09.03.2004 · In seinem neuen Buch schreibt Samuel Huntington, daß die Masseneinwanderung von Hispanos die nationale Einheit der Vereinigten Staaten bedrohe. Und bringt damit Lateinamerikas Intellektuelle gegen sich auf.
In den neunziger Jahren machte der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington Schlagzeilen als er einen „Kampf der Kulturen“ heraufbeschwor. In seinem gleichnamigen Buch vertrat er die These, daß künftige internationale Konflikte nicht mehr zwischen ideologischen Blöcken, sondern zwischen verschiedenen Kulturkreisen ausbrechen würden, vor allem zwischen dem Westen und dem Islam. Neben Zustimmung erntete er dafür auch viel Kritik.
Mit einem neuen Buch, das in Kürze in dem amerikanischen Verlag Simon & Schuster erscheinen wird, hat Huntington jetzt Lateinamerikas Intellektuelle gegen sich mobilisiert. Darin schreibt der Bostoner Professor, daß die Masseneinwanderung von Hispanos die nationale Einheit der Vereinigten Staaten bedrohe.
„Gezeter völlig unbegründet“
„Gegenwärtig stellt die unermeßliche und andauernde Einwanderung aus Lateinamerika, insbesondere aus Mexiko, die unmittelbarste und ernsteste Herausforderung für Amerikas traditionelle Identität dar“, schreibt Huntington in „Who are we“ (Wer sind wir). Bevor das Buch im Handel ist, hat ein Vorabdruck in der März-Ausgabe der Zeitschrift „Foreign Policy“ bereits für Furore gesorgt. Mit seiner Behauptung, daß sich die mexikanischen Einwanderer wegen ihrer großen Zahl und der Nähe zum Mutterland gar nicht mehr in die angelsächsisch geprägte Leitkultur der Vereinigten Staaten integrieren wollten, zog sich Huntington im Nachbarland den Vorwurf zu, unsachlich zu argumentieren und Vorurteile zu schüren.
Der mexikanische Ökonom Jesús Silva-Herzog Márquez bezeichnete in der Tageszeitung „Reforma“ Huntington als „den Stephen King der nordamerikanischen Politikwissenschaft“, dessen Bücher sich zwar ausgezeichnet verkauften, dessen Thesen aber der wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhielten. Seriöse Studien hätten längst das Klischee vom nicht integrierbaren Latino widerlegt. „Das Gezeter des Doktor Huntington ist völlig unbegründet“, schrieb Silva-Herzog.
„Pseudo-akademischer fremdenfeindlicher Blödsinn“
Der Argentinier Andrés Oppenheimer, Kolumnist der in ganz Lateinamerika gelesenen Tageszeitung „The Miami Herald“ nannte Huntingtons Thesen einen „pseudo-akademischen fremdenfeindlichen Blödsinn“. Untersuchungen hätten ergeben, daß der Trend unter den „Hispanics“ in Richtung Assimilierung gehe und immer mehr Kinder von Einwanderern eher Englisch als Spanisch sprächen. Im übrigen sei Zweisprachigkeit kein Nachteil. „Wo steht geschrieben, daß Leute biologisch auf eine Sprache beschränkt sind?“ fragte Oppenheimer.
Der mexikanische Politologe und frühere UN-Botschafter Adolfo Aguilar Zinser schrieb in „Reforma“, daß Huntington mit seiner Befürchtung, die Vereinigten Staaten könnten in „zwei Völker, zwei Kulturen und zwei Sprachen“ zerfallen sicherlich ein weit verbreitetes Denken im Nachbarland wiedergebe. „Die nordamerikanische Gesellschaft ist aber schon jetzt keine vorwiegend anglo-protestantische nationale Gemeinschaft mehr, auch wenn die Nostalgie Huntingtons und vieler anderer dies nicht akzeptieren mag“, fügte er hinzu. Selbst Präsident George W. Bush habe dies erkannt und Wahlkampfspots auf Englisch und auf Spanisch produzieren lassen.
„Ende Amerikas, wie wir es gekannt haben“
Laut Huntington sollten sich die Vereinigten Staaten aber gründlich überlegen, ob sie ein zweisprachiges Land wie Kanada oder Belgien werden wollten. „Die Verwandlung in ein solches Land wäre nicht notwendigerweise das Ende der Welt. Es wäre aber das Ende Amerikas, wie wir es für drei Jahrhunderte gekannt haben. Die Amerikaner sollten das nicht einfach geschehen lassen, solange sie nicht davon überzeugt sind, daß diese neue Nation eine bessere wäre“, schreibt er.
In Deutschland wird das Buch im Europa Verlag, der bereits Huntingtons „Kampf der Kulturen“ publizierte, erscheinen. Dort hofft man, die deutsche Ausgabe noch in diesem Jahre herauszubringen.