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Kraftwerk im Karlsruher ZKM : Mehr Mensch als Maschine

  • -Aktualisiert am

Maschinenmusik für alle Sinne: Kraftwerk im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie Bild: dpa

Auch Roboter wippen gerne mit den Füßen: „Kraftwerk“ gratulieren zum 25. Geburtstag des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie.

          Wir sind weiter als der neueste Stand. Wir sind Pioniere.“ Peter Weibel, Direktor des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie), ist bis heute selbstbewusst geblieben. Unbekanntes zu zeigen oder künstlerische Positionen neu zu entdecken, das ist seit ihrer Gründung 1989 das Credo der Karlsruher Kulturfabrik für das digitale Zeitalter. Wie aber passt zu diesem Anspruch der Auftritt einer Band, die vor vierundvierzig Jahren in Düsseldorf gegründet wurde?

          Das war eine der spannenden Fragen, die das Publikum beim ersten von drei seit Monaten ausverkauften Kraftwerk-Konzerten anlässlich des 25-jährigen ZKM-Jubiläums bewegte. Schon im September 1997, als das Zentrum seine endgültigen Räume in einer ehemaligen Munitionsfabrik bezog, hatte das Quartett die Leitmelodie für die künftige Arbeit des avancierten Medienmuseums geliefert. „Wir spielen die Maschinen, die Maschinen spielen uns.“ Ihre reinen Melodien gehorchten von Anfang an einem Ordnungssinn, der im Umfeld des Mechanischen, Kybernetischen, Künstlichen, des Cyborg wirksam ist. Kraftwerk-Musik klingt bewusst anorganisch, von einer kühlen Perfektion durchdrungen.

          Vorhersage von Big Data und Überwachungswahn

          Fernsehschirme türmen sich zu einem kleinen Medien-Gebirge auf: zweiundfünfzig Monitore zeigen Szenen aus fünfundzwanzig Jahren ZKM. Es ist eine bezwingende Kulisse für den Festakt der Geburtstagsfeier. Zu der hatte auch der Physik-Nobelpreisträger Adam G. Riess eine Videobotschaft geschickt: „Wie sieht die Zukunft des Universums aus, wie lange hat das ZKM noch Zeit, seine seltsame Deutung der Welt unter die Leute zu bringen?“ Mindestens 33 Millionen Jahre sollten es schon noch sein. Riess erklärte, dass er seine Erkenntnisse über die beschleunige Ausbreitung des Universums durch „dunkle Energie“ mit Hilfe des riesigen Hubble-Weltraumteleskops gewonnen habe, durch das man im Universum heute Dinge sehen kann, die in der Vergangenheit stattgefunden haben.

          Der Kraftwerk-Auftritt stellte dann eine überraschende Verbindung zu diesen Überlegungen her. Denn die Gruppe entdeckt seit Jahren eine Vergangenheit neu, die von überschwänglichen Zukunftserwartungen getragen wurde, und destilliert daraus eine ernüchternde Gegenwart. Ralf Hütter, einziges Originalmitglied der Gründungsformation, ist überzeugt, dass die Zukunft heute zunehmend länger braucht, bis sie in der Gegenwart ankommt. Dafür klingen viele ihrer alten Songs heute verblüffend visionär: So, wie „Radioaktivität“ zur düsteren Hommage an Tschernobyl und Fukushima geworden ist, wirkt „Computerwelt“ noch immer wie ein Weckruf in unserer post-Snowden-Facebook-Twitter-Instagram-gesättigten Welt.

          Die Mensch-Maschine in Aktion
          Die Mensch-Maschine in Aktion : Bild: dpa

          Kraftwerk huldigten schon früh der emotionslosen und allgegenwärtigen Perfektion von Computern: „Nummern, Zahlen, Handel, Leute“ - diese Reihung in ihrem Song „Computerwelt“ von 1981 ist die verknappte Vorhersage von Big Data und Überwachungswahn. Und präziser als in „Computerliebe“ lassen sich auch heute die Beweggründe für den Erfolg der Dating-Portale im Internet nicht umschreiben.

          Die Sprache der Maschinen

          Mit verzerrter Robovox-Stimme verkündet Hütter zum Konzertbeginn sein altes Motto „Wir sind die Roboter“. Doch alle Skepsis, es könne sich hier um eine nostalgische Geste handeln - an die Anfänge von Kraftwerk und ZKM gleichermaßen - wird schlagartig durch die knallende Schärfe und Intensität des Gruppensounds beseitigt. Dazu kommt seit vier Jahren ein Visualisierungskonzept, das in der aktuellen Popszene seinesgleichen sucht.

          Ihre 3D-Projektionen wirken körperlich nah und in ihren Konturen unglaublich scharf. Man wird unmittelbar ins Hier und Jetzt befördert. Da wehen in „Musique Non Stop“ Wolken aus Noten heran und scheinen den Besucher zu umarmen. In „Nummern“ fliegen Zahlen durch den Raum, stürzen sich auf den Hörer, verbinden sich bald zu Datenlandschaften von irisierender Schönheit. Auch die Architektur des Konzertraums, ein Lichthof mit fast kubistisch anmutenden Stahlkonstruktionen, könnte in seiner abstrakten Präsenz geradewegs Bestandteil der 3D-Präsentationen sein.

          In Zeiten von Big Data und Google gewinnen die Songs von Kraftwerk ungeahnte Aktualität.
          In Zeiten von Big Data und Google gewinnen die Songs von Kraftwerk ungeahnte Aktualität. : Bild: dpa

          Die Organe hören mit: Pulsierende Sensurround-Sounds bringen nicht nur die Hosenbeine zum Flattern, sondern den Körper zum Vibrieren. Im Zusammenspiel mit dem dunklen Raum, der nur durch die hautnah erlebbaren 3D-Projektionen erhellt wird, gerät der Hörer unweigerlich in eine Art hellwacher Trance. Es ist Performance-Kunst im besten Sinne. Selbst bei voller Lautstärke bewahrt sich diese maschinelle Musik eine gewisse Zärtlichkeit, ja Naivität. Gerade weil Kraftwerk die Sprachen der Maschinen spricht, rührt es an unser Innerstes, an unsere Verletzlichkeit und unsere Stärken zugleich.

          Songcollagen zwischen Altem und Neuem

          Dabei ist Melancholie im aktuellen Kraftwerk-Konzept durchaus ein Thema: „Das Model“ ist jetzt eine Diva aus den Fünfzigern, die in den gezierten Posen ihrer Zeit durch eine Modenschau stöckelt. Ein körniger Schwarz-Weiß-Film soll dennoch Kostbarkeit und Exklusivität der Mode suggerieren. Im Song „Neonlicht“ wehen Leuchtreklamen aus den Zeiten des Wirtschaftswunders heran, Signale der Prosperität.

          Doch heimelig ist im Karlsruher Kraftwerk-Konzert nichts: „Radioaktivität“, ursprünglich eine Hommage an die Radiokultur, wird seit 1991 als wütendes Manifest gegen die Kernkraft genutzt: „Stop radioactivity, it’s in the air for you and me.“ Wie in einen Tunnel des Verderbens wird der Zuschauer durch die Sogkraft der 3D-Visualisierung in den Song hineingezogen. Die Kraftwerk-Erkennungsmelodie „Autobahn“ entpuppt sich als raffinierte Collage aus der langen Urversion von 1974 und der komprimierten Fassung aus dem „Mix“ siebzehn Jahre später.

          Wie hier der Zuschauer im Innenraum einer Mercedes-Limousine über ein sauberes, graues Band inmitten sonnendurchfluteter Landschaften gleitet - der Technik-Horizont noch weit und offen - das ist in seiner Wehmut anrührend und erhellend. Die aufgeklappten Laptops früherer Konzerte sind auf der Bühne sanft glühenden Konsolen gewichen.

          In jeder Hinsicht zukunftsweisend

          Das Auftreten der vier Musiker in identischen Bodysuits - den reflektierenden Anzügen aus den „Tron“-Filmen nicht unähnlich - lässt sie zwischen anonymen Geschäftsleuten und Androiden changieren.

          Ralf Hütter, Vordenker und Vorsitzender der elektronischen Tanzkapelle, steuert seine Sprechgesänge in Echtzeit bei, während Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen als monomanische Kling-Klang-Arbeiter agieren. Das Kraftwerk-Wunder von Karlsruhe bestand darin, dass Hütter jetzt dem Jedermann näher kam als dem Übermenschen: hier eine kleine Geste, ein verständigender Blick, dort ein wissendes Lächeln und ein angedeuteter Hüftschwung.

          Der „human factor“ scheint die „kalte“, von allen Emotionen befreite Technikbegeisterung von Kraftwerk langsam einzuholen. Auch in dieser Hinsicht bleiben sie zukunftsweisend. In Karlsruhe war die „Mensch-Maschine“ jedenfalls mehr Mensch als Maschine.

          Quelle: F.A.Z.

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