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Konservativismus Ein Stück weit Führung

19.08.2005 ·  Was ist konservativ? Wolfgang Schäuble geht in Berlin auf Phantomjagd und hangelt sich von Stichwort zu Stichwort, ohne eine schlüssige Antwort zu finden.

Von Mark Siemons
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Seitdem sich ein Regierungswechsel abzeichnet, steht das Gespenst des Konservativismus im Raum - so, als müsse den Niederungen von Steuern, Renten und wie die Realien des Tagesgeschäfts noch alle heißen, notwendigerweise ein Überbau entsprechen, der dem Staatsmanagement erst einen höheren Sinn, einen Zusammenhang verleiht, der sich vom „rot-grünen“ merklich abhebt.

Überall schwärmen jetzt Konservativismus-Scouts aus, die unter jedem realpolitischen Stein ein Pflänzchen der neuen Denkungsart auszugraben hoffen. Die Kulturmedien leben von dieser Erwartung und die CDU natürlich auch.

So war es ganz in der Ordnung, daß Wolfgang Schäuble am Tag seiner Berufung in das Merkelsche Kompetenzteam zum Thema „Was ist konservativ?“ sprach, und zwar im Lichthof der Berliner Deutsche-Bank-Filiale Unter den Linden.

Video: Kritik an Merkels „Kompetenzteam“

Dem Menschen ist etwas zuzutrauen

Es hatte allerdings auch seine Logik, daß die nicht sehr zahlreichen Zuhörer überwiegend aus engeren Sympathisantenkreisen stammten. Einige streiften noch ein wenig durch die Vanitas-Schau von Douglas Gordon, die nebenan in den Ausstellungsräumen der Deutschen Bank gezeigt wird, und ließen sich durch die verrutschten Identitätsbilder von Damien Hirst, Jeff Koons und Robert Mapplethorpe noch mal eben die „Schnittstelle von Eitelkeit, Selbstdarstellung und Sinnestäuschung“ (so die Kuratorin) vor Augen führen, bevor sie sich dem Programmatischen im engeren Sinne zuwandten.

Schäuble ließ sich denn auch nicht lange bitten vom Abgeordneten Günter Nooke (Pankow), der ihn eingeladen hatte, und war vom ersten Augenblick an auf Nachdenklichkeit gestimmt. Er hatte keine fertige Theorie mitgebracht, sondern tastete sich von Stichwort zu Stichwort immer tiefer in das Thema hinein.

Was ist konservativ? Das Antidiskriminierungsgesetz der rot-grünen Koalition jedenfalls nicht. Das war eine erste, wenn auch noch negative Bestimmung. Das Antidiskriminierungsgesetz traue dem Menschen zu wenig zu. „Wir dürfen nicht wollen, daß alles geregelt ist und vorgekaut.“ Aber: Der Mensch ist auch ein Wesen, das fehlen kann und daher Grenzen braucht. Woraus folgt „das Wissen um die Notwendigkeit von Mäßigung, Maßhalten“.

Formale Gemeinplätze statt spezifischer Weltsicht

Nichts verabsolutieren, nicht einmal die eigenen Ängste. Und dabei die Orientierung nicht verlieren. Daher die Favorisierung von kleinen Einheiten. „Dazu gehört dann auch das Wissen, wo man herkommt“ (das sich natürlich immer mit der Offenheit für andere verbindet). Nicht zu vergessen die Sekundärtugenden, die man nicht verachten soll. Schließlich bedarf es der Institutionen, und welche bessere gäbe es da als die Familie. Am Schluß durfte auch die Formel „ein Stück weit“ nicht fehlen: ein Stück weit Führung, ein Stück Vertrauen, und „Führung heißt ein Stück weit auch, Kurs zu halten gegen den Wind“.

Mit einem Wort: Schäuble ließ zwischen Grenzen-Setzen, Herkommen, Institutionen, Familie und Führung kaum eine semantische Duftmarke aus, die man landläufig mit „konservativ“ verbindet, und doch wollte sich in der lockeren Reihung seines Vortrags nicht der Eindruck einer spezifischen Weltsicht einstellen.

Eher waren es formale Gemeinplätze, die mit etwas anderer Wortwahl genauso von Grünen oder Sozialdemokraten hätten vertreten werden können. Das wurde noch deutlicher, als später jemand aus dem Publikum auf Pasolinis Freibeuterschriften verwies, die beschrieben, wie sich während der langen Regierungszeit der Democrazia Cristiana in Italien all das durchsetzte, was unter dem Leitmotiv „Hedonismus“ deren Werten eigentlich entgegenstand.

Eher Christdemokrat als Konservativer

Da benannte Schäuble das Dilemma ziemlich präzise: „Wollen Sie im Ernst sagen, man solle im Interesse, den Hedonismus zu verhindern, die Medienfreiheit einschränken?“ Und dann bekannte er: „Wenn Sie mich fragen, würde ich mich eher als Christdemokraten bezeichnen denn als Konservativen“, und zum christlichen Menschenbild gehöre immerhin auch die Erbsünde, mit der jederzeit zu rechnen sei.

In Wirklichkeit konnte Schäuble mit dem ganzen Konservativismus-Thema nicht viel anfangen, und die ganze heutige CDU kann es wohl genausowenig. Ihre Milieus mögen von der einen oder anderen konservativen Intuition geprägt sein: Da gibt es Nationale, die das Deutsche wieder stärken wollen, Katholiken, die gegen Abtreibung sind, Menschen, denen die moderne Zersplitterung und Relativierung überhaupt Unbehagen bereitet.

Kein Weg zurück in eine Gesellschaft aus einem Guß

Doch diese einzelnen Elemente fügen sich nicht mehr zu einer gemeinsamen, „konservativen“ Anschauung; ihre Aufsplitterung ist vielmehr selbst ein Resultat der modernen Pluralität und Subjektivität und deren Auflösung allgemein geltender Verbindlichkeiten, gegen die sich der Konservativismus früher einmal gewandt hatte.

Unter den Bedingungen eines offenen Marktes führt kein Weg in die Gesellschaft aus einem Guß zurück. Deshalb machen auch die bisweilen aufflackernden Polemiken gegen die sogenannte Achtundsechziger-Kultur so ratlos: Man weiß gar nicht, von welchem Ort aus sie sprechen. Der amerikanische Neokonservativismus dagegen würde in seinem Dezisionismus von Konservativen alter Schule wohl nicht als konservativ anerkannt werden.

So hat nicht nur die SPD ein Überbau-Problem; bei der CDU ist es aufgrund ihrer pragmatischen Traditionslinie nur unauffälliger. Als Unterscheidungsmerkmal bleiben die konkreten Sachfragen. Erst als sich das Berliner Gespräch mit Schäuble der Außenpolitik zuwandte, wurde es ernst.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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