http://www.faz.net/-gqz-95pg3

Gendersprache-Kommentar : Die Sprachwäsche

Politisch korrekt eingeladen oder nicht? Elke Büdenbender, Ehefrau von Bundespräsident Steinmeier, lädt zum Neujahrsempfang. Bild: dpa

Gendersternchen ändern nichts an den Verhältnissen. Doch auf diese Weise entsteht ein neuer Kanzleistil, der den Kontakt zur Wirklichkeit verliert.

          Kurz nach Neujahr häufen sich die Einladungen zu Empfängen. Wer immer in seinem Wohnzimmer Platz für ein Buffet hat, bestellt Häppchen und Musik und lädt die Presse als Zaungast dazu. Die oberste aller Okkasionen findet natürlich im Bundespräsidialamt statt; dort steigt am Freitag der Neujahrsempfang „von Elke Büdenbender für die Partnerinnen und Partner der in Deutschland akkreditierten Diplomatinnen und Diplomaten sowie für die Vertreterinnen und Vertreter der von Frau Büdenbender unterstützten Organisationinnen und Organisationen“, wie es in der entsprechenden Mitteilung heißt.

          Moment mal: Haben wir das gerade tatsächlich gelesen? Nein, es war natürlich ein Versehen: „Organisationen und Institutionen“ steht da. Aber wenn die geschlechtergerechte Pluralbildung erst einmal richtig in Fahrt ist, walzt sie halt auch die allerneutralsten Substantive platt. Aber ist „Partnerinnen und Partner“ überhaupt politisch korrekt? Schließlich gibt es zwischen ihr und ihm noch viele gendermäßige Abstufungen: Lesbian, Gay, Bi, Trans und Queer, kurz LGBTQ, wie die Experten sagen.

          Korrekte Sprache verändert nicht die Realität

          Vielleicht sollte sich die sympathische Gattin des Bundespräsidenten bei ihren Einladungen an die Praxis des Berliner Senats halten, der in offiziellen Schriftstücken das Gender-Sternchen zur Norm deklariert hat – weshalb in der Berlin-Ausstellung im künftigen Humboldtforum laut Programmankündigung beispielsweise zu sehen sein wird, wie „in Ost-Berlin die Arbeiter*innen gegen das DDR-Regime protestierten“ oder „alliierte Soldat*innen im geteilten Berlin Radiosender in ihrer Muttersprache hörten“. Ach, die Sprache, die Mutter! Es geht ihr wie vielen Errungenschaften der Zivilisation in unserer digitalen Spätantike: Sie wird mit den allerbesten Absichten verhunzt und byzantinisiert.

          Im alten Konstantinopel gab es in der Blütezeit der vormodernen Bürokratie den exklusiven Posten des Nipsistiarios, des Eunuchen, der dem Kaiser vor dessen Ausflügen aus dem Palast das goldene Becken zur rituellen Handwäsche reichen durfte. Etwas Ähnliches leistet der neue Kanzleistil unserer politischen Repräsentanten: Er wäscht die Hände der Macht in Unschuld, bevor sie mit der Realität in Berührung kommen. Dass sich deshalb in der Welt da draußen kein Quentchen ändert, dass kein Trump zum Frauenversteher, kein Orbán zum Migrantenfreund und kein Arbeiteraufstand nachträglich zum Arbeiterinnenaufstand wird, steht auf einem anderen Blatt. Den Sprachreinigern ist egal, was wirklich ist und war; ihnen geht es nur um die Fassade, die Maske der Emanzipation, die den Wörtern übergestülpt wird.

          Auf den ersten Blick ist der Schaden, der dabei angerichtet wird, gering; Bürokraten haben schon immer ihren eigenen Dialekt gesprochen. Aber auf die Dauer geht bei diesen rituellen Sprachwaschungen der Kontakt zwischen den Wörtern und dem, was sie bezeichnen, verloren. Die Welt wird schrittweise unlesbar, und wir gewöhnen uns daran, Jahr für Jahr.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Das Internet der Pilze

          Romane und Trüffel : Das Internet der Pilze

          Stefanie de Velasco geht auf Trüffelsuche. Mit ihrem Hund. Weil es sie ans Schreiben erinnert. Und die apokalyptischen Teile ihres Schriftstellerinnenhirns animiert. Ein Gastbeitrag.

          Die Musik spielt in den Wagenhallen

          Stuttgarter Oper zieht um : Die Musik spielt in den Wagenhallen

          Die Stuttgarter Oper muss saniert werden. Der Spielbetrieb soll weitergehen. Wo, das war lange nicht klar. Oberbürgermeister Fritz Kuhn hat Pläne vorgestellt, die nicht allen gefallen. Der neue Standort liegt etwas außerhalb.

          Nachbarin will Schwarzen nicht in seine eigene Wohnung lassen Video-Seite öffnen

          Mietshaus in St. Louis : Nachbarin will Schwarzen nicht in seine eigene Wohnung lassen

          Dieser Vorfall erregt die Gemüter in Amerika: Ein schwarzer Mann möchte in seine Wohnung in einem Mietshaus in St. Louis. Eine ängstliche Bewohnerin traut ihm nicht, will ihn am Betreten des Hauses hindern. Der Bewohner filmt die Szene und postet sie auf Facebook. Bitteres Ende für die Frau: Wegen des Vorfalls hat sie offenbar ihren Job verloren.

          Topmeldungen

          Eine Verlängerung der Übergangsperiode würde beiden Seiten auch mehr Zeit verschaffen, eine Lösung für das Irland-Problem zu finden - unser Bild zeigt die Grenze zwischen Irland und Nordirland.

          F.A.Z. exklusiv : EU bietet Briten längere Übergangsphase an

          Angesichts der schwierigen Brexit-Verhandlungen hat die EU-Kommission ihre harte Position geändert und eine Verlängerung der Übergangsperiode ins Spiel gebracht. Damit könnte Großbritannien länger als bisher vorgesehen in Binnenmarkt und Zollunion der EU bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.