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Gendersprache-Kommentar : Die Sprachwäsche

Politisch korrekt eingeladen oder nicht? Elke Büdenbender, Ehefrau von Bundespräsident Steinmeier, lädt zum Neujahrsempfang. Bild: dpa

Gendersternchen ändern nichts an den Verhältnissen. Doch auf diese Weise entsteht ein neuer Kanzleistil, der den Kontakt zur Wirklichkeit verliert.

          Kurz nach Neujahr häufen sich die Einladungen zu Empfängen. Wer immer in seinem Wohnzimmer Platz für ein Buffet hat, bestellt Häppchen und Musik und lädt die Presse als Zaungast dazu. Die oberste aller Okkasionen findet natürlich im Bundespräsidialamt statt; dort steigt am Freitag der Neujahrsempfang „von Elke Büdenbender für die Partnerinnen und Partner der in Deutschland akkreditierten Diplomatinnen und Diplomaten sowie für die Vertreterinnen und Vertreter der von Frau Büdenbender unterstützten Organisationinnen und Organisationen“, wie es in der entsprechenden Mitteilung heißt.

          Moment mal: Haben wir das gerade tatsächlich gelesen? Nein, es war natürlich ein Versehen: „Organisationen und Institutionen“ steht da. Aber wenn die geschlechtergerechte Pluralbildung erst einmal richtig in Fahrt ist, walzt sie halt auch die allerneutralsten Substantive platt. Aber ist „Partnerinnen und Partner“ überhaupt politisch korrekt? Schließlich gibt es zwischen ihr und ihm noch viele gendermäßige Abstufungen: Lesbian, Gay, Bi, Trans und Queer, kurz LGBTQ, wie die Experten sagen.

          Korrekte Sprache verändert nicht die Realität

          Vielleicht sollte sich die sympathische Gattin des Bundespräsidenten bei ihren Einladungen an die Praxis des Berliner Senats halten, der in offiziellen Schriftstücken das Gender-Sternchen zur Norm deklariert hat – weshalb in der Berlin-Ausstellung im künftigen Humboldtforum laut Programmankündigung beispielsweise zu sehen sein wird, wie „in Ost-Berlin die Arbeiter*innen gegen das DDR-Regime protestierten“ oder „alliierte Soldat*innen im geteilten Berlin Radiosender in ihrer Muttersprache hörten“. Ach, die Sprache, die Mutter! Es geht ihr wie vielen Errungenschaften der Zivilisation in unserer digitalen Spätantike: Sie wird mit den allerbesten Absichten verhunzt und byzantinisiert.

          Im alten Konstantinopel gab es in der Blütezeit der vormodernen Bürokratie den exklusiven Posten des Nipsistiarios, des Eunuchen, der dem Kaiser vor dessen Ausflügen aus dem Palast das goldene Becken zur rituellen Handwäsche reichen durfte. Etwas Ähnliches leistet der neue Kanzleistil unserer politischen Repräsentanten: Er wäscht die Hände der Macht in Unschuld, bevor sie mit der Realität in Berührung kommen. Dass sich deshalb in der Welt da draußen kein Quentchen ändert, dass kein Trump zum Frauenversteher, kein Orbán zum Migrantenfreund und kein Arbeiteraufstand nachträglich zum Arbeiterinnenaufstand wird, steht auf einem anderen Blatt. Den Sprachreinigern ist egal, was wirklich ist und war; ihnen geht es nur um die Fassade, die Maske der Emanzipation, die den Wörtern übergestülpt wird.

          Auf den ersten Blick ist der Schaden, der dabei angerichtet wird, gering; Bürokraten haben schon immer ihren eigenen Dialekt gesprochen. Aber auf die Dauer geht bei diesen rituellen Sprachwaschungen der Kontakt zwischen den Wörtern und dem, was sie bezeichnen, verloren. Die Welt wird schrittweise unlesbar, und wir gewöhnen uns daran, Jahr für Jahr.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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