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Veröffentlicht: 16.06.2015, 18:13 Uhr

Kontroverse Aktion in Berlin Die Kunst schaufelt ein Grab

Mitten in der Hauptstadt werden von heute an die Leichen von Flüchtlingen beerdigt. Die Veranstalter der Aktion nennen sich „Zentrum für politische Schönheit“. Was soll das?

von Paula Schwerdtfeger
© dpa Die Stühle der politischen Ehrengäste blieben leer: In Berlin wurde eine im Mittelmeer ertrunkene Syrerin von einem Imam beerdigt.

Muss das sein? Diese Frage könnte unter die „Frequently Asked Questions“ des „Zentrums für politische Schönheit“ (ZPS) aufgenommen werden. Die Gruppe aus Berlin versteht sich als ein Kollektiv von Aktionskünstlern, das mit Kunst Politik machen will. Aktuell transportieren sie die Leichen im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge nach Berlin, um sie dort auf verschiedenen Friedhöfen der jeweiligen Konfession zu beerdigen. Nach Aussage des Zentrums für politische Schönheit sitzen die Verantwortlichen, die „bürokratischen Mörder“ dort.

Den Auftakt bildete am heutigen Dienstag eine Beerdigung auf dem Friedhof Berlin-Gatow. Vermeintlich wurde dort der Körper einer aus Syrien geflüchteten Frau im Kreise ihrer Angehörigen von einen Imam bestattet. Das Zentrum konnte die Tote nach eigenen Angaben identifizieren. Auf dem Fluchtweg nach Europa sei ihr Boot gekentert, die Frau im Mittelmeer ertrunken. Zu der Trauerfeier wurde neben 38 weiteren Amtsträgern Kanzlerin Angela Merkel eingeladen, ihre Rücktrittsrede hatte man selbst vorbereitet. Die Stühle – so das eindrückliche Bild – sind leer geblieben.

© dpa, reuters Beisetzung als Protest gegen europäische Flüchtlingspolitik

Sind die Mittel legitim?

Die Undurchlässigkeit der Europäischen Außengrenzen, so die Künstleraktivisten, fällt das Todesurteil über all jene, die von den Versprechen einer besseren Zukunft gelockt und von den Krisen ihrer Heimat getrieben sind. Die Aktion soll auf die Abriegelung Europas aufmerksam machen, die in den letzten Jahren durch die Organisation „Frontex“ und Programmen wie „Triton“ verstärkt wurde. Der humanitäre Einsatz von europäischer Seite – besonders jener Staaten, die als Binnenmitglieder nicht direkt betroffen sind – lässt dagegen zu wünschen übrig. Doch sind die Mittel legitim?

Diese erste Aktion ist der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, die den Titel „Die Toten kommen“ trägt. Das ruft düstere Assoziationen auf: schwarzromantische Totentänze, sich öffnende Gräber am Tag des Jüngsten Gerichts oder die schlachtenden Untoten aus der Fernsehserie „Game of Thrones“.

Und die Aktionen des Kollektivs sind kaum weniger düster: Leichen werden aus den Gräbern, in denen tote Flüchtlinge in Europa anonym begraben werden, exhumiert und von Leichentransportern über die Autobahn kutschiert. Für die nächsten Tage sind weitere Beerdigungen angemeldet und am kommenden Sonntag wird zu einem großen Demonstrationszug „der Entschlossenen“ durch Berlin aufgerufen. An ihrer Spitze: Drei Bagger, die den Vorplatz des Kanzleramts in einen gigantischen Friedhof verwandeln sollen: „Bringen Sie Blumen, Schaufeln, Steinpickel oder gleich Presslufthammer mit!“, heißt es auf der Website des Zentrums.

Auf Konfrontation gehen

Ziel ist es, den Leichen der tausenden Flüchtlinge die letzte Ehre zu erweisen und ihnen ausreichend Bestattungsplätze zu gewähren. „Direkt vor den politischen Entscheidungsträgern ist noch genug Platz“, verkündet das Zentrum. Die digital gefertigten Bilder dieser Vision sind auf der Website der Aktionsgruppe zu sehen. Sie sind schwindelerregend. Überspannt wird der Friedhof von einem großen Bogen, auf dem die Aufschrift „Den unbekannten Einwanderern“ zu lesen ist.

Die Konfrontation gehört zum Programm. Der Staat soll zum Gegenhandeln gebracht werden . Polizei und Grenzbeamten griffen zum Beispiel ein, als für die Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ mehrere Gedenkkreuze der Berliner Mauer entfernt wurden, die an getötete Flüchtlinge erinnerten; die Kreuze – oder vielleicht auch nur Repliken davon – wurden an den südöstlichen Außengrenzen von Europa wieder an den Grenzzäunen aufgehängt. Die Polizei unterbrach ebenfalls die Lesung des Gedichts „An die Schönheit“ des Expressionisten Ernst Stadler vor dem Reichstag. Dort hatte sich Nina von Bergen, ein Mitglied des ZPS mit einem Megaphon aufgestellt und war damit als politische Demonstrantin in die Bannmeile eingedrungen.

Ob Künstler oder Aktivist - wen interessiert das noch?

Für das Sichtbarmachen von Grenzen und Machtzentren bedient sich die Gruppe der Polemik und der Tat. Dabei bezieht sich Philipp Ruch, Gründer des ZPS, auf den Regisseur und Künstler Christoph Schlingensief. Auch Verweise auf den Futuristen Filippo Tommaso Marinetti sind denkbar, auf dadaistische Interventionen sowie auf die Situationistische Internationale – auch dort berief man sich auf anarchistische Schlagwort von der „Propaganda der Tat“. Dass die Aktionen vom ZPS von der medialen Aufmerksamkeit leben und von einem gewissen Zynismus geprägt sind, hat ihrem Gründer Ruch viel Kritik eingebracht. Auf die Frage, ob er nun Künstler oder Aktivist sei, reagiert er in der Regel mit manifestartiger Kampfrhetorik und inszeniertem Künstlerhabitus. Den utopischen Baumeistern der klassischen Moderne macht er darin alle Ehre.

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Es ist klar, dass die für Sonntag angekündigte Aktion nicht wie geplant stattfinden wird. Niemand wird zulassen, dass vor dem Kanzleramt der Boden aufgerissen wird und massenhaft Gräber geschaufelt werden. Aber die haarsträubenden Szenen von den Außengrenzen Europas sind erneut präsent. Um über sie zu sprechen sind neue Bilder geschaffen worden.

Mehr als die Frage aber, ob und inwiefern diese Aktion Kunst sei, zählt daher die neue Bildsprache, die mit den Aktionen gefunden wurde. An den Küsten Europas sterben täglich Flüchtlinge anonym, ihr Tod bleibt überwiegend unsichtbar. In Berlin nun erhalten sie ein Begräbnis und eine Trauerfeier, zu der alle eingeladen sind. Auf Twitter und Facebook sind die leeren Stuhlreihen, die für Politiker reserviert sind, schon jetzt ein Symbol geworden.

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