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Kraftstoffverbrauch : Vier Rohre für ein Halleluja

Da geht ganz schön was durch, leider nicht nur heiße Luft. Bild: AFP

Unsere Autos verbrauchen viel mehr Sprit als gedacht. Und wir empören uns über die Industrie, obwohl wir es besser wissen müssten. Wann kommt das Drei-Liter-Auto?

          Wird eigentlich noch falsches Quartett gespielt? Früher pflegten zumindest die Jungs es dergestalt umzufunktionieren, dass das Ziel nicht etwa vier zusammengehörige Karten waren, sondern die darauf mit allen technischen Details abgebildeten Autos, Motorräder oder Lastwagen gewissermaßen gegeneinander ins Rennen geschickt wurden: Der eine rief etwa die PS-Zahl seines Fahrzeugs auf, der andere hielt dagegen; der Spieler mit der höheren Zahl kassierte beide Karten ein, wer am Ende die meisten hatte, hatte gewonnen. Je mehr, desto besser: Das war die Logik. Außer um PS ging es um den Hubraum, die Zylinder-Zahl, das Gewicht und natürlich um die Höchstgeschwindigkeit sowie die Beschleunigung von null auf hundert. Vom Verbrauch war nie die Rede. Denn von Ressourcenknappheit, überhaupt von Ökologie, hatte man als Kind keinen Begriff. Man freute sich nur über die wenigen autofreien Sonntage und konnte sich einfach auf die Straße legen, ohne dass etwas passierte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Die Unverhohlenheit, mit der damals die Leistungsdaten erörtert wurden, hatte ohne Zweifel etwas Kraftmeiernd-Halbstarkes, wohl wirklich typisch Männliches. Aber das ist, wie ein schädlicher Rückstand, inzwischen entsorgt. Die Leistung eines Fahrzeugs wird stillschweigend vorausgesetzt, nur verschämt verständigt man sich noch über sie. Selbst in den üppigsten Autoanzeigen gibt es weder zu Höchstgeschwindigkeit und Hubraum noch zu PS- und Zylinder-Zahl Angaben; dafür aber, sehr detailliert, zum allgemeinen Verbrauch und zum spezifischen Schadstoffausstoß, vor allem von Kohlendixoid.

          Umweltschutz durch Autokauf

          Und hier gilt natürlich, was auch damals schon richtig gewesen wäre: je weniger, desto besser. Einst spielte der Verbrauch nur insofern eine Rolle, als er zu Lasten des Geldbeutels ging. Dass sich die Attraktivität eines Statussymbols, welches das Auto zweifellos immer noch ist, heute daraus ergeben soll, was es vermeidet, ist bemerkenswert. Die Diskretion, mit der das eigentlich Mitteilenswerte unterschlagen wird, kommt einem fast wie Heuchelei vor. Als hätte eine Fahrleistung, die im Laufe der Jahrzehnte bestimmt nicht weniger geworden ist, mit diesen Daten gar nichts mehr zu tun.

          So ist selbst aus der Autoanschaffung ein Beitrag für eine saubere Umwelt geworden, ein politisch korrekter Akt. Das Problem ist nur, dass die Zahlen nie richtig waren. Um das zu wissen, bedurfte es der gestern bekanntgewordenen Untersuchung gar nicht, laut der im Durchschnitt der tatsächliche Benzinverbrauch eines Autos um 42 Prozent, bei den ganz großen sogar um fünfzig Prozent höher liegt als vom Hersteller angegeben. Wer regelmäßig ein Auto kauft oder die wöchentlichen Fahrtberichte in der Beilage „Technik und Motor“ dieser Zeitung studiert, weiß das seit langem. Autos fressen Sprit, besonders, wenn sie, wie heute fast die Regel, mehrere hundert PS haben – wer hätte das gedacht? Wenn man das für einen Skandal hält, dann muss man Verbrennungsmotoren ganz verbieten oder zumindest in dieser Zahl – in Deutschland hat ungefähr jeder Zweite einen Pkw, Kinder, Sieche und Greise mitgerechnet – nicht mehr erlauben. Dazu wird es so bald nicht kommen.

          Dort, wo Ofenrohre prangen

          Die bisher getroffenen Maßnahmen, von steuerlichen Vergünstigungen bis hin zu Innenstadtsperren, wirken halbherzig und alibihaft. Alles andere würde ja auch das System gefährden, dessen eine Säule nun einmal die Automobilindustrie ist. Die pharisäerhafte Koalition aus Autoherstellern, die so tun, als täte man mit ihren über einen vernünftigen Bedarf weit hinaus produzierten Modellen der Umwelt und den Mitmenschen etwas Gutes, statt endlich das angeblich längst mögliche Drei-Liter-Auto anzubieten, und aus Kunden, die mit ihren lieferwagengroßen Limousinen noch durch die engsten Altstadtgassen hindurchmüssen und sich mit frisierten Verbrauchszahlen ihr Gewissen beruhigen lassen, sollte langsam auffliegen.

          Vor einem Jahr, als die VW-Abgasschummelei ans Licht kam, wurde so getan, als verbrauchten alle anderen Marken gar kein Benzin. Natürlich hatte sich der Konzern betrügerisch verhalten, und die Untersuchungen, aus denen hervorging, dass selbst kleine VWs zum Teil das Zwei- oder Dreifache eines Lastwagenausstoßes haben, sprachen für sich; man muss deswegen auch kein Mitleid mit der Firma haben. Der eigentliche Skandal war jedoch die allgemeine Aufregung selbst, die natürlich sofort ins Moralische kippte. Sie wirkt, wie jetzt das neuerliche Erstaunen über die 42 Prozent „mehr“, angesichts des Erscheinungsbildes, das Autos inzwischen von hinten bieten, einfach nur lächerlich: Dort, wo früher ein dezentes Röhrchen namens Auspuff seinen Dienst verrichtete, prangen heute veritable Ofenrohre, im Regelfall zwei, bei den ganz großen Angeberautos oft schon vier. Was soll mit dieser Aufmotzung anderes signalisiert werden als: Da geht ganz schön was durch, und zwar nicht nur heiße Luft? Von der Kleine-Jungs-Mentalität, die sich im Quartettspiel wenigstens noch ehrlich äußerte, scheint also doch noch etwas geblieben zu sein.

          Quelle: F.A.Z.

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