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Krim-Krise : Putins gefährliche Wette

Kremlkritischer Protest im Haltegriff russischer Sicherheitskräfte Bild: AFP

Russlands Zugriff auf die Krim ist ein Angriff aus Angst. Dahinter steht der verzweifelte Kampf eines Mannes, der seine Macht schwinden sieht. Manche geben Putin nur noch ein Jahr.

          Immer wieder haben westliche Politiker Russland aufgefordert, so mit seinen Nachbarländern umzugehen, dass diese es als Freund ansehen, nicht als Bedrohung. Allerdings ist niemand nach Moskau gekommen, um vorzuführen, wie man das macht. Denn sie alle regieren übersichtliche, klimatisch begünstigte Länder mit natürlichen Grenzen, die Migranten anziehen. Russland ist genau das Gegenteil, übergroß, untervölkert, das Klima brutal kontinental, die Grenzen schwer zu sichern, die Leute laufen weg. Fast alles, was dieses Land geschafft hat, geschah gewaltsam: die Europäisierung, Aufrüstung und das Bauprogramm unter Peter dem Großen, die Industrialisierung unter Stalin, die opferreichen Kriege. Auch die Eroberung der Krim unter der „deutschen“ Zarin Katharina der Großen 1783 nach vielen erfolglosen Versuchen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der endgültige Verlust der Krim, die 1954 von Chruschtschow aus einer Laune heraus der Ukraine zugeschlagen und von Jelzin für Russland nicht gesichert wurde, bedroht dieses mit dem Verlust des Flottenstützpunkts und damit der Kastration seines militärischen, also des Gewaltpotentials. Dem Kreml, der seit dem Nato-Gelöbnis von 1989, keine Basen würden je in sowjetischen Ex-Satellitenstaaten stationiert, von Nato-Stützpunkten umzingelt wurde wie Macbeth vom Wald von Birnam, bleiben de facto diese Flotte, der sich, Russlands Auslandssender „Russia Today“ zufolge, auch das ukrainische Kriegsschiff „Getman Sagaidatschnayj“ angeschlossen hat, und die Armee, die die Halbinsel okkupiert, als „einzige Verbündete“, wie sich der reaktionäre Zar Alexander III., ein Idol russischer Nationalisten, einst ausdrückte.

          Trotziger russischer Nationalstolz, der die meisten Russen auf der Krim beseelt, wo die dort stationierten ukrainischen Streitkräfte sich der prorussischen Führung der Krim unterstellten, soll, so geht die gefährliche, aus Präsident Putins Sicht aber alternativlose Wette, auch das Kernland erfassen. In Moskau sammelte sich außer den faschistoiden Motorradbikern, die eine hurrapatriotischen Kolonne fuhren, immerhin eine brave staatstragende Truppe mit Kosaken und Ex-„Naschisten“, die, wie der amerikanische Twitter-Dienst vorführt, unter russischen Trikoloren Putins „Annäherung“ an das ukrainische Brudervolk begrüßten. Während auf der Krim orthodoxe Priester die russischen Truppen mit Weihwasser besprengen, ließ das Moskauer Patriarchat den offiziell für öffentliche Beziehungen, de facto aber fürs Grobe zuständigen Erzpriester Wsewolod Tschaplin verlautbaren, bei der Truppenentsendung handle es sich um eine Friedensmission, die hoffentlich auf keinen ernsthaften Widerstand treffen werde. Patriarch Kyrill versicherte die Ukrainer aller politischen Lager seine Liebe in Christo, mahnte die Politiker, Konflikte friedlich beizulegen, erwähnte die Krim aber nicht.

          Anti-russische Demonstrationen auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Bilderstrecke

          Dafür wurden auf diversen proukrainischen und Antikriegsdemonstrationen an mehreren Stellen der russischen Hauptstadt Hunderte verhaftet. Auch in den sozialen Netzen behalten die Putin-Gegner die Initiative. Das Staatsoberhaupt wird als „Putler“, Adolf Putin oder russisch „Fjurer“ apostrophiert, und sein Krim-Abenteuer als „Anschljus“. Russische Popmusiker von Semfira bis Juri Schewtschuk stellen sich auf die Seite der Ukraine und gegen den Krieg. Gegenstimmen wie etwa die eines in Russland lebenden Ukrainers, der die Kiewer Majdan-Dauerdemo als „Euro-Nazismus“ anprangerte, sind klar in der Minderheit. Und in schlechter Gesellschaft. Beispielsweise in der von dem auch in Russland als superprivilegiertem Staatskassenblutsauger verhassten Tschetschenenherrscher Ramsan Kadyrow, der insbesondere gegenüber den verschreckten krimtatarischen Glaubensbrüdern den russischen Einsatz verteidigt. Kadyrow drohte außerdem dem ukrainischen Nationalistenführer Dmitri Jarosch, der angeblich den tschetschenischen Terroristenführer Doku Umarow um Anschläge in Russland ersucht hatte. Gegenüber dem amerikanischen „Radio Liberty“, die auch den Liveblog des Kiewer Majdan betreibt, versicherte Jarosch aber, das sei eine Fehlinformation, die Hacker ihm beschert hätten.

          Der Chefredakteur von „Echo Moskwy“, Alexej Wenediktow, ein alter Kämpe für die Pressefreiheit, bekannte immerhin, Putin sei in der „nicht beneidenswerten“ Lage, wo er, egal was er tut oder nicht tut, verliert. Der Politologe Stanislaw Belkowski ist nicht der einzige, der dem Putin-Regime kein Jahr mehr gibt.

          Putin, der in seiner Autobiographie „In erster Person“ eindrucksvoll beschreibt, wie eine in die Ecke getriebene Ratte wahllos in alle Richtungen angreift, will Fakten schaffen, solange das Machtvakuum in Kiew, wo der neue Innenminister Awakow sich als für das Krimproblem nicht zuständig erklärt hat, das erlaubt. Von den Europäern jedenfalls, die der amerikanische Politologe Robert Kagan als von der Venus kommend, ohne Fähigkeit und Verständnis für Gewalt, abtut, erhofft er nichts. Die Amerikaner, die laut Kagan Schüler des Kriegsgotts Mars sind und durch informationstechnische Intelligenz autoritäre Regimes aushöhlen, greifen wenigstens nicht an.

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