Home
http://www.faz.net/-gqz-nmox
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Krieg am Golf "Die Vorhölle muß ähnlich aussehen"

08.04.2003 ·  Der Reporter Christian Liebig, erstes Opfer unter deutschen Journalisten im Irak, führte Tagebuch über das Sterben im Krieg.

Von Michael Hanfeld
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Diese Meldung als erster zu bringen, darum hat es keinen Wettbewerb gegeben: Christian Liebig, Reporter der Magazins "Focus", "eingebettet" im Irak bei der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision der amerikanischen Armee, unterwegs also an vorderster Front, ist am Montag bei einem Raketenangriff südlich von Bagdad ums Leben gekommen. Mit ihm starben der spanische Journalist Julio Anguita Parrado, Reporter der Tageszeitung "El Mundo" sowie zwei amerikanischen Soldaten, fünfzehn Verletzte soll es gegeben haben.

"Wir sind erschüttert und tief traurig," erklärte Helmut Markwort, der Chefredakteur des "Focus", am späten Montagabend, als die Meldung vom Tod seines Mitarbeiters offiziell bestätigt worden war. Der fünfunddreißigjährige Liebig sei "kein Draufgänger" gewesen, sondern "ein umsichtiger Journalist, dem die Sicherheit vor der Sensation ging". Danach habe Liebig auch am Montag noch gehandelt. Da verzichtete er nämlich wie sein spanischer Kollege darauf, einen Panzervorstoß der Amerikaner mitten hinein nach Bagdad zu einem von Saddam Husseins Palästen zu begleiten. Dies, so heißt es bei "Focus", habe Liebig als "schwerste Entscheidung" seines Lebens empfunden. Er blieb im vermeintlich sicheren Camp der Amerikaner. Dort schlug die Rakete ein. Mein Sohn wollte doch niemals an die vorderste Front, habe der Vater des Verstorbenen im Gespräch mit dem Chefredakteur Markwort erzählt.

Tagebuch vom jüngsten Vorstoß

Christian Liebig, der in Offenbach geboren wurde, in Kronberg zur Schule ging und seine Karriere im Auslandsressort der Agentur Associated Press begann, bevor er Mitarbeiter der "Süddeutschen Zeitung", der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" und schließlich "Focus"-Reporter wurde, haben die Leser des Magazins und der Internet-Ausgabe "Focus Online" durch die Lektüre in der Tat als jenen besonnenen Mann kennen gelernt, als den ihn der Chefredakteur beschreibt. Noch am Tag seines Todes berichtete Liebig in seinem Irak-Tagebuch vom jüngsten Vorstoß der Einheit, die er begleitete: Was die 2. Brigade der 3. Infanteriedivision in diesem Moment unternehme, sei "vielleicht die größte Schlacht des bisherigen Irak-Kriegs, möglicherweise die wichtigste, in jedem Fall aber die überraschendste Schlacht in diesem Krieg." Die Fahrt durch die irakische Hauptstadt, so berichtete Liebig, "glich einem Videospiel, bei dem von allen Seiten Angreifer auftauchen, um sofort abgeschossen zu werden."

Den Oberst der Einheit, David Perkins, läßt der Reporter in zahlreichen Tagebuchberichten mit martialischen Einlassungen zu Wort kommen: "Jeden einzelnen Panzer, jede einzelne Artilleriestellung, jedes einzelne MG-Nest, an dem wir vorbeigefahren sind, haben wir vernichtet," schwärmt der Oberst am 5. April und fährt fort: "Es heißt immer, wir würden unseren Krieg aus siebentausend Metern Höhe führen. Heute haben wir aus sieben Metern Entfernung gekämpft." Währenddessen schildert der Reporter, was in sieben Metern Entfernung sich ereignet: Eine irakische Familie ist getötet worden, nachdem vor ihr ein Panzerfahrzeug explodierte, ein Panzerkommandant wurde in seinem bewegungsunfähigen Gefährt erschossen.

Journalisten-Hotel Palästina beschossen

Vom Leid derer, die im Krieg sind, ob sie kämpfen oder nicht, angreifen oder Schutz suchen, ist hier der Rede, von dem Krieg also, den man vom Fernsehstudio aus nicht erkennt. "Die Vorhölle muß ähnlich aussehen," heißt es in einem Eintrag des Reporters, aus dessen Schilderungen der Krieg in einer Weise hervortritt, die stärker wirken kann als die Bilder der Bildschirmkollegen, die nach drei Wochen voller Greuel einen gewissen Abstumpfungsprozeß durchlaufen haben. Wie man ohne Bilder ein Bild des Krieges zeichnet, hat der "Focus"-Reporter Christian Liebig gezeigt.

Das Journalisten-Hotel Palästina ist gestern selbst zum Kampfplatz geworden. Weil sie von dort beschossen wurden, so sollen amerikanische Soldaten angegeben haben, habe man das Gebäude unter Feuer genommen. Zwei Journalisten sollen ums Leben gekommen, vier weitere verletzt worden sein. Bei Angriffen auf die Büros der arabischen Sender "Al Dschazira" und "Abu Dhabi TV" kam der Kameramann Tarek Ajub ums Leben. Der Chefredakteur von "Al Dschazira", Ibrahim Hilal, sagte, das Gebäude seines Senders sei den Amerikanern bekannt gewesen. Daß es sich dabei um einen gezielten Angriff gehandelt haben könnte, wurde von einem Sprecher des amerikanischen Außenministeriums zurückgewiesen. Das Hotel Palästina, so meint der ZDF-Reporter in Bagdad, Ulrich Tilgner, sei trotz allem immer noch der sicherste Ort in Bagdad. Wenn man in den letzten Stunden eines fallenden Regimes, das Gewalt gesät hat und nun durch Gewalt fällt, von Sicherheit reden kann.

Der Titel der Focus-Ausgabe von diesem Montag, lautet: "Risiko Bagdad".

Quelle: miha. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2003, Nr. 84 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr