13.11.2005 · Deutsche Medien deuten die soziale Revolte der Banlieues als Kampf der Kulturen und verschleiern damit deren politische Dimension. Gerade weil die Jugendlichen Franzosen sind, kapieren sie, was ihnen ohne Schulabschluß und mit ihrer Hautfarbe für ein Leben blüht.
Von Nils MinkmarDer "Spiegel" hat die Gefahr als erster erkannt: "Muslime in Frankreich haben sogar Gebetsräume im Disneyland bei Paris." Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Minnie Maus verschleiert auftreten und Dagobert einen Teil seines Vermögens der Hamas spenden muß.
Das Blatt illustrierte die Gefährdung dann auch mit einer sagenhaften Infographik, welche den Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung in europäischen Ländern zeigt - nicht der Islamisten, nicht der wegen irgendwelcher Vergehen verurteilten Muslime, nicht der Illegalen, sondern schlicht der Muslime, und zwar unter dem Titel: "Fremd im Land - Wunsch oder Behauptung?". Angesichts solcher Berichterstattung kann man sich allerdings fremd im eigenen, per Grundgesetz zur religiösen Toleranz verpflichteten Land fühlen, auch wenn man als Weißer in Saarbrücken geboren wurde.
Es geht um Symbolik
Muslime sind fremd, sie sind schwer zu verstehen, sie sind ein Problem. In all den Jahrzehnten jedoch, in denen das Problem der Banlieues langsam hochkochte, kam von dort nie eine ernste Infragestellung des Systems. Wie die Türken in der Bundesrepublik suchen die Nachfahren der arabischen und afrikanischen Immigranten ein friedliches Leben. Es ist kein leichtes Leben: enger die Wohnungen, kränker die Menschen, größer die Sorgen.
Hinzu kommt: Bei den Unruhen haben die Oberhäupter der muslimischen Gemeinden durchweg eine mäßigende Rolle gespielt - sofern die Polizei nicht versehentlich Tränengasgranaten in die Reihen der Betenden schoß. Die brandstiftenden Cliquen waren besonders jung - die Ausgangssperren wurden vielerorts für die Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen verhängt - und haben zu ihren frommen Eltern und deren Religion ein kompliziertes Verhältnis.
Protest auf durch und durch französische Art
Ihre Revolte hat auch nichts mit islamischem Fundamentalismus zu tun, dessen Terrorzellen immer bemüht sind, ihre Aktionen im stillen auszubrüten und dann im Herzen der Städte zuzuschlagen. Diese Form des Protests aber, welche die Medien anzieht und große Mengen von Polizisten bindet, ist eine durch und durch französische Art, Aufmerksamkeit zu erregen.
Man kann sich sogar fragen, warum es dort erst jetzt, nach Jahrzehnten der organisierten Ausgrenzung und unzähliger erfolgloser Warnungen, zu gewalttätigen Ausbrüchen großen Stils kommt, erst recht in einem Land, in dem Lkw-Fahrer oder Pfirsichbauern oder wildgewordene Roquefortzüchter immer pünktlich zu Ferienbeginn etwas abfackeln, abreißen oder zuschütten, um in die Abendnachrichten und wenig später in den Elyseepalast zu kommen.
Die politische Dimension wird verschleiert
Im Unterschied zu den deutschen Verhältnissen wirkt Feuerprotest in Frankreich durchaus, und zwar prompt: Auch diesmal hat es nicht lange gedauert, bis der Premierminister den Nachbarschafts-, Sport- und Freizeitvereinen, die sich um die vergessenen Söhne und Töchter der Republik kümmern, jene Millionen versprach, die zu Jahresbeginn gekürzt worden waren.
Die Rede von den islamischen Gettos, von den unüberbrückbaren kulturellen Differenzen, von Multikulti- und Parallelgesellschaft drängt das Thema in einen vagen, irgendwie kulturellen, ethnischen Zusammenhang und verschleiert seine politische Dimension. Muslime afrikanischer oder arabischer Herkunft sind Franzosen, die keine Chance auf die Realisierung ihrer verfassungsmäßig garantierten Grundrechte sehen, sie haben das schon bei ihren Eltern erlebt und auch für ihre Kinder keine Hoffnung auf Besserung.
Rechtsextreme Rhetorik schleicht sich in den politischen Mainstream
Während sie ökonomisch und von einem auf streng kanonisierte Höchstleistungen fixierten Schulsystem ausmanövriert wurden, versagte schließlich auch die Politik. Weder links noch rechts findet sich eine Partei, die sich in den Banlieues um Glaubwürdigkeit bemüht. Im Gegenteil: Die seit Jahrzehnten verbreitete rechtsextreme Rhetorik des Front National schleicht sich in den politischen Mainstream.
Die Linke hat sich in den Labyrinthen der symbolischen Politik und des kulturellen Toleranzdiskurses verloren, sich im Kopftuchstreit aufgerieben und streitet nun mit Innenminister Sarkozy darum, ob man Leute, die mit scharfer Munition auf Polizisten schießen oder Brandsätze in Nahverkehrsbusse schleudern, Verbrecher nennen darf. Dabei kann man nicht die Augen davor verschließen, daß sich in den Banlieues Mafiabanden etabliert haben, die ihre Nachbarschaft terrorisieren und denen die Polizei gar nicht erst beizukommen sucht. Ohne Mitarbeit aus dem Umfeld ist das auch kaum zu schaffen.
Wen interessiert ein friedliches Ausländerviertel?
Wie die Polizei hat auch die Politik ein Rekrutierungsproblem: Es gibt immer den einen Repräsentanten der Vorstädte im Vorstand der Parteien, aber das ist eine symbolische Rolle. Wen interessieren schon die Ausländerviertel, wenn es dort friedlich zugeht? Wenn ein Problem derart hartnäckig bleibt, muß man irgendwann fragen, ob sein Fortbestehen nicht größeren Nutzen bringt als seine Beseitigung.
Indem sich Europa eine Unterwelt von Zugewanderten, Illegalen, bloß geduldeten und generell suspekten Menschen hält, verfügt es über ein immenses Reservoir an armen Teufeln, die man je nach Bedarf für schwere Arbeit zu Niedrigstentlohnung heranziehen, ignorieren oder als Statisten in einer Drohkulisse nutzen kann. Der Drogenhandel, die Schwarzarbeit, die Prostitution, das ganze Spektrum unserer Schattenwirtschaft blüht nur durch das Geld der christlichen weißen Mehrheit.
Es gibt kein paralleles Europa
Die Bedingungen und die Folgen dieses Konsums kann man Parallelgesellschaft nennen, als sei da ein böser Zwilling, der sich eines Tages in Luft auflösen wird. Man kann sich trösten, daß die Ausgegrenzten eben fremd sind und bleiben wollen. Aber es gibt kein paralleles Europa. Gerade weil die Jugendlichen in den Banlieues Franzosen sind, kapieren sie, was ihnen ohne Schulabschluß und mit ihrer Hautfarbe für ein Leben blüht; gerade weil sie die Nachrichten verfolgen, fühlen sie sich von der Wortwahl des Innenministers gedemütigt. Sie suchen keinen Trost in Saudi-Arabien oder bei den Botschaften der Heimatländer ihrer Vorfahren, sie wollen selbst in die Medien, die sie kennen.
"Es fällt uns halt schwer, uns ordentlich auszudrücken", sagte ein betont bescheiden auftretender junger Mann in einem Fernsehbericht. Es ging um den Besuch von "SOS Rassisme" in seinem Wohnblock, der großen französischen Antirassismusvereinigung, deren Mitglieder als Mittler zwischen Staat und Banlieues wirken möchten. "Die Leute von ,SOS Rassisme' können besser mit den Politikern sprechen als wir, wir fluchen ja dauernd" - dazu lachten die Jungs, die um ihn herumstanden. Schließlich aber sagte er: "Ich möchte mich darum bei ,SOS Rassisme' bedanken." Und seine Jungs nickten artig. Verurteilen und Bedanken - die beiden Hauptinstrumente eines Politikers. Und genauso klang es auch. Das machte Hoffnung.
Vielen Dank
Ulrich Siebert (usie)
- 13.11.2005, 15:08 Uhr
frankreich den franzosen
christian rohloff (elvisthe)
- 13.11.2005, 15:32 Uhr
Gastarbeiter sind keine Bürger der Nation
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 13.11.2005, 21:36 Uhr