07.10.2001 · Nur einen Tag vor den ersten Raketen auf Kabul erhoben deutsche Autoren ihre Stimmen. Botho Strauß prophezeit einen langen „Austausch von Überfällen“.
Von Wilfried Mommert und Basil Wegener, dpa„Raus aus den Elfenbeintürmen!“, lautete die Devise bei der Herbst-Mitgliederversammlung der Berliner Akademie der Künste. Nur einen Tag vor dem ersten Raketen auf Kabul erhoben am Wochenende prominente deutschsprachige Autoren wie Günter Grass und Botho Strauß ihre Stimmen. Auch Salman Rushdie meldete sich zu Wort. Nach dem einigenden Schock des 11. September werden die Grundzüge einer breiten Debatte deutlich.
„Schluss mit der Event-Gesellschaft und der Verherrlichung und Ästhetisierung des Schreckens!“, rief Günter Grass in Berlin. Jetzt heiße es wieder zusammenzurücken, und das spürten alle Teilnehmer der Mitgliederversammlung der traditionsreichen Kunstakademie, die aus schmerzhafter Erfahrung weiß, was es bedeutet, bei brennenden gesellschaftspolitischen Entwicklungen abseits zu stehen.
Klaus Staeck: Alle Künstler müssen „klar Stellung“ beziehen
Peter Härtling warnte vor einer um sich greifenden „Lust am Freiheitsabbau und dem Ruf nach raschen Verordnungen. Christoph Hein zeigte sich besorgt, dass die Freiheitsrechte des gedruckten und gesprochenen Wortes eingeschränkt werden könnten. An stürmische gesellschaftskritische Zeiten fühlte sich der Polit-Grafiker Klaus Staeck erinnert. Alle Künstler müssten jetzt „klar Stellung“ beziehen.
Der eigenen Forderung nach politischer Einmischung kam Grass sogleich in einem Interview mit den „Lübecker Nachrichten“ nach. Heftig kritisierte der 73-jährige Literatur-Nobelpreisträger den US-Präsidenten George W. Bush. „Nicht nur die extreme Auslegung des Islam, auch die Gut-oder-Böse-Kategorien des amerikanischen Präsidenten haben einen religiös fanatischen Hintergrund“, meinte er. Innenpolitisch warnte er vor einer möglichen Beschneidung der Grundrechte durch schärfere Sicherheitsbestimmungen in Deutschland und kritisierte „Überreaktionen“ in der Politik von Innenminister Otto Schily.
Botho Strauß: Ein kalter Krieg wäre wieder möglich
Nicht weniger markant meldete sich Botho Strauß unter dem Titel „Der Schlag“ im „Spiegel“ zu Wort, deutete Terror und Antiterror als „Kampf der Bösen gegen die Bösen“ und prophezeite „zäh wiederkehrende Attacken“ auf den westlichen Pragmatismus und einen langen „Austausch von Überfällen“. In einem utopisch-ironischen Stoßseufzer stellt sich der 56-jährige Autor einen Ausweg vor: „Ein panislamisches Reich vom Sudan bis nach China: Hätten wir es schon! Ein kalter Krieg wäre wieder möglich!“
Bereits zuvor waren einige Intellektuelle in der deutschen Öffentlichkeit von dem von Trauer, Mitgefühl und Fassungslosigkeit bestimmten Tenor der Kommentare direkt nach den Anschlägen abgewichen - möglicherweise herausgefordert durch eine festgestellte „falsche Einstimmigkeit der Kommentare“ (Susan Sonntag). Linke Kritik an Amerika und der Globalisierung sowie die Auseinandersetzung um Krieg und Pazifismus scheinen hinter den Äußerungen hervor.
So sprach der französische Philosoph Jacques Derrida in der „Süddeutschen Zeitung“ davon, dass auch eine „bestimmte, seit langem betriebene amerikanische und europäische Politik“ Mitverantwortung für die Gewalt habe, auch wenn er zugleich die Schuld der Attentäter betonte. Und der amerikanische Gesellschaftskritiker Noam Chomsky erntete heftigen Widerspruch mit Überlegungen wie jener, nach der in Terrorakten auch „Elemente legitimen Grolls“ zu finden seien.
Salman Rushdie: Literatur und Musik sind unsere Waffen
Auf diese Spurensuche von Verantwortung jenseits der eigentlichen Urheber bezog sich am Samstag Salman Rushdie in der Zeitung „Die Welt“: „Ein solches Verbrechen zu entschuldigen, indem man die Politik der US-Regierung dafür verantwortlich macht, heißt, die Grundlage aller Moral zu leugnen: die Verantwortung des Individuums für seine Handlungen.“ Den Schwerpunkt seiner Überlegungen legte
Rushdie auf die Beschwörung westlicher Freiheitsideale.
„Nicht durch den Krieg, sondern durch die unerschrockene Art unseres Lebens werden wir die Terroristen besiegen“, schreibt der Autor. Gegen Fundamentalismus müssten die Menschen auf Dinge setzen wie Literatur, Großmut, Gerechtigkeit, Musik, Schönheit und Liebe. Der 54-jährige Rushdie, der wegen seines Romans „Die satanischen Verse“ seit 1989 von islamischen Fundamentalisten mit dem Tode bedroht wurde, betonte: „Das sind unsere Waffen.“