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Kommunizieren wie früher Glücklich mit Wählscheibe

02.01.2008 ·  Wie war das noch, wie haben wir uns vor 15 Jahren verabredet, woher bezogen wir Informationen ohne Internet, und wie sagten wir dazu statt „googeln“? Von einer, die sich gut gelaunt dem Fortschritt verweigert.

Von Johanna Adorján
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Ich muss kurz ausholen. Eine Großtante von mir war in den fünfziger Jahren eine ziemlich bekannte Jazzpianistin. Sie veröffentlichte als erste Solokünstlerin auf dem Plattenlabel Blue Note - eine Weiße, eine Deutsche -, was so ungewöhnlich ist, dass heute Doktorarbeiten über sie geschrieben werden und einiges über sie im Internet zu finden ist.

So. Dies als Einleitung zu einem Text, in dem es um eine andere Verwandte von mir gehen soll, um meine Tante Dagmar, die 69 Jahre alt ist und in Mainz lebt, seit bald vierzig Jahren in derselben Wohnung, einer hellen Dreizimmerwohnung in einem nicht gerade beängstigend hohen Hochhaus. Wäre es nicht vor zwei Jahren kaputtgegangen, hätte meine Tante auch noch denselben Telefonapparat wie bei ihrem Einzug Anfang der siebziger Jahre. Jetzt hat sie ein neues Modell, statt Wahlscheibe hat es Tastatur, und das Kabel ist etwas länger - theoretisch könnte sie, wenn sie das Hörerkabel ganz gerade spannt, damit fast auf dem Balkon telefonieren, aber warum sollte sie. Sie telefoniert seit Jahrzehnten bequem im Flur, ein Stuhl steht extra neben dem Telefon dafür bereit.

Was? Im Internet?

Dort saß meine Tante Dagmar, als ich ihr neulich am Telefon erzählte, dass ich irgendetwas Neues über unsere berühmte Jazz-Verwandte im Internet gefunden hatte. „Was?“, hörte ich sie erschrocken sagen. „Im Internet? Wie kommt die denn da rein?“ Und bevor ich noch antworten konnte, schickte sie noch eine Frage hinterher: „Und wie lange bleibt sie da jetzt drin?“

Jutta Hipp, die Jazzpianistin, ist seit vier Jahren tot. Wie sie heute, 2007, ins Internet kommt, ist eines der vielen Rätsel, die die moderne Welt für meine Tante Dagmar bereithält.

Sie besitzt weder Handy noch Computer, ist in ihrem Leben nur ein Mal geflogen, und den Führerschein hat sie auch nur gemacht, um ihn nie zu benutzen. Sie führt ein Leben, das konzentrierter ist als zum Beispiel meines. Wenn sie auf die Straßenbahn wartet, wartet sie auf die Straßenbahn. Wenn sie spazieren geht, geht sie spazieren. Und will sie wissen, was in der Welt passiert, schaltet sie um 20 Uhr die Nachrichten ein. Sie hat nicht schon vorher auf „Spiegel online“ geschaut. Sie nimmt während eines Spaziergangs nicht alle paar Schritte ihr Handy in die Hand, um nachzusehen, ob es wirklich vibriert hat oder ob die Vibration nur eingebildet war. Sie verschickt keine Nachrichten, während sie auf die Bahn wartet, in denen drinsteht, dass sie auf die Bahn wartet. Meine Tante Dagmar lebt, wie wir alle vor fünfzehn Jahren gelebt haben (minus den Anrufbeantworter, den hat sie nämlich auch nicht). Wie war das noch, wie ging das, wie haben wir uns verabredet, woher bezogen wir Informationen, und wie sagten wir dazu statt „googeln“?

1) Information

Ich habe meiner Tante den Artikel über Jutta Hipp ausgedruckt und - mit der Post - geschickt. Sie fand ihn interessant, sagt sie, konnte aber das Geburtsdatum ihrer Tante darin nicht finden und wollte nun aber gerade dies genauer wissen. Meine Tante hat zu Hause kein Jazzlexikon, und im mehrbändigen dunkelroten dtv-Lexikon, das ihr sonst als erste Anlaufstelle für gesuchte Informationen dient, stand Jutta Hipp nicht drin. Hätte sie in diesem speziellen Fall nicht in irgendeiner Schublade das golden verbrämte Tagebuch der Mutter von Jutta Hipp gefunden, in dem diese in zierlicher deutscher Schreibschrift am 4. Februar 1925 die Geburt ihrer Tochter Jutta verzeichnet hatte, was hätte sie, ohne Internet, getan?

Ich erinnere mich noch, wie ich das Internet erklärt bekam. Ernste junge Männer, die wenige Worte verloren, setzten sich mit jungen Redakteuren wie mir vor einen Computerbildschirm, öffneten Yahoo oder etwas anderes, von dem ich meiner Tante auch heute noch nicht genau erklären könnte, was es ist - und schon war man dabei. Zwölf Jahre dürfte das her sein, dreizehn vielleicht, und die Erinnerung an die Zeit davor ist beinahe gelöscht. Ich meine die Frage also gar nicht rhetorisch: Wie würde man den Geburtstag einer bestimmten Jazzpianistin herausfinden ohne Internetzugang und Lust, extra dafür in eine Bibliothek zu gehen? Etwas weiter gefasst: Wie kommt jemand wie meine Tante mit möglichst wenig Aufwand an eine kleine Information?

Meine Tante macht es so: Sie geht zum Buchladen ihres Vertrauens und guckt dort in einem spezialisierten Nachschlagewerk nach. Zumindest macht sie das, wenn etwas sie am nächsten Morgen auch noch interessiert. Oft erscheint etwas aber über Nacht schon gar nicht mehr so drängend, sagt sie.

2) Kommunikation

Von allen Menschen, die ich kenne, telefoniert meine Tante Dagmar vielleicht am liebsten. Unter Telefonieren versteht sie Folgendes: Einer spricht, einer hört zu oder umgekehrt - auf jeden Fall gehören zwei Menschen dazu, und zwar gleichzeitig. Anrufbeantworter bespricht sie nicht so gerne, das merkt man schon daran, dass vor jeder Nachricht von ihr drei Mal zu hören ist, wie jemand auflegt. Und was ihr noch wichtig ist: dass man sich aufs Telefonieren konzentrieren kann. Deshalb ruft sie, die ja kein Handy besitzt, auch nie auf einem an. Sie möchte nicht stören. Wer weiß schon, wo der andere gerade ist, was er macht, ob es passt. Und so ist ihre Eingangsfrage denn auch immer noch: „Wie geht es dir?“ - und nicht: „Wo bist du gerade?“

Ein Doppelpunkt, auf den ein Bindestrich folgt, auf den eine sich schließende Klammer folgt, ist für meine Tante genau das und kein Anzeichen dafür, dass jemand sich Sorgen macht, ein Scherz könnte nicht als solcher verstanden werden.

Es gibt Sätze, die für sie wahrscheinlich keinen richtigen Sinn ergeben:

„Ich kann das Bild nicht öffnen.“

„Ich habe nur noch einen Balken.“

„Ich habe das Lied gelöscht.“

Und es gibt Situationen, die sie nicht versteht. Vielleicht sind sie auch nicht zu verstehen, wir haben uns nur an sie gewöhnt.

Neulich, erzählt meine Tante, habe sie beobachtet, wie zwei Jugendliche über ein Bahngleis hinweg miteinander kommunizierten. Sie waren vielleicht zwei Meter voneinander entfernt, sahen sich an, während sie, trotz Hörweite, über ihre Handys miteinander sprachen. Nicht nur die Situation fand sie seltsam - auch den Inhalt des Gesprächs: „Und, machst du heut' noch was?“ - „Nee, weiß nicht, und du?“ - „Keine Ahnung, mal sehen. Du, jetzt kommt meine Bahn.“ - „Okay, tschüss.“ - „Tschüss.“

Telefonate ohne erkennbaren Informationswert

Meine Tante telefoniert gerne, sie telefoniert lang, und sie telefoniert gut. Sie setzt sich dafür ans Telefon, wählt die Nummer der Person, der sie etwas erzählen oder von der sie etwas wissen will, und wenn diese den Hörer abhebt, kommt es zu einem Gespräch. Zwei Menschen, die Lust haben auf eine Unterhaltung, tauschen sich aus. Das ist die Verabredung, die meiner Tante für Telefonate gilt. Wer nicht sprechen möchte, der gehe eben nicht ans Telefon. Und wer nichts zu sagen habe, der müsse dafür nicht extra jemanden anrufen: Nonsens-Gespräche, wie sie es nennt, Telefonate ohne erkennbaren Informationswert, hält sie für Zeit- und Geldverschwendung.

Was, wenn sie sich zu einer Verabredung verspätet - oder umgekehrt, ihre Verabredung nicht erscheint? Ruft man dann von unterwegs von einem Münztelefon im Restaurant an? Und wenn man als Erster da ist und der andere nicht kommt: Wie lange wartet man, bevor man geht?

Meine Tante überlegt. In einer solchen Situation sei sie noch nie gewesen, sagt sie. Sie sei eigentlich immer pünktlich und ihre Bekannten auch.

Wahnsinnig alleine

Zugverbindungen schaut meine Tante im aktuellen Fahrplan nach, den sie aus der Zeitung ausschneidet und aufhebt. Briefe, die sie mit der Hand schreibt, verschickt sie mit der Post. Ihr Briefkasten kann zwar nicht sprechen, aber wenn sie ihn öffnet, kann sie selber sehen, ob sie Post hat oder nicht. Ihre Bankgeschäfte erledigt sie persönlich, und wie in ihrer Buchhandlung wird sie auch in ihrer Bankfiliale mit Namen begrüßt. Sie kennt fast alle Telefonnummern, die sie wählt, auswendig. Was ein iPhone ist, weiß sie aus der Fernsehwerbung, und was Google ist, haben ihr Freunde erklärt.

Sie sei eben altmodisch, sagt meine Tante, und es scheint ihr nicht das klitzekleinste bisschen auszumachen.

Als ich wieder zu Hause bin - mein Flug nach Berlin hatte Verspätung, was ich ungefähr sechs Personen live mitgeteilt habe, von denen aber nur eine mit mir sprach, wobei ich erfuhr, dass eine Weihnachtsfeier in einem Kindergarten in München-Giesing verschoben worden war -, checke ich meine E-Mails, ärgere mich vier Mal, freue mich über keine, was gut bis zum nächsten Morgen hätte warten können. Mein Anrufbeantworter blinkt nicht, was bedeutet, dass mir niemand eine Nachricht hinterlassen wollte. Ich gehe dann schnell noch zum Supermarkt, etwas zu essen kaufen, weil aber mein Handy noch lädt, muss ich es zu Hause lassen, weshalb ich die ganzen zehn Minuten über nervös bin und mich wahnsinnig alleine fühle. Ich ahne, dass meine Tante mir etwas voraushat.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.12.2007, Nr. 52 / Seite 29
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