29.12.2006 · Weltmeister Wladimir Kramnik hatte im Duell mit dem Schachcomputer Deep Fritz nicht nachgedacht und machte den Patzer des Jahres.
Denken hat etwas von Wünschen. Es kann schiefgehen und zwar prinzipiellerweise. Denn was nicht schiefgehen kann, ist überhaupt nicht gedacht worden. Gedanken, so der große amerikanische Philosoph Donald Davidson, hat nämlich nur, wer versteht, daß sie auch falsch sein könnten, Begriffe nur, wer die Unterscheidung kennt zwischen dem, was wir denken, und dem, was wirklich der Fall ist.
In diesem Sinne hatte Wladimir Kramnik, der Schachweltmeister, nicht nachgedacht, als er in seiner zweiten Partie gegen die Schachmaschine Deep Fritz den Patzer des Jahres 2006 machte. Tatsächlich hatte er vielmehr, eigenem Bekunden nach, schon sechs Züge vorher, als er seine Dame nach a7 zog, alles ausgerechnet und jetzt, vor dem 34. Zug, das Abspiel nicht mehr überprüft. Mit anderen Worten: Er, Kramnik, als dessen Stärke nicht das Rechnen, sondern das Gefühl für minimale Stellungsdifferenzen gilt, zog einerseits mechanisch, andererseits euphorisch die schwarze Dame nach e3, anstatt nach Menschenart mißtrauisch zu werden, daß ihm die Maschine - angeblich das stärkste Schachprogramm der Welt, aber auch das ist falsch - eine einfache Zugfolge zum Gewinn sollte ermöglicht haben.
Der Weltmeisterbesieger läßt sich matt setzen
Zufrieden über das, was er besser als undenkbar hätte einschätzen sollen, war er schon auf dem Weg in den Ruheraum, als ihn der Anfang vom Ende seines Kampfes gegen den Rechner ereilte. In den Worten des Präzeptors der hypermodernen Eröffnungsschule im Schach: „Die Fehler sind alle da, sie müssen nur noch gemacht werden.“ (Dr. Savielly Grigoriewitsch Tartakower) Über diesen Fehler hier, ein einzügiges Matt zu übersehen, ist danach viel mit den Augen gerollt worden. Einem Computer, haben fast alle gesagt, wäre so ein Fehler nie und nimmer passiert. Wieder falsch gedacht.
Auch Fritz, der Weltmeisterbesieger, läßt sich einzügig matt setzen. Wer wissen will, wie, lese es unter www.xs4all.nl/~timkr/chess2/diary.htm auf der Internetseite des holländischen Romanautors Tim Krabbé nach. Auch dieser Programmierfehler bestätigt übrigens, wie Kramniks Patzer, eine durchaus menschliche Erfahrung: Die Wirkung zunächst entfernt stehender Damen wird einfach systematisch unterschätzt. Denken hat eben ziemlich viel von Wünschen.