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Veröffentlicht: 15.03.2014, 13:49 Uhr

Krim-Krise aus russischer Sicht Putin ist verrückt

Ihr im Westen versucht, hinter Putins Handeln eine Strategie zu entdecken. Ihr fragt euch, was sein legitimes Interesse sein könnte. Wir Russen wissen, dass da der blanke Wahnsinn am Werk ist.

von Nikolai Klimeniouk
© REUTERS Verachtung für den Westen: Putin bei einer Zeremonie im Kreml

Seit einigen Wochen ist die Welt endgültig nicht mehr dieselbe, die sie in den letzten Jahrzehnten war. Die russische Besetzung der Krim setzte mit einem Streich die wichtigsten Spielregeln außer Kraft, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Ende des Kalten Kriegs galten. Russland verletzte das Völkerrecht, lapidar ausgedrückt, auf der ganzen Linie – die UN-Charta, europäische Sicherheitsabkommen, den Budapester Vertrag, in dem Russland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten die Souveränität der Ukraine, die territoriale Integrität und Sicherheit im Gegenzug für den Verzicht auf Atomwaffen garantierten. Das alles ist jetzt dahin. Viele im Westen haben die neue Realität noch nicht begriffen, andere suchen nach plausiblen Erklärungen. Für derartig gravierende Veränderungen, so die rationale Logik, müsse es auch gewaltige, ungeheuer wichtige Gründe geben.

Die naheliegende Erklärung, dass Putin einfach nur wahnsinnig ist, wird als Simplifizierung und Panikmache verworfen. Zu Unrecht.

Der Westen unterschätzt die Situation

Je länger die Besetzung dauert, desto lauter schallen im Westen verständnisvolle Stimmen. Man spricht, als wäre es plötzlich selbstverständlich, von Geopolitik. Man spricht von russischen Befindlichkeiten und Sicherheitsbedenken, als hätte jemand ernsthaft geglaubt, die Nato, die EU oder die Vereinigten Staaten – die jetzt ohnmächtig und fast tatenlos der russischen Aggression zuschauen – seien für Russland eine militärische Gefahr. Berliner Außenpolitiker predigen Äquidistanz – man solle Putins unverhüllte Lügen als eine Art alternativer Wahrheit betrachten.

Die Wahrheit ist aber offensichtlich und allgemein bekannt: Die gut ausgebildeten und hochgerüsteten Truppen ohne Hoheitsabzeichen, die die Krim besetzt halten, sind russische Eliteeinheiten und nicht, wie Putin behauptet, örtliche Selbstverteidigung; die Unruhen in der Ukraine wurden nicht von den Vereinigten Staaten organisiert, und die Macht in Kiew haben keine Neonazis übernommen; die russischsprachigen Einwohner der Ukraine mussten zu keinem Zeitpunkt der ukrainischen Unabhängigkeit um ihr Leben, ihre Sicherheit oder ihre Freiheit fürchten, obwohl sie mit ihrer rechtlichen Lage tatsächlich nicht zufrieden waren.

Dennoch gibt man sich im Westen gern Mitschuld am Geschehenen: Man habe selbst das Völkerrecht mehrmals verletzt, Russlands Interessen zu lange ignoriert, man sei mit der Integration der Ukraine und überhaupt mit der EU-Erweiterung zu brachial vorgegangen. Es kann einfach nicht sein, dass die gesamte Weltordnung wegen irgendwelcher Lappalien zusammenbricht, so etwas ist nicht möglich. Doch genau das geschieht jetzt vor unseren Augen, und je länger wir die zudrücken, desto höhere Preise bezahlen wir für unsere Trägheit, Faulheit und unseren Geiz. Und die Rechnung wird uns viel früher gestellt, als wir es wahrhaben wollen.

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Der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger warnte in der „Washington Post“ vor Fehlinterpretationen: Möchte man weiterkommen, solle man Putin nicht dämonisieren. In dieser starken Wortwahl manifestiert sich die eigentliche Schwäche der westlichen Russlandpolitik, die verzweifelt versucht, in Putins Entscheidungen verständliche Interessen zu erkennen, sein Handeln in ein gewohntes politisches Koordinatensystem einzuordnen, um eine Basis für einen Kompromiss zu finden.

Russische Stimmen gegen Putin

Doch dieser Versuch schlägt immer wieder fehl. In den letzten Tagen erschienen im Westen wie in Russland ungezählte Artikel und offene Briefe an Putin, deren Autoren erklären, wie Putins Vorgehen in der Ukraine Russlands Interessen widerspricht, seien es Wohlstand, Wirtschaftswachstum, Sicherheit oder auch Russlands Großmachtstellung im ehemaligen Sowjetraum, in Eurasien oder in der (vermeintlich existierenden) slawischen Welt.

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