. Lukas begibt sich per Geständnis in die Hände von Vater Staat. Was aber ist die Lektion für die Eltern? Akzeptanz. Demut vor dem Unerhörten. Das Aushalten des Schocks. Ferch und Bodenbender mühen sich an diesem Auftrag redlich ab, entwickeln eine Zerknirschungsgestik, die anstrengt, auch den Zuschauer. Das Schwanken zwischen Betäubt- und Außer-sich-Sein darzustellen, ohne auf Effekte zu setzen, das gelingt vor allem Ferch. Man hätte ihm und seinen Mitspielern aber eine präzisere Regie gewünscht. Es gibt Szenen von überwältigender Plumpheit, wenn eine Ärztin den gerade vom Tatort ins Krankenhaus herbeigeeilten Vater fragt: „Alles ok?“ Und der wenig später den Raum betretende Kommissar setzt nach: „Alles in Ordnung?“ Das sind Flachheiten, die ein gutes Lektorat umgehen kann. Dann die Nebendarsteller: Anwältin, Kommissar, Pfarrer - wenig konturierte Figuren mit halbgarer Agenda. Es ist durchaus sinnvoll, einen Akteur mit Tiefenschärfe auszustatten, auch wenn er nur minutenweise in Erscheinung tritt.

          Die dramaturgische Linie aber stimmt: Im Angesicht kaltblütiger Gewalt verbieten sich das simple Verrechnen von Täterpathologie und Opferstatistik, die Umformulierung des Grauens in einen sinnvollen Text. „Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar nahe liegenden Erklärungen“, sagte Johannes Rau in seiner Gedenkrede für die Opfer des Massenmords von Erfurt im Jahr 2002. Beeindruckend, dass das Zweite diese Mahnung ernst genommen hat.

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