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Krankenhaus-Hygiene Händewaschen nicht vergessen

25.08.2010 ·  Eine Krankenhausinfektion verlängert den Krankenhausaufenthalt, sofern sie nicht zum Tod führt. Mainz lehrt: Hygienemängel sind der verdrängte Skandal des Kliniksystems. Ganz im Stillen ist der Massenbetrieb mikrobiologisch fast schon aus dem Ruder gelaufen.

Von Joachim Müller-Jung
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„Es ist Zeit, das Buch der Infektionskrankheiten zu schließen.“ Vor gut fünfzig Jahren hat ein hoher amerikanischer Gesundheitsbeamter diesen Satz gesagt, und dass dieser gewählte Ausdruck von Hochmut sich bis heute - ironisierend oder tiefernst - in medizinischen Büchern und Vorträgen immer wieder findet, ist ebenso wie der Infusionsskandal auf der Mainzer Frühchen-Intensivstation ein Hinweis für einen der gefährlichsten Komplexe von Augenwischerei und Selbstbetrug in der Medizin schlechthin.

Die Kliniken selbst sind zu Todesfallen geworden. „Nosokomiale Infektionen“, hinter diesem Begriff verbirgt sich ein medizinisches Problem, das in seinen Dimensionen bisher weder von den Klinikärzten und Pflegern, und erst recht nicht von den Patienten und der Politik wahrgenommen worden ist. Bis jetzt, muss man hinzufügen. Denn nun plötzlich bewegen sich die Gesundheitspolitiker in Berlin, geloben entrüstet neue Gesetzesvorstöße und verspüren nach dem womöglich vermeidbaren Tod von Säuglingen ein dringendes Bedürfnis, Volkes Seele eine Überdosis Balsam zu verabreichen. So, als wäre mit einem gesundheitspolitischen Machtwort das Problem aus der Welt zu schaffen.

Eine halbe Minute, mehrfach täglich

Das ist es aber offenkundig nicht. Die Ausbreitung von gefährlichen Keimen insbesondere in den Kliniken ist etwa so alt wie die Hybris des Gesundheitsbeamten aus Washington. Vor allem aber hat sie sich in den vergangenen Jahren stark beschleunigt. Wir und mit uns oft genug auch das medizinische Personal wollen das natürlich kaum glauben. Wir erleben, wie die Kliniken vollgestopft werden mit moderner Technik und pharmakologischem Knowhow, wir hören von den chirurgischen Künsten, und wir sehen die Wundern der Lebenserhaltung auf den Intensivstationen - was wir nicht hören oder sehen: Ganz im Stillen ist der Massenbetrieb mikrobiologisch fast schon aus dem Ruder gelaufen.

Die Kliniken weltweit, auch die besten, werden von multiresistenten und mit den schärfsten Waffen kaum noch zu bekämpfenden Keimen geentert, wenn sie nicht systematisch und konsequent einen Schutzwall aufbauen. Einige tun das, manche bauen neuerdings regionale Netze auf, sogar grenzüberschreitende so wie etwa das Münsterland zum Musterland Holland. Aber die meisten scheuen die Kosten. Und allzu viele wollen sich mit Hygiene, und darum geht es eigentlich, gar nicht lange beschäftigen. Eine halbe Minute konsequentes Händewaschen mit Desinfektionsmittel, mehrfach täglich, ist vielen Ärzten und Pflegern immer noch zu viel.

Traurige Hygienebilanz

Es gibt Krankenhäuser, an denen nur ein Viertel bis die Hälfte des Personals die gewöhnlichsten Hygienevorschriften beachten. „Im Küchen- und Lebensmittelbereich sind teilweise höhere hygienische Standards vorhanden als in deutschen OPs“, so drastisch formuliert das einer der führenden deutschen Krankenhaushygieniker, der Berliner Arzt Klaus-Dieter Zastrow. Der Vergleich macht vor allem eines deutlich: die tiefe Kluft zwischen medizinischem Anspruch und hygienischer Wirklichkeit. Kein Land der Welt hält so viele Betten auf Intensivstationen, Großbritannien etwa leistet sich nur ein Siebtel der deutschen Kapazitäten, Italien gerade einmal ein Sechstel. Gleichzeitig wächst der Arbeits- und Spardruck in den Krankenhäusern ständig. Kaum irgendwo kommt so wenig Fachpersonal auf so viele Fälle. Jedes Jahr sind es siebzehn bis achtzehn Millionen Menschen, die stationär behandelt werden, und mehr als 13 Millionen Operationen. Traurige Hygienebilanz: Eine halbe Million Menschen infizieren sich in der Klinik, ein paar tausend vermeidbarer Todesfälle.

Und noch eine Zahl hört man von Klinikern, wenn sie ihr Ausgeliefertsein zu beziffern versuchen: Im Schnitt ein bis zwei Patienten pro hundert Einweisungen schleppen die gefährlichsten, vielfach resistenten Keime in die Krankenzimmer ein, sei es nach Wiederaufnahmen, weil sie in ein anderes Krankenhaus verlegt werden oder weil sie sich die Keime in anderen Praxen geholt haben. Es gibt Hunderte Schnittstellen in den Kliniken, an denen die Erreger sich ausbreiten.

Gewinner einer historischen Seuchenjagd?

Schon vor Jahren haben, ungehört außerhalb der Kongresssäle, Infektiologen vor „Superkeimen“ und „Superspreadern“ gewarnt, die sich längst in den „Kommunen“ außerhalb der Kliniken verbreiten und diese vorzugsweise infiltrieren, weil sich in den Spitälern die schwächsten und anfälligsten Mitglieder der Gesellschaft sammeln. Wenn von einer „Epidemie“ der multiresistenten Keime die Rede war, hat man auch in den Krankenhausleitungen gerne so getan, als wäre das ein sporadisches Phänomen irgendwo draußen - lange auch, so wettern die Hygieniker bis zum heutigen Tag, weil jede Krankenhausinfektion die Liegezeit verlängert und die Einnahmen vergrößert hat.

Mit der radikalen Ökonomisierung ist wenigstens dieser Anreiz weg. Doch Lücken und Fehlerquellen bleiben. Keiner will uns garantieren, dass die niederschmetternde und teils abenteuerliche Schluderei im Klinikalltag ein Ende nimmt. Stattdessen sind die Ärztezeitungen voll mahnender und warnender Stimmen. Hat man uns nicht immer in dem Glauben gelassen, wir seien die Gewinner einer historischen Seuchenjagd, die Nutznießer einer grandiosen medizinischen Epoche? Statt dessen führen uns tote Mainzer Frühchen vor Augen, dass sich die Fronten nur wieder verlagert haben.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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