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Veröffentlicht: 15.05.2017, 13:30 Uhr

Kontinent im Aufruhr Trans Europa Express

Nie wollten Politik und Kunst so sehr eins sein – und überall wird nach „unserer Identität“ gesucht: 4200 Kilometer quer durch Europa, von Macron in Paris zur Kunstbiennale in Venedig und an den Grenzzaun in Ungarn.

von
© nma Was wir aus dem öffentlichen Raum alles machen könnten: die Aktionistengruppe Play zeigt es mit situationistischen Happening-Flößen und herumschwimmenden Häusern auf der Biennale in Venedig

Als wir an der französischen Grenze ankamen, regnete es, es regnete so, dass man die Schilder nach Lauterbourg und Roppenheim und Beinheim nicht mehr erkennen konnte, und im Radio diskutierten die Moderatoren, was wohl passieren würde, wenn all die jungen Wähler, die im ersten Wahlgang für den linksradikalen Altstalinisten Mélenchon gestimmt hatten, nicht zur Wahl gehen oder den Front National wählen würden und am Ende doch Marine Le Pen die Präsidentschaftswahl gewinnen würde. Die Begriffe „Schicksalswahl“ und „Ende von Europa“ fielen. Danach kam auf France Culture ein Vorbericht zur Kunstbiennale in Venedig, bei der, hieß es, auch geflüchtete Syrer Kunst machen würden.

Niklas Maak Folgen:

In Verdun hingen die aufgeweichten Wahlplakate an den Wänden, jemand hatte über Marine Le Pens Gesicht ein Plakat für den Kandidaten der Sozialisten, Benoît Hamon, geklebt, jemand anders hatte es zur Hälfte heruntergerissen, so dass der Sozialist Hamon jetzt das schulterlange Haar von Le Pen trug. Die einzigen Läden, die aufhatten, waren ein Beerdigungsinstitut, die Waschstraße und eine Poulet-Rôti-Bude: ein Sonntag in der Provinz. Auf einer Betonbrücke auf dem Weg zu den Massengräbern des Ersten Weltkriegs steht „Mélenchon“, mit einem Ausrufezeichen. Vor ein paar Jahren hatte Mélenchon in seinem Buch „Bismarcks Hering – das deutsche Gift“ geschrieben, dass die Deutschen alt, schmutzig, dick, egoistisch und faul seien: „Wer will schon Deutscher sein? Niemand . . . nicht einmal die Deutschen selbst.“

***

In Paris hat Emmanuel Macron seine Anhänger in den Hof des Louvre eingeladen. Kurz vor acht wird es sehr ruhig, man merkt, wie tief der Trump-Schock sitzt, wie sehr neuerdings alle mit den unglaublichsten Worst-Case-Szenarios rechnen, dann aber, als die erste Hochrechnung auf den Leinwänden auftaucht, Fahnengewinke, Geschrei, Umarmungen: Macron ist mit rund 66 Prozent zum jüngsten Präsidenten Frankreichs gewählt worden, er hat nicht nur die Wahl gewonnen, sondern auch Europa gerettet, denn wer weiß, sagt einer mit einer Kokarde an der Mütze, was bei einer Stichwahl zwischen Marine Le Pen und dem trübseligen François Hollande oder dem bis in die Knochen korrupten konservativen François Fillon passiert wäre. Auf der Rue de Rivoli fahren die, die nicht mehr hineingelassen wurden, einen Autokorso.

46396893 © nma Vergrößern Feierlaune am Wahlabend in Paris

Kurz vor 23 Uhr betritt dann endlich Macron den Hof des Louvre. Auf den Bildschirmen sieht man ihn im Mantel in den kalten Pariser Abend hineinwandern; er wirkt fragil vor dem sehr langen und sehr schwarzen Schatten, den er wirft, es wird der letzte Satz von Beethovens Neunter eingespielt, die „Europahymne“. Als Mitterrand 1981 zum ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik gewählt wurde, feierte er an der Place de la Bastille, dem Ort der Revolution; warum geht Macron, dessen Bestseller „Révolution“ heißt, in den Louvre?

Macron also tritt auf die Bühne und erklärt den Abend zu einem historischen, es gebe nichts Vergleichbares. Es gibt tosenden Applaus, hinten glitzert die Glasfassade der Pyramide.

Auf Twitter verschicken die ersten Verschwörungstheoretiker Bilder von Macron vor dieser Pyramide, einem Dreieck, das an das Symbol der Freimaurerlogen und an das der Illuminaten erinnert, die angeblich nach der Weltherrschaft streben. Dann aber macht auch Macron selbst das gläserne Kunstwerk zum zentralen Bild seiner Politik, die die Identität seines Landes in dessen Kultur, seiner Kunst und seiner Architektur sucht: „Der Louvre“, sagt Macron, sei „von der französischen Revolution bis zum Wagemut dieser Pyramide der Ort aller Französinnen und Franzosen: Europa und die Welt erwarten, dass wir den Geist der Aufklärung verteidigen.“

46396896 © AFP Vergrößern Wie gecastet: Macron in der Wahlnacht mit Familie und Untersatützern

Später tritt Macrons Familie auf die Bühne, die ja eine spezielle Familie ist, seine 24 Jahre ältere Frau, Brigitte Trogneux, mit ihren erwachsenen Kindern, dazu ein paar Leute, die aussehen, wie für ein Tableau vivant „Neues multikulturelles Frankreich“ gecastet; da stehen eine schöne dunkelhäutige Frau und ein Mann mit einer Baseballkappe, der eher aussieht, als ob sich ein klassischer Trump-Wähler auf Macrons Wahlparty verlaufen hat; er heißt, wie kurz darauf auf Twitter zu erfahren ist, Morgan Simon, leitet eine Pizza-Hut-Filiale in Nantes und ist einer der Wahlkampfhelfer. Unten vor dem Louvre grölen ein paar Jugendliche eine extraschiefe Version der Marseillaise in die Fernsehkameras, oben auf der Bühne singen Macron und seine erweiterte Idealfamilie ebenfalls den blutrünstigen Text der Nationalhymne, als es zum „unreinen Blut, das unserer Äcker Furchen tränkt“ kommt, lächelt der Präsident etwas verlegen, so, als ob er lieber nicht mitsingen würde.

Später zogen die Macronesen mit ihren Fahnen durch die Straßen nach Hause, am Pont du Carrousel hatte sich jemand in eine Europaflagge gewickelt, in der Rue Bonaparte wedelte eine junge Frau mit ihrer Tricolore, die größer als sie selbst war, eine Familie wanderte singend an der „Brasserie Lipp“ vorbei, in der, völlig ungerührt vom Rummel draußen, der große alte Peter Stein vor seinem Weinglas saß und sich sichtbar nicht mit der Präsidentenwahl befasste.

In der alten Buchhandlung auf der anderen Straßenseite stand Macrons Buch „Révolution“. Sie verkauften dort auch Bücher für alle, denen Macrons Revolution nicht revolutionär genug war, gerade vor ein paar Tagen erst war das neue Buch „Maintenant“ des „unsichtbaren Komitees“ erschienen, einer legendären Gruppe anonymer Autoren, die seit ihrem ersten Buch immer wieder einen großen Generalaufstand gegen die herrschenden Verhältnisse fordern. Weniger Rummel gab es in den Straßen des 16. Arrondissements, wo hinter Videokameras und schmiedeeisernen Toren das wohlhabende Pariser Großbürgertum sitzt; im ersten Wahlgang stimmten hier fast 60 Prozent für François Fillon; Korruption, allgemeine Taschenvollhauerei und Bereicherung auf Staatskosten sind in diesen Straßen nichts, weswegen man jemanden nicht wählen würde.

Am nächsten Morgen standen die Schlangen vor der Rodin-Ausstellung im Grand Palais, in der unter anderem der „Kuss“ und eine Gipskopie der „Bürger von Calais“ zu sehen sind, jener Skulptur, welche die einfachen Bürger, die sich im Jahr 1346 zum Wohl ihrer belagerten Stadt opfern wollten, als bildwürdige Monumentalfiguren zeigt. Die Nachfolger dieser Bürger, die Einwohner von Calais, hatten bei der Stichwahl am Sonntag mit deutlicher Mehrheit für Marine Le Pen gestimmt: Sie kam in der nordfranzösischen Stadt auf über 57 Prozent.

Wir fuhren aus Paris, wo der neue Präsident gerade das Kunstmuseum, den Ort der Kultur und die moderne Architektur in Anspruch genommen hatte, um eine politische Revolution anzukündigen, nach Süden, an den Ort, an dem die Kunst in diesem Jahr besonders politisch sein will, nach Venedig, zur Kunstbiennale, die dieses Jahr von der Pariserin Christine Macel geleitet wird.

Wir fuhren durch ein Land, das seit den Wahlen auf eine bizarre Weise geteilt ist – die westliche Hälfte hat im ersten Wahlgang politisch eher links, die östliche Hälfte Frankreichs eher rechts gewählt: Wer rechts auf der Karte wohnt, wählt eher rechts (über 50 Prozent in der Stadt Orange für Marine Le Pen), wer links wohnt, eher links.

46396901 © nma Vergrößern

***

Wir kamen spätabends in Venedig an, wo sich alles wie üblich auf der Terrasse des Hotels „Bauer“ versammelt hatte. Auf der anderen Seite des Kanals lag im Dunklen die Punta della Dogana, in der sich eines von zwei Privatmuseen des französischen Multimilliardärs Pinault befindet. In beiden zeigt Damien Hirst seine neue Monumentalausstellung, eine Materialschlacht, wie sie selbst die Giga-Ausstellungsbranche noch nicht erlebt hat. Eigentlich ist es eine als Kunstprojekt verkleidete Hommage an den Großsammler Pinault – denn die Ausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ erzählt die, natürlich erfundene, Geschichte des schwerreichen antiken Großsammlers Amotan, der die größte Kunstsammlung aller Zeiten besaß, diese nur dummerweise auf einem Schiff transportierte, das vor zweitausend Jahren sank und erst jetzt geborgen wurde. Die Hunderten von angeblichen Antiken sind aber so offensichtlich fake, als ob Hirst seine eigene Geschichte langweilig fand und vor allem irre große, zu Antiken veredelte Abgüsse aktueller Helden der Popkultur herstellen wollte: einen achtzehn Meter hohen „Demon with Bowl“ und Kate Moss als Göttin Hathor.

46228868 © Damien Hirst and Science Ltd. Vergrößern Die weise Wächterin der Pyramiden: Sphinx

Zwei Dinge sind typisch an diesem Projekt: die Freude einer bestimmten supersolventen Sammlerkunstwelt, die eigene Kultur als dekadenten Ruinenpark zu zeigen (wodurch die Zerstörungen, die das eigene aggressive System ebendieser Kultur zufügt, dann nicht mehr so deutlich zu sehen sind); der Hang zur Produktion von Kunstobjekten, die so champagnerschwer, fettgolden und glitzernd sind wie die Produkte, mit denen ihre Sammler im richtigen Leben ihr Geld verdienen (zu Pinaults Imperium gehören die Modemarken Gucci, Yves Saint-Laurent und Bottega Veneta) – die Kunst ist eine Art monumentale ästhetische Paraphrase jener Konsumobjektwelten, deren Erlöse ihren Erwerb möglich machen: So schaukeln sich Kunst und Konsumwelt gegenseitig immer weiter hoch, bis sie, wie in einer ästhetischen Zentrifuge, zu einem ununterscheidbaren Klunkerhagel verschmelzen.

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Es ist jedenfalls das Jahr der Schiffbruch-Ausstellungen: Während Pinault das „Wreck of the Unbelievable“ feiert, läuft eine deutlich interessantere Ausstellung in der Fondazione Prada unter dem Titel „The Boat is Leaking. The Captain Lied“ – und auf der Kunstbiennale, in der großen Eingangshalle des zentralen Hauptpavillons, sozusagen an der wichtigsten Stelle dieser Kunstschau, läuft man dann leider wirklich in Menschen hinein, deren Boote nicht nur metaphorisch Leck schlugen; hier sitzen Geflüchtete an Tischen und stecken Holzstäbchen und andere vorgefertigte Teile zu Lampen zusammen. Mitten unter ihnen steht der Künstler Ólafur Elíasson und gibt Interviews. Er hat sich das hier ausgedacht, die Besucher sollen gemeinsam mit Geflüchteten etwas herstellen, ein Objekt, das er, Elíasson, entworfen hat, eine Art Lampenmodul, das in verschiedenen Verklumpungszuständen den Raum füllt. Es ist viel von „Integration“ und „gemeinsamem Lernen“ die Rede.

46396916 © nma Vergrößern Holzstäbchen werden Lampen: Flüchtlinge unter der Anleitung von Ólafur Elíasson

Wie rigide und repressiv das scheinbar hippiesk nette „Wir lernen alle zusammen etwas, egal ob Besucher oder Flüchtling“ tatsächlich ist, zeigt sich aber schnell, wenn man, wie vom Künstler erwünscht, mitmachen möchte. Frage: Ob man hier auch eine Lampe bauen darf? Ja sehr gern, die Antwort einer netten, blassen Instruktorin des Teams. Und dürfen die Geflüchteten hier denn aus den Stäbchen auch andere Lampen bauen als die, die Elíasson entworfen hat; dürfen sie ihre eigenen Erfahrungen, Vorlieben, Ideen und Phantasien einbringen? Antwort: Nein, so sei das nicht gedacht, es gehe ja darum, dass wir gemeinsam lernen, wie man etwas herstellt. Erfinden darf man nichts, nur ausführen, was der Künstler vorgibt. Der Flüchtling lernt, auszuführen, was der große Europäer an Schönem entwarf. Aber was, wenn die Geflüchteten viel schönere, interessantere, poetischere Lampen aus den Stäbchen bauen würden als die, die die Elíasson-Großkunstwerke ihnen dort zur ordnungsgemäßen Zusammensetzung auf den Tisch legen? Man wird es nicht erfahren.

Liegt die Rettung der Kunst dort, wo sie so ganz anders ist – im Deutschen Pavillon zum Beispiel, der aussieht wie das Gegenteil zu Elíassons bunter und doch so dunkler Bastelwelt: nämlich eiskalt und konzentriert und modern? Hier wurde ein Glasboden und eine Konstruktion aus Glaswänden eingezogen, die wahlweise an eine Versuchsanstalt, einen Laufsteg oder einen klinisch depressiv aufgeräumten Piranesi-Kerkerbau denken lässt und von der Künstlerin Anne Imhof, wie das immer heißt, „bespielt“ wird, was hier aber sogar einmal sinnvoll ist, weil sie hier zusammen mit anderen in einer fünfstündigen Choreographie mit dem Titel „Faust“ auftritt, wobei offenbleibt, ob es hier um den Faust (Goethe) oder die Faust (Protest, Wut, Ballung) geht. Imhof dirigiert jedenfalls per Mobiltelefonnachrichten ihre Schauspieler und dazu Drohnen, verhallende Geigenklänge und Technosounds durch dieses gläserne Labyrinth, das man auf seine abstrakte Weise auch als eine Reflexion von Grenzen, Ein- und Ausgesperrtsein, Identitätssuche, Leit- und Leidkultur lesen kann, nur eben sehr viel abstrakter. Das Ganze erinnert an einen Showroom, der sich unversehens in ein surreales Labor verwandelt hat: Manchmal singen die Schauspieler, manchmal frieren sie zu Standbildern ein, manchmal picknicken sie mit ein paar Hunden, dazwischen liegen, wie in einer frühen Matthew-Barney-Performance, seltsame Gerätschaften herum – und von allem werden Fotos gemacht, die dann, bearbeitet, wieder in diese abstrakte Welt eingespeist werden, als Gemälde oder Bild eines Bildes. Einige fanden in dieser Arbeit wie in einem vereisten Brennglas alles, was unsere Kultur gerade ausmacht, den Technosound und die Kälte der Modeschauen und -welten, die Blassheit der Gesten und Konstellationen, die prekäre Position, die Endlosschleifen der Bilder, die nur noch auf andere Bilder verweisen, die melancholische Handlungshemmung einer Epoche und die Sehnsucht nach Aufbruch, Gemeinschaft, Revolte, den dumpfen Trost der Bässe, Drohnen, Nebel, die unsichtbaren Mutationen, und dann dazu die zeitlosen Themen; Versacken, Aufbegehren, Zögern, Losmarschieren, Körper, die funktionieren sollen, und Körper, die sich weigern, das zu tun. Andere trampelten vor Wut über diese Kunst so wütend auf den Glasboden, dass es ein ungutes Knacken gab, denn sie fanden Imhofs Gegenwarts-Laborwelt: zu deutsch (Glashäuser, Techno, Faust, Wachhunde, schwarze Springerstiefel), zu dunkelmodisch schick, kitschig, pathetisch (besonders professionelle Choreographen reagieren auf das, was Imhof darunter versteht, sehr allergisch).

Kalt ließ das Werk jedenfalls niemanden, wie überhaupt so heftig wie lange nicht mehr gestritten wird über die Kunst: Es gibt, von Elíasson bis zu Dana Schutz und deren geschmäcklerisch zermaltes Gemälde eins jungen Schwarzen, der 1953 von einem weißen Mob umgebracht wurde, so viele Proteste gegen und heftige Debatten über Kunst wie lange nicht mehr. Die politische Unruhe hat, so scheint es, die Kunst ergriffen, die nicht mehr nur das Weltgeschehen kommentiert, sondern selbst zum Gegenstand von Polemik, Angriff, Streit wird – nachdem auf Biennalen die Besucher mit schläfrig-einhelligen Abfilmereien von diversen Polit-Ereignissen gelangweilt wurden, ist das einmal eine gute Nachricht. Die andere auf dieser so heftig kritisierten Biennale ist die, dass sie gerade auch Kunst zeigt, die auf eine subtilere Weise politisch ist – die Kleidungs- und Textilkunstwerke von Heidi Bucher (1926–1993) etwa, die einem neuen feministischen Selbstbewusstsein in ihren Arbeiten eine Form gab, oder die großartige japanische Aktionistengruppe Play, die mit situationistischen Happening-Flößen und herumschwimmenden Häusern zeigt, was wir aus dem öffentlichen Raum alles machen könnten.

46396914 © nma Vergrößern In Venedig bedeutet Europa chinesischer Espresso

Nicht allen Besuchern reichte das, einige rauschten erbost zum Palazzo Fortuny weiter, am Kiosk vor dem Garibaldi-Denkmal steckten ein paar deutsche Tageszeitungen im Ständer, zwischen den italienischen Schlagzeilen des „Corriere della Sera“ schauten die Worte „Leitkultur“ und „Heimat“ heraus, und in der Bar mit dem schönen, neu-europäischen Namen „Da Valentino di Hu Wei“ am Castello 1137 servierte die Chinesin Keny einen perfekten italienischen Espresso.

***

Wir fuhren weiter nach Osten, dorthin, wo das, wenn man Länge als Größe gelten lässt, größte Bauwerk Europas entstanden ist – keine Pyramide, sondern ein Zaun, der länger ist als die Mauer, die den Osten vom Westen Deutschlands trennte. Während Macron vor der gläsernen Pyramide stand und Anne Imhofs Figuren durch die Glaslabyrinthe ihres Gegenwartslabors taumelten, hatte Viktor Orbán bekräftigt, dass er gerade das Modernste und Größte baut, was Ungarn je gesehen hat – den „intelligenten“ Grenzzaun hinter dem provisorischen von 2015. Wir fuhren also an Triest vorbei über Ljubljana bis nach Maribor, vorbei an alten, aufgegebenen Grenzstationen, die wie Begrüßungsstationen für Außerirdische aussahen, bis zur ungarischen Grenze. Hier war nichts aufgegeben, hier, an der Überfahrt von Goričan nach Letenye, türmten Bagger einen gigantischen Wall auf, eine neue Grenzsicherung. Die Autofahrer mussten ihre Kofferräume öffnen und durften erst dann passieren; und je weiter man östlich in Richtung serbischer Grenze fuhr, desto mehr Stacheldraht und Stahl blitzte in der Sonne. Frage an einen der Grenzer: Ist das da der neue Zaun? Antwort, nein, der neue wird noch gebaut, ein intelligenter Zaun! – Warum intelligent? Kann er unberechtigte von berechtigten Flüchtlingen unterscheiden? Der Grenzer findet das sehr lustig, er schiebt jetzt seine Mütze ein bisschen zurück, hören Sie, das wäre toll, nein, leider nicht, aber er hat Nachtsichtkameras, Bewegungssensoren und Lautsprecher, die ihre Warnungen auch auf Arabisch, Urdu und Farsi in die Nacht brüllen. Gebaut wird der Zaun von Häftlingen.

46396927 © nma Vergrößern In Ungarn wächst der längste Bau Europas

Wir parkten hinter der Grenze und telefonierten. Wir versuchten herauszufinden, wo die Documenta-Reiter waren, die mehr oder weniger auf der Route, die auch die Flüchtenden nach Deutschland nahmen, als die Balkanroute noch offen war, gerade von Athen nach Kassel reiten, aber die waren noch tief im Süden, bei Surdulica an der mazedonisch-serbischen Grenze. Auch wir fuhren auf dieser Route, in der alles so aussah, als habe es nie Geflüchtete gegeben; sie sind aus dem öffentlichen Bild verschwunden, nur der Zaun erzählte von der Angst, dass wieder jemand kommen könnte. Brünn und Prag zogen vorbei, Dresden lag dunkel an der Elbe, wo der syrische Künstler Manaf Halbouni unter großem Protest im Februar drei Buswracks senkrecht vor der Frauenkirche aufgestellt hatte. Es sah aus, als hätte jemand der Welt von innen einen Dreizack durch die Haut gerammt, und vielleicht ist das gerade die Position der Kunst in einer Welt, in der sogar die Politik sich nach ihren Energien sehnt.

Glosse

Oligarchie ist machbar, Herr Nachbar

Von Simon Strauss

Zu seinem siebzigsten Geburtstag gibt der Philosoph Peter Sloterdijk ein Interview, in dem er erklärt, wie es angeblich wirklich läuft in der Demokratie. Er macht es sich zu einfach. Mehr 1 4

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