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Krawall in Chemnitz : „Es herrscht Angst, blanke Angst“

Angst vor weiterer Eskalation: Polizisten bei einer Kundgebung am Montag in Chemnitz Bild: dpa

Schutzlos ausgeliefert: Gibt es in Sachsen eine zu große Toleranz gegenüber rechtsextremer Gesinnung? Ein Gespräch mit Klaus Kowalke, dem Inhaber der Buchhandlung „Lessing und Kompanie“ in Chemnitz.

          Herr Kowalke, Sie sind Buchhändler in Chemnitz und haben für ein Kundin gerade ein Buch eingepackt.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jane Gardams neuen Roman „Weit weg von Verona“...

          ...was gerade jetzt wirklich sehr weit weg klingt. Man hat andere Bilder im Kopf, wenn man in diesen Tagen über Chemnitz spricht. In Ihrer Stadt ist gerade ein rechter Mob durch die Straßen gezogen.

          Was sich da gezeigt hat, ist das Ergebnis einer verfehlten Politik, die der rechtsextremen Gesinnung nicht von Anfang an klar ihre Grenzen aufgezeigt hat. Die Gesamtstimmung trifft ja auf ganz Sachsen zu; dass das jetzt in Chemnitz stattfindet, ist Zufall, es hätte genauso gut Leipzig oder Dresden sein können.

          Bleiben wir bei Chemnitz. Wie erleben Sie die Stimmung in der Stadt?

          Zu uns in die Buchhandlung kommen die unterschiedlichsten Leute, vom Professor bis zum Hartz-IV-Empfänger, von der alleinerziehenden Mutter bis zum Studenten. Was sie verbindet, ist die Liebe zur Literatur. Nach rechter Literatur wird nicht gefragt, wir verkaufen nicht einmal Sarrazin. Aber bei denen, die kommen, ist das Entsetzen im Moment groß.

          Wie drückt sich das aus?

          Kunden sagen mir, dass sie sich fremdschämen, und auch, dass sie überlegen, ob sie hier überhaupt noch leben wollen. Das wird ernsthaft so ausgesprochen! Stadträte, mit denen ich gesprochen habe, sagen, wie verzweifelt sie sind, weil sie seit Jahren versuchen, ein positives Bild von der Stadt aufzubauen, die es ja nicht ganz einfach hat, um dann so vor den Kopf gestoßen zu werden. Ähnlich geht es uns, denn mit der Buchhandlung versuchen wir, dagegen zu halten und Aufklärungsarbeit zu leisten, Bildungsarbeit, mit Lesungen zum Beispiel des Auschwitzüberlebenden Justin Sonder oder dem Abend eines Lyrikers aus Syrien. Das sind wichtige aufklärerische Veranstaltungen hier.

           Klaus Kowalke, dem Inhaber der Buchhandlung „Lessing und Kompanie“

          Sie verstehen Ihre Aufgabe als Buchhändler also als eine politische.

          Auf jeden Fall. Mit der Liebe zur Literatur sind wir 2008 angetreten und hatten anfangs eher die Schülerbildung im Blick. Sachsen leidet unter großem Lehrermangel, was sich in der fehlenden Leseförderung bemerkbar macht. Aber dann ist uns durch die Situation vor Ort der politische Bildungsauftrag immer stärker bewusst geworden.

          Warum? Weil es zu viel Toleranz gegenüber rechtem Gedankengut gibt?

          Ich denke schon. Wenn man jetzt die Leute hier sagen hört, sie seien keine Nazis, aber dann laufen sie bei Nazi-Aufmärschen mit, dann ist das in meinen Augen Augenwischerei, das ist Begriffsklauberei. Wer sich davon nicht distanziert, gehört für mich dazu. Wer demokratische Werte im Herzen trägt, sollte sich dazu bekennen. In der Mitte der Gesellschaft meint man ja fast so etwas wie einen nahtlosen Übergang zum rechten Gedankengut zu erkennen. Die AfD hatte in Chemnitz bei der vergangenen Bundestagswahl 24 Prozent der Stimmen. 76 Prozent haben hier demnach nicht AfD gewählt. Und diese Mehrheit existiert.

          Aber wie macht sie sich bemerkbar – nur mit Kopfschütteln in Ihrer Buchhandlung?

          Ja, das gehört dazu, weil sie ratlos sind, sprachlos. Natürlich, es werden Gegendemonstrationen organisiert, aber Sie sehen ja selbst anhand der Zahlen, dass da längst nicht so viele Leute mobilisiert werden können wie auf der anderen Seite.

          Warum nicht, wenn sie doch in der Mehrheit sind?

          Es herrscht Angst, blanke Angst. Und die ist begründet. Einige Kunden sagten mir, dass sie sich wegen der geringen Anzahl von Polizeikräften nicht mehr sicher fühlten, um sich offen zu positionieren. In ihrer Wahrnehmung hat der Schutz der Polizei bei den Gegendemonstrationen gefehlt. Wer will schon einem Mob von siebentausend Menschen gegenüberzutreten? Und der wiederum hat von der Duldungspolitik profitiert.

          Inwiefern?

          Wenn eine Band wie Kraftklub zum 1. Mai ein Anti-Nazi-Konzert in Chemnitz gibt, dann spricht unser Ministerpräsident Kretschmer von einer unmöglichen linken Band und verlässt die Veranstaltung. Er hätte auch sagen können, dass ihm die Musik nicht gefällt; aber zu verunglimpfen halte ich für gefährlich.

          Meinen Sie, dass rechter und linker Extremismus unterschiedlich behandelt werden?

          Auf jeden Fall. Bei Linksextremisten greift die Polizei oftmals viel härter durch. Da wird auch eingekesselt, da wird schneller kriminalisiert, und das oft zu Recht, ich bin wahrlich kein Vertreter des Linksextremismus. Aber bei Rechtsextremen wird der Hitlergruß gezeigt, da werden Feuerwerkskörper gezündet, und kein Polizist fühlt sich bemüßigt, direkt einzugreifen. Das haben wir in Dresden erlebt, und das erleben wir jetzt in Chemnitz wieder. Auch bei Pegida-Demonstrationen, bei denen es ja auch zu Straftatbeständen kommt, Sigmar Gabriel am Galgen etwa, wird nicht sofort eingegriffen, sondern erst viel später reagiert. Durch eine Form des Wegduckens wird vieles geduldet. Ermittelt wird erst, wenn Anzeigen vorliegen, und wie das dann am Ende ausgeht, erfährt man kaum je.

          Herr Kretschmer hat gestern noch in der „Bild“-Zeitung gesagt, die Polizei habe in Chemnitz einen „super Job gemacht“.

          Das ist der blanke Hohn.

          Die Aussage, dass die Polizei die Situation im Griff hatte, deckt sich also nicht mit Ihren Eindrücken vor Ort.

          Nein.

          Wer sind diese Leute, die in Chemnitz für Pogromstimmung sorgen?

          Die Radikalisierten kommen teilweise aus dem Fußballmilieu. Die haben seit 2006 Stadionverbot in Chemnitz. Die Organisation, die federführend zu den Demonstrationen aufruft, „Pro Chemnitz“, ist ein Bündnis verschiedener Parteigänger, die damit sicherlich auch auf ihre Wähler einwirken wollen. Ich denke, wie Leute hier in dieser Art und Weise auf die Straße gerufen wurden, um dann Hetzjagden zu veranstalten, da ist eine Mitverantwortung gegeben. Da müsste der Rechtsstaat eine klare Meinung verfolgen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass der Aufruf straffrei ausgeht.

          Aber die nächsten Demonstrationen sind schon angekündigt.

          Für Samstag wurde ein „Trauermarsch“ angemeldet, zu dem sich unter anderem Björn Höcke von der AfD in Thüringen angekündigt hat. Auch Gegendemonstrationen soll es geben – wie sich das alles entwickelt, ist im Moment nicht abzusehen. Und schon heute findet ein Gespräch mit Michael Kretschmer und unserer Bürgermeisterin Barbara Ludwig statt. Das ist eine Bürgersprechstunde, die schon vor Monaten verabredet wurde. So, wie es jetzt aussieht, soll auch dieser öffentliche Termin in welcher Form auch immer gestört werden.

          Haben die Verantwortlichen in Chemnitz den Ernst der Lage inzwischen erkannt?

          Das hoffe ich. Jetzt muss es darum gehen, Schaden von Chemnitz abzuwenden. Es geht nicht nur um den Imageschaden der Stadt, sondern um das Lebensgefühl der Chemnitzer, ihr Sicherheitsgefühl. Das darf sich nicht fortsetzen, sonst wird der öffentliche Raum den Rechten überlassen. Wir haben mit der TU Chemnitz hier eine sehr internationale Universität, im Maschinenbau genießt sie weltweites Ansehen. Das alles leidet, und der eine oder andere aus dem Ausland mag vielleicht gar nicht mehr nach Chemnitz kommen. Das ist doch verrückt, dass die Rechten, die Ordnung und Sicherheit fordern, Chaos und Angst verbreiten.

          Und Sie: Haben Sie Angst?

          Nein. Wir beziehen Stellung, aber wir haben keine Berührungsängste. Und wir haben auch keine Angst, unsere Meinung zu sagen. Und eines muss man vielleicht noch einmal klarstellen: Hier ziehen nicht tagtäglich marodierende Gruppen durch die Stadt. Und trotz der Größe der Menschenansammlung und der geringen Zahl an Polizeikräften ist es Gottseidank nicht zu Randalen gekommen, es gab keine zerschlagenen Geschäfte, keine Brände. Unerträglich und nicht zu akzeptieren ist die Hetzjagd, auf Ausländer, auf Linke, auf Journalisten. Das hat es gegeben, das hat System, und das darf nicht sein.

          Sie stammen ursprünglich aus dem Braunschweiger Land, als was fühlen Sie sich heute?

          Als Chemnitzer. Ich mag die Leute hier sehr, ich empfinde sie als authentischer. Man trägt hier nicht den Schein vor sich her. Man muss nicht etwas darstellen. Menschlich ist das sehr angenehm und vertraut. Deshalb erschreckt mich das auch so, diese ungeheure Wut, diese Unzufriedenheit.

          Anmerkung der Redaktion: Unser Interview war ursprünglich mit einem Bild der Agentur Associated Press versehen, das zeigt, wie Demonstranten In Chemnitz ein Transparent halten, auf dem das Wort „Terror!“ zu sehen ist. Dieses Bild zeigte nicht das gesamte Plakat. Auf diesem war geschrieben „Kein Zutritt für Terror!“ Wir haben das durch den Beschnitt irreführende Bild entfernt. (FAZ.NET)

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