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Krieg in Libyen : Der Tag, an dem Gaddafi meinen Freund tötete

  • -Aktualisiert am

Eine Wand aus Rauch und Staub: Rebellen auf der Straße zwischen Brega und Ras Lanuf während eines Luftangriffs. Bild: REUTERS

Stürzt diesen Tyrannen! Jürgen Todenhöfer reiste sechs Tage lang durch Libyen. Bei einem Raketenangriff in der Nähe der Hafenstadt Brega entkam er nur knapp dem Tod, sein Freund starb in den Flammen. Ein Augenzeugenbericht aus dem Kriegsgebiet.

          Jeden Augenblick denke ich an Abdul Latif, meinen vierundfünfzig Jahre alten libyschen Freund und Gastgeber. Sechs Tage war ich in seinem Land. Sechs Tage, die ich nie vergessen werde. Dort, nur fünfhundert Kilometer von Italien entfernt, findet in diesen Tagen ein Volksaufstand statt, kein Bürgerkrieg. Die „Rebellen“, von denen Gaddafi spricht, sind sein eigenes Volk. Er bekämpft es mit unvorstellbarer Brutalität. Der Führer des nationalen Widerstands Al Djalil erklärte mir, er gehe von über fünfzehntausend Toten aus. Das war vor einer Woche.

          Abdul Latifs Landsleute kämpfen nicht nur um ihre Freiheit, sondern auch um ihre Würde. Der mordende Pfau Gaddafi hat ihnen mehr als vierzig Jahre lang alles genommen, auch ihr Gesicht. Libyen ist ganz anders als sein Diktator. Auf den tausendfünfhundert Kilometern, die ich durch Libyen reiste, habe ich nie einen Menschen gesehen, der ähnlich gekleidet war wie Gaddafi. Nie habe ich ein Zelt gefunden, das aussah wie jenes, das Gaddafi so gern in westlichen Hauptstädten aufschlug. Zuletzt als Gast von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

          Gegen die Zerrbilder im Westen

          Nicht nur im Osten des Landes steht die Mehrheit der Menschen hinter dem Volksaufstand, auch im Westen. Auf zahllosen Häuserwänden steht der Satz: „Es gibt keine Stämme mehr, es gibt nur noch Libyer.“ Gaddafi bräuchte keine ausländischen Söldner, wenn er im Volk noch die erforderliche Unterstützung hätte. Abdul Latif telefonierte ständig mit Freunden und Verwandten in Tripolis und anderen Städten im Westen. Enthusiastisch erzählte er, alle seine Bekannten warteten auf den Tag der Befreiung.

          Die unzähligen Menschen, die ich während meiner Libyenreise zusammen mit ihm in Tobruk, Al Baida, Benghasi, Ajdabya und Brega getroffen habe, kämpfen auch gegen die Zerrbilder im Westen. Sie sind keine extremistischen Islamisten, sondern liebenswerte, aufgeschlossene und großzügige Frauen und Männer - wie Abdul Latif. Sie wollen weder mit Gaddafi etwas zu tun haben noch mit extremistischen Terroristen.

          Gezielt Jagd auf Journalisten

          Unter den Menschen in Benghasi herrscht trotz des Vormarsches der Milizen Gaddafis Aufbruchsstimmung. Sie ähnelt der Begeisterung und Entschlossenheit, die ich in der Schlussphase der ägyptischen Revolution in Kairo miterleben durfte. Zigtausende, Hunderttausende treffen sich abends am Platz der Befreiung, um selbst kleinste Erfolge zu feiern und sich gegenseitig Mut zu machen. Gaddafi führt nicht nur Krieg gegen sein eigenes Volk, gegen lebensfrohe Menschen wie Abdul Latif.

          Er versucht auch die Medien auszuschalten. Internet und Telefonverbindungen ins Ausland sind abgeschaltet. Auf Journalisten wird gezielt Jagd gemacht. Während meines Besuches wurde der „Al Dschazira“-Kameramann Ali Al Jaber bei Benghasi gezielt von hinten erschossen. Ein weiterer Kameramann wurde schwer verletzt. Das OUZU-Hotel in Benghasi, in dem sich überwiegend ausländische Journalisten aufhielten, wurde mehrfach von Gaddafis Truppen angegriffen. Auch ich wohnte mehrere Tage dort.

          Ohne Zeugen morden

          Dann kam der 14. März. Wir, Abdul Latif, der dreiundzwanzigjährige Libyer Yussuf, die dreißigjährige deutsche Fotojournalisten Julia Leeb und ich, wurden beim Versuch, bei Brega ausgebrannte Zivilfahrzeuge zu fotografieren, mit Boden-Boden-Raketen angegriffen. Sie enthielten wahrscheinlich Napalm oder Phosphor. Unser Auto wurde in einen Feuerball verwandelt. Abdul Latif, der für einen Augenblick zum Auto zurückgegangen war, starb in den Flammen.

          Yussuf, Julia Leeb und ich fanden Schutz hinter einer flachen Sanddüne. Ein Aufklärungsflugzeug stieg auf, um uns zu lokalisieren. Über zweieinhalb Stunden wurden wir flächendeckend mit Raketen und Granaten bombardiert. Es war, als wollte Gaddafis Artillerie die Wüste umpflügen. Ziel war, uns daran zu hindern, Informationen über die Lage im Kriegsgebiet zu veröffentlichen. Gaddafi möchte ohne Zeugen morden.

          Tragische Niederlage der westlichen Politik

          Wir hatten ein Glück, das ich bis heute nicht fassen kann. Abdul Latif hatte dieses Glück nicht. Nach dem Angriff hätte ich so gern alles mit ihm durchgesprochen. Aber Abdul Latif war nicht mehr da. Nach Einbruch der Dunkelheit liefen wir sieben Stunden frierend durch die kalte Wüste Richtung Ajdabya. Bis uns ein Suchfahrzeug fand und nach Benghasi brachte.

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