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Montag, 13. Februar 2012
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Kreative Köpfe Das Geheimnis ihres Erfolges

10.10.2002 ·  Warum sind Sie kreativ? David Bowie, Günter Grass, Quentin Tarantino, Moby und viele andere geben Anweisungen für den Normalbürger.

Von Jörg Thomann
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Why are you creative? Diese Frage hat der Regisseur Hermann Vaske solchen Leuten gestellt, die gemeinhin als besonders kreativ gelten: Künstlern, Schauspielern, Literaten, Designern, Werbeprofis. David Bowie, Günter Grass, Quentin Tarantino, Moby und viele andere mehr haben ihm geantwortet: mit schnell hingekritzelten Botschaften oder kleinen Basteleien, die Einblicke ins Wesen der Kreativität geben - und möglicherweise als Handlungsanweisungen für den nach Höherem strebenden Normalbürger taugen.

Längst ist das, was vor sieben Jahren als kleines Frage-Antwort-Spiel begann, zum großen Multimediaprojekt angewachsen. Auf seiner Website www.whyareyoucreative.com läst uns der auf einem schwarzen Sofa sitzende Vaske dazu ein, ihm in die Welt der Kreativen zu folgen. Der Fernsehsender Arte zeigt seit diesem Mai die Interviews, in denen der Grimme-Preisträger Vaske mit Prominenten deren Schöpfungskraft zu ergründen sucht.

Die Notizzettel, Papptafeln oder Zigarettenschachteln schließlich, auf denen die mehr als 300 von Vaske Befragten ihr Erfolgsgeheimnis in Worte oder Bilder fassten, sind in einer Ausstellung gesammelt worden, die zuletzt im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes gezeigt wurde und nun im Frankfurter Museum für Kommunikation zu sehen ist.

Wir können nicht anders

Dicht aneinandergereiht und durchweg in schlichtes Holz gerahmt, finden sich die Werke dort so wieder, wie ihre Urheber gerade nicht sind oder zumindest nicht sein wollen: vereinheitlicht, ja gleichgemacht. Und tasächlich lassen viele der Botschaften bei aller Individualität doch ähnliche Tendenzen erkennen. Im Katalog hat Vaske mit Hilfe des renommierten Psychologen Jeffrey Zeig, dem Gründer und Präsidenten der Milton Erickson Foundation of Psychiatry in Phoenix, die Antworten in zehn Kategorien unterteilt - unter anderem Kreativität durch „Spiritualiät“, durch „Erbe/Eltern“ oder „Sexualität/Libido“.

Eine nicht unbeträchtliche Zahl der Befragten etwa ist sich darin einig, dass die Kreativität nicht etwas ist, was man erlangen kann, sondern was im Gegenteil von einem Besitz ergreift - ob man es nun möchte oder nicht. „We can't help it! Creativity is our Life“, schreiben Christo & Jeanne-Claude, „Because I have to be“ antwortet Nick Cave, „Because I don't have a choice in the matter“ Salman Rushdie, „Weil ich muß!“ (mit Ausrufezeichen) Günter Grass. „It's my task“, erklärt Jeanne Moreau: Kreativität als Berufung oder vielmehr Verpflichtung.

Der Ruf der Gene

Und wer ist Schuld daran? „My Mother“, weiß der Künstler und Regisseur Julian Schnabel. Sein Kollege Steven Spielberg pflichtet ihm bei: “I was born that way, because of my father and my mother.“ Ein origineller Kopf ganz anderer Art, der einstige Baulöwe und Spezialist für kreative Bilanzen Jürgen Schneider - in der Ausstellung als „Financial Expert“ vorgestellt - glaubt ebenfalls an die Vererbung: „Es ist der Ruf der Gene! Und viel Freude + Energie“. Der Werbefilmer Tony Kaye - der vermutlich gerade keinen Stift zur Hand hatte - schlitzte sich mit einem Messer das Gesicht auf und verteilte sein Blut auf dem Papier: eine vielseitig interpretierbare Antwort.

Dass Kreativität nicht angeboren ist, sondern durch frühe Prägungen erworben wird, glaubt ein zweites Lager. Der Werbemann Konstantin Jacoby zum Beispiel überreichte Vaske als Antwort eine zerfledderte Ausgabe des „Katholischen Katechismus“, angefertigt fürs Bistum Münster, das mit einem Zehn-Mark-Schein zu einer kleinen Collage verschmolzen ist: alles eine Frage des Glaubens also, ob nun an materielle oder an geistliche Werte. Auf religiösem Feld treffen sich bei Vaske auch zwei so unterschiedlliche Filmemacher wie Quentin Tarantino und Leni Riefenstahl: „Kreativität ist ein Geschenk Gottes“, versichert die dynamische 100-Jährige ebenso wie ihr amerikanischer Kollege: „It's a gift given to me by god“.

Ich mag das Leben

Da nimmt man es in Kauf, wenn einem andere Gaben abgehen: Der Werber Sebastian Turner antwortete Vaske mit seinem Schulzeugnis der 11. Klasse, das für Deutsch und Kunst die Note „sehr gut“, für Physik, Chemie und Mathe aber „mangelhaft“ ausweist. So einer kann ja nur ein Kreativer werden. Wobei Vaske aber auch ausgewiesene Naturwissenschaftler wie Stephen Hawking oder Craig Venter zu Wort kommen lässt. Mit Logik argumentiert auch der Beatles-Produzent George Martin, der der Reihe nach aufzählt, was er alles mag - Musik, Design, etc. -, um zu dem Schluss zu kommen: „Ich mag das Leben.“

Ich liebe, also bin ich: Diese Gleichung vollzieht nicht nur der Schriftsteller Christian Kracht („Because I'm in love“), sondern - auf anderer Ebene - auch der Volksmusiker Heino: „Meine Frau Hannelore“ ist für ihn der Grund seiner Kreativität. Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai hingegen nimmt lieber, statt zu geben: „Because I want to be loved“ schreibt sie über ihre Zeichung, die ein malträtiertes Herz zeigt, auf das mehrere Pfeile zielen. Normalerweise als negativ gewertete Gefühle wiederum treiben den Musiker John Cale („Because I'm angry“) und Schauspieler Karlheinz Böhm an: „Aus Wut.“

Takeshi Kitanos Kanone

Das Bildnis des Kreativen als einsamen Außenseiters bemühen Musiker Moby - der einen Comic-Marsianer zeichnet - und Filmregisseur Emir Kusturica; er bildet sich allein auf dem Gipfel eines der Berge seiner herzegovinischen Heimat ab. Andere suchen nicht nach Ursachen, sondern stellen eine besonders kreative Einzelleistung heraus: Zu ihnen zählt der Posträuber Ronnie Biggs, der ein Bildchen des Post-Waggons skizziert hat, den er vor vielen Jahren überfiel. Explizit sexuell fallen die Darstellungen Damien Hirsts oder des japanischen Multitalents Takeshi Kitano aus, der seine Kreativität mit den Worten begründet: „Because I have a big cannon.“ Wer die dazugehörige Zeichnung sehen möchte, der sei an die Ausstellung verwiesen.

Nur ein einziger hat Hermann Vaske bislang eine Antwort verweigert: der Werbemanager Charles Saatchi. Doch gibt es natürlich noch eine zweite Leerstelle in dieser Ausstellung: die Selbstbeschreibung des Projektleiters nämlich. Hermann Vaske aber äußert sich allenfalls neutral, wenn er die Kreativität als Kind einer „Ehe zwischen Spontaneität und Disziplin“ definiert. Die Frage „Why are you creative?“ will er sich selbst derzeit noch nicht stellen: Er befürchte, so Vaske, in diesem Falle seine Objektivität zu verlieren.

Die Ausstellung „Why are you creative?“ ist bis zum 24. November im Frankfurter Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, zu sehen.

Quelle: @jöt
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